„Ethische Fragen der technologischen Revolution“ von Dr. Bernard Tucker

Mit der Wahl des Themas „Ethische Fragen der technologischen Revolution“ wurde seitens des Themengebers sogleich die Machtfrage aufgeworfen: üben im sprunghaft fortschreitenden technologischen Fortschritt die Menschen noch die Macht über die Maschinen aus? Oder ist es nicht vielmehr so, daß intelligente Maschinen, die mit dem traditionellen Maschinenbegriff kaum noch zu fassen sind, demnächst die Macht über die Menschen ausüben? Kern der Frage ist also nicht die Maschine, wie sie von Archimedes, Leonardo da Vinci, James Watt und den Gebrüdern Wright als technische Realisation menschlicher Naturbeherrschung und Machterweiterung erdacht wurde, auch nicht die Maschine im klassischen Industriezeitalter, in der der Mensch in der Entfremdung von sich selbst seinerseits zum Maschinenteil wird, sondern um die sich selbst steuernde und selbst programmierende Kommunikationswelt der Digitalisierung, kurz „KI“ (Künstliche Intelligenz) genannt, in der offenbar der Machtbegriff im traditionellen politisch-soziologischen Sinne von Herrschaftsausübung, z.B. in Hierarchien, kaum noch Bedeutung hat und von Grund auf neu gedacht werden muß.

Ich fasse die Café-Diskussionen des heutigen Tages in drei Teilen zusammen. Erstens: philosophische Anthropologie. Hier gipfelte das Café-Gespräch in der provozierenden Frage: „den“ Menschen, gibt es den überhaupt? Zweitens: Technikphilosophie: Technikbegeisterung, Technikfeindschaft, Ausblicke auf Überwindungs- und Versöhnungsformen von Mensch und Technik. Drittens: Ethik. Fragen des „guten Lebens“ angesichts von Problemen, die sich vermutlich auch durch KI nicht restlos lösen lassen: Machtwille, Verantwortung, Folgenabschätzung, Gier, Neid, Ehrgeiz, Freiheit, Hoffnung, Leidenschaft.

1. Im Silicon Valley werden autonome technische Systeme entwickelt, die die Komplexität der menschlichen Lebenswelt besser bewältigen können als die Menschen selbst. Sie erraten unsere Wünsche und Intentionen, sie „optimieren“ uns digital und schreiben uns am Ende gar vor, wie wir zu leben haben: alles im Namen von Effizienz, Berechenbarkeit und Perfektion. Was hat unter den Bedingungen dieser „Brave New World“ (Aldous Huxley) noch der Mensch zu suchen, wie wir ihn im herkömmlichen Sinne kennen, getrieben von Leidenschaften und gleichzeitig nachdenkend über den Sinn seines Daseins, ständig im Krieg mit sich selbst und seinesgleichen und gleichzeitig ständig besorgt um Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit? Was hat Mensch als vernunftbegabtes Wesen inmitten der von ihm selbst produzierten technischen Umwelt zu suchen?

Man ist geneigt, zu sagen: alles! Wenn es „den“ Menschen als digital reguliertes Design-Objekt geben sollte, dann ist diese neuartige Wesensbestimmung des homo sapiens erst einmal das Ergebnis einer schon in der Steinzeit anhebenden Geschichte der Dialektik von Mensch und Maschine, die, Fluch und Segen zugleich, uns in tragischer List alles beschert: die Ästhetik und die Bombe, Auto, Flugzeug, industriellen Massenmord und das Smartphone, das uns freundlicherweise das Denken abnimmt.

Der Mensch bildet sich ab in seinen technischen Produkten, und diese wirken zurück – oftmals als Negation des Menschen, als das Fremde, Unmenschliche, oder als das unbehagliche Gefühl des Zurückgebliebenseins. Im Café wurde hier der Günther-Anders-Topos von der „Antiquiertheit des Menschen“ zitiert, eine Wahrnehmung, die in ihrer kritischen Sorge um den künftigen Status des Menschen als Mitgeschöpf in einem merkwürdigen Kontrast steht zu dem im Café ebenfalls zitierten, radikal mechanistischen Weltbild von Julian O. de Lamettrie (1709-1751), der in „L’Homme Machine“ umstandslos Mensch und Maschine in eins setzt und damit unsere moderne Befürchtung, der Mensch schaffe sich in seiner technischen Produkte-Welt selbst ab, schon vor fast 300 Jahren erledigt. Weniger erledigt ist die Wahrnehmung des Absurden, die in der These von der Selbstabschaffung steckt und unweigerlich zu der Frage führte: wenn schon aller „Sinn“ in seiner traditionellen Fassung in Zersetzung begriffen ist – was haben wir als neuartige Bruchstücke und Elemente, die aus diesem Zersetzungsprozeß hervorgehen, zu erwarten? Vielleicht viel Gutes, oder doch nur nihilistische Ängste? Vielleicht ist das „digitale Ich“, wie in der Diskussion formuliert wurde, eine interessante Überwindungsform gleichsam antiquierter Konzepte wie Individualität und Identität.

Andererseits: könnte dieses digitale Ich, die multiple Algorithmen-Persönlichkeit, in einen Ozean von Konformismus einmünden, in eine nicht enden wollende Welt der Entwirklichung, in der Langeweile, Gleichgültigkeit und Depressivität herrschen? In der es zwar den „Event“ gibt, und die mediale Daueraufregung, aber kaum noch den Menschen, der, beispielsweise, die Lust an der Stille verspürt.

Ironisch wurde an dieser Stelle eine „artgerechte Menschenhaltung“ angemahnt, also nicht die Käfighaltung in der nicht mehr bezahlbaren, dafür aber gut vernetzten Großstadtzelle. Das Wort vom „Irrenhaus“ fiel, und sogleich das humanistische Konzept in Albert Camus‘ „Sisyphus“, in dem die Menschwürde nicht mehr im „Machzwang“ (Odo Marquard) liegt, sondern in der Hinnahme des mit den Mitteln der Vernunft nicht mehr zu Ergründenden.

2. Wenn wir das ambivalente Verhältnis von Mensch und Technik von der Technik her denken, fällt sofort auf, wie stark den Erscheinungsformen der technologischen Revolution, den Apparaten und Maschinen, ein Eigenleben zugesprochen wird, so, als ob „von Geisterhand“ hier Dinge am Werke seien, die wechselseitig als des Teufels oder als anbetungswürdiges Wunder wahrzunehmen sind. Schon die Eisenbahn löste bei ihrer Einführung diese Mischung von Angst und Ehrfurcht aus, wobei immer tendenziell vergessen wurde, daß es der Mensch war, der diese Kunstwerke erschaffen hatte, und daß es nicht die Technik ist, die die Schuld trägt, wenn die Maschine ihrem Schöpfer nicht mehr gehorcht, sondern die menschliche Hybris selbst in ihrem Irrglauben an die Perfektion der von ihr geschaffenen technischen Organisation – einer Perfektion, die ihrerseits die Nachahmung göttlicher Kräfte ist, welche als Daimonion (Sokrates) zwar „guten Gewissens“ im Menschen wohnen, seiner berechnenden Verfügungsgewalt aber entzogen sind und sich als Dämonen, bald zum Guten, bald zum Bösen, regelmäßig melden.

Die Metaphorik des Computer-Absturzes zeugt von dieser Anthropomorphose, aus der die Hilflosigkeit spricht, der Natur, die in der Technik zur Entfaltung und eben auch zur Entfesselung kommt, beizukommen. Im Blick auf das moderne Phänomen, daß technische Systeme, künstliche Intelligenz, Roboter, eine eigene Wissens- und entsprechende Handlungsorganisation („Bewußtsein“) entwickeln, das signifikant verschieden ist vom herkömmlichen Bewußtsein des Menschen, wurde im Café, als Gegenidee zur „Antiquiertheit des Menschen“, von der „Antiquiertheit der Maschine“ gesprochen. Gemeint ist hier ein Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung der Technik, der bedeutet, daß in der digitalen Welt eine andere Art von Wissensmanagement stattfindet als im klassischen Modell von Körper, Geist und Seele, in dem die Maschine grundsätzlich als „res extensa“ eine Dingwelt außerhalb der „res cogitans“ bildet. Dieser Dualismus könnte in der neuartigen Komplexität von Mensch-Umwelt-Beziehungen tatsächlich „antiquiert“ sein. Antiquiert ist die Maschine nicht nur in ihrer rein dinglichen Gestalt, sondern auch in ihrer Reduktion auf binäre Kausalitäten. Wenn also der im Café zitierte Logiker und Technikphilosoph Gotthard Günther schon vor 60 Jahren vom „Bewußtsein der Maschine“ spricht, sind, bezogen auf die heutige technologische Entwicklung, auf mehrwertiger Logik basierte Netzwerke gemeint, in denen das Dingliche und das Geistige, das Funktionale und das Intentionale auf eine Weise miteinander verbunden sind, daß daraus eine gesteigerte Zweckmäßigkeit hervorgeht.

3. Eben diese gesteigerte Zweckmäßigkeit führt zu ethischen Problemen. Wenn das von ungeregelten Instinkten getriebene Mängelwesen „Mensch“ (Arnold Gehlen) darauf angewiesen ist, in technischen Leistungen seine defizitäre Natur zu kompensieren, von der Organverlängerung über den Organersatz und die Erfindung künstlicher Organe bis hin zur Schaffung vollständig neuer System-Welten („Zweite Natur“), dann bedeutet diese Bewegung nicht nur die Selbstbehauptung als Art unter anderen Arten, sondern eine singuläre Machtsteigerung weit über die natürlichen Grenzen des Planeten hinaus.

Diese aus den Möglichkeiten des Geistes, Gotteserkenntnis, symbolische Ordnungen, Mathematik, Sprache, legitimierte Selbstermächtigung ist ethisch ziemlich bedenklich, weil das alles, also auch der daraus folgende Siegeszug der Technik („Macht euch die Erde untertan“) gleichsam „aus zweiter Hand“ und nur geliehen ist.

Wie jede Kompensation, tendiert die angemaßte Macht in Hybris und Chaos umzuschlagen. Ethik bedeutet hier, über das maschinenförmige Bewußtsein hinauszukommen in eine Sphäre der Reflexion darüber, wie das „gute Leben“ angesichts des verloren gegangenen Wissens, daß alle Verfügungsgewalt nur ein Moment der Durchreise ist, aussehen könnte. Da wäre beispielsweise eine Ethik des Respekts zu nennen, die der Gast den Kräften entgegenzubringen hätte, welche ihm Zuflucht, Lebensraum, und die Ästhetik des Wohnens im weitesten Sinne von „Ethos=gesittetes Wohnen“ gewähren.

Daraus abzuleiten wäre die im Café vorgeschlagene Ethik der Technologie-Folgenabschätzung, in der, beispielsweise, die ökonomische Zielorientierung des Einsatzes von Insektiziden zwar zu agrarischer Ertragssteigerung und Profitmaximierung führt, aber gleichzeitig zum Bienensterben und damit letzten Endes zu der paradoxen Folge, daß die Profite aufgezehrt werden durch die Kosten für die Rekonstruktion der zerstörten Öko-Systeme. Eine Ethik, die sich im Blick auf Umweltgerechtigkeit mit der Minimierung menschlicher Unzulänglichkeit und der gegenüber der Komplexität moderner Systeme unzureichend gewappneten menschlichen Planungsvernunft auseinanderzusetzen hätte, wäre, und dies klang im Café auch an, ihrererseits auf die Möglichkeiten des anbrechenden KI-Zeitalters angewiesen.

Kann man der Welt der intelligenten Maschinen Ethik zubilligen, nicht, um den Menschen als homo sapiens zu eliminieren und gar eine Diktatur von Big Data zu errichten, sondern, im Gegenteil, durch computergestützte ethische Kalkulationen Formen politischer und umweltgerechter Souveränität neu zu entwickeln, die an die Stelle zunehmend dysfunktional werdender Institutionen treten müßte? Wenn man an die Hilflosigkeit der EU gegenüber dem Silicon-Valley-Kapitalismus (Facebook!) denkt, wäre dies eine ethische Option, durch die man den außer Kontrolle geratenden technologischen Wildwuchs mit seinen eigenen Waffen schlagen könnte.

Düsseldorf, 14.-22. Mai 2018

Dr. Bernard Tucker