Kann das Café Philosophique halten, was es verspricht ?
Den Möglichkeiten und Leistungen des Café Philosophique sind seiner Eigenart gemäß Grenzen gesetzt. Manch ein universitär ausgebildeter Philosoph wird die gewohnte Stringenz und Folgerichtigkeit eines philosophischen Diskurses vermissen, ebenso den hart erworbenen Boden philosophischen Wissens, den vertrauten Anknüpfungspunkt eines fachspezifischen "Nähkästchenjargons" oder einfach nur die großen Namen und Ideen unserer Denktradition. Ihnen bietet das Café Philosophique die Möglichkeit, über die vermeintliche Sicherheit eines bereitgestellten Systems oder einer Denkströmung hinaus nicht nur im Namen von ..., sondern im eigenen Namen Stellung zu beziehen. Es hat sich als Herausforderung für alle Beteiligten erwiesen, das philosophische Kulturgut verständlich mitzuteilen und auf konkrete Ereignisse und Erfahrungen rückzubeziehen.
Was das Café Philosophique leistet und halten kann, kommt darauf an, was man von ihm erwartet. Eine falsche Erwartung liegt sicher darin, endgültige Antworten zu finden, Lösungen für konkrete Probleme erarbeiten zu wollen. Das liegt in der Natur des philosophischen Diskurses. Unser Denken ist nicht voraussetzungslos. Einer Stellungnahme können die unterschiedlichsten Motive, Absichten, Gründe, Argumente und Perspektiven zugrunde liegen. Daher beabsichtigen wir nicht die Gesprächsrunde auf einen abschließenden Konsens zu verpflichten. Aber worin liegt der Sinn eines Diskurses, der keine letztgültige Orientierung verheißt? Das Café Philo kann keine Gewißheit liefern, wohl aber die Möglichkeit einer Vergewisserung. Es ermöglicht die Teilhabe an dem Meinungsreichtum und den Überzeugungen anderer und fordert heraus, unser eigenes Denken zu überdenken: unser Welt- und Menschenbild zu modifizieren oder zu konkretisieren. Folgen nicht aus diesem - bewußt oder unbewußt - zu einem guten Teil unsere Entscheidungen und Handlungen. Und erfahren wir uns darin nicht als wer und was wir sind?
Die Frage wird gestellt, ob das Café Philo der Philosophie letztlich nützt oder schadet, ob es sich um eine Philosophie der ersten Schritte oder eine Pseudophilosophie handelt. Dem ist entgegenzuhalten, daþ durch das Café Philosophique eine alte philosophische Gesprächskultur wiederbelebt wird. Als philosophisches Café zeichnet es sich dadurch aus, wie die "Alten" konkrete Erfahrungen auf einer allgemeineren, grundsätzlicheren Ebene zu erörtern und diese Erkenntnisse rückzuübersetzen und in dem Versuch unsere Lebenswirklichkeit mit der Frage nach der Bedeutung der unterschiedlichsten Facetten unseres Daseins zu erhellen und zu verstehen (vgl. Marc Sautet, "Ein Café für Sokrates").
Ob dies gelingt, liegt an jedem, der sich dem Philosophieren verschreibt oder sich dazu berufen fühlt.
Beide, der in der menschlichen Denktradition Bewanderte und lebensnahe Fragen skeptisch Beäugende, wie derjenige, der der Eigenart der philosophischen Abstraktion Lebensferne unterstellt, sind mit einer guten Portion mediterraner Gelassenheit gegenüber der Flüchtigkeit dieses philosophischen Diskurses gut beraten - und das ist auch eine philosophische Haltung.
Verantwortlich: Dr. Ulrich Teich