„Was sind Werte?“ von Dr. Bernard Tucker

Bei der Vorbereitung des Moderationsberichts zum gestrigen Café mit dem Thema „Was sind Werte“ dachte ich an den Ökonomen Joseph Schumpeter, von dem wir wissen, dass die Wertvernichtung, die permanente Krise, das eigentliche Faktum des Kapitalismus ist. Dies, die „schöpferische Zerstörung“, ist die eine Assoziation heute Morgen; die andere finde ich in der RP, und diese bezieht sich nicht auf aufs Ökonomische, sondern den Politiker und bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder, der, auf einer offenkundig anderen Ebene der Betrachtung, nicht von Wertvernichtung, sondern Wertbewahrung redet und „Wertekunde“ an Schulen plant, um Migranten zu verdeutlichen, dass Intoleranz und Antisemitismus nicht zu dem deutschen Werten gehören.

Schöpferische Wertzerstörung im mittlerweile digital gewordenen Kapitalismus einerseits, Wertekunde im Namen von Toleranz und Menschenwürde andererseits: wovon reden wir, wenn wir von Wertschöpfung und Wertzerstörung sprechen, und im gleichen Zuge die Werte arg populistisch als geistiges Kleingeld in allen möglichen Wortkombinationen („Wertegemeinschaft“, „Wertkonservativismus“) zirkulieren lassen? Offensichtliche bewegen wir uns hier thematisch im Spannungsfeld zwischen materiellen und immateriellen Entitäten, zwischen Materialismus und Metaphysik, Geld und Geist; und gerade die Dialektik zwischen Geld und Geist treibt in einem globalen Verwertungs-Kontext, der alles Geistige in geldförmige, mehrwertorientierte Waren verwandelt (Daten – Der Facebook-Skandal!), den Widerspruch in der Form menschlichen Protests gegen Enteignung, Unfreiheit und Entfremdung aus sich hervor. Und dieser Protest hat neuerdings einen Namen: „Werte“.

Werte wie Naturbewahrung, Bewahrung der Menschen- und Umweltwürde, Familie und Heimatliebe gegen die Zerstörungskräfte der fortschreitenden Industriegesellschaft, haben Konjunktur. Sie benennen, anders als die „linke“, sozialistische, intellektuelle Revolution, eine Revolution des kollektiven Gefühls, „von Rechts“, eine konservative Revolution, die als solche auch mittlerweile öffentlich benannt wird – nicht nur in der AfD, sondern auch der CSU. Als ein genuin konservativer politischer Topos kamen die „Werte“ im heutigen Café weniger zur Sprache, wie überhaupt die politischen Implikationen des Themas eher unterrepräsentiert blieben. Aber die Stimmung zeigte, wie stark gefühlsbesetzt und geradezu romantisch eingefärbt die „Werte“ sind, und wie schwierig es ist, intellektuell gegen sie anzukommen.

Gleichwohl: seitens der Moderation wurde versucht, auch dieses schwierige Terrain nach dem in der Philosophie grundlegenden Prinzip, Wissen und Werten nicht zu vermischen, zu erkunden. Das nicht erst seit Max Weber geltende Wissenschaftsethos der „Wertfreiheit“ gilt, denke ich, auch für die Philosophie, wenn, wie ich es verfolge, die Philosophie als Wissenschaft anzusprechen ist – was besonders auch für die angewandte Ethik und praktizierte Philosophie zutrifft. Die Methode der Kritik, für mich die vielleicht vorzüglichste Form philosophischer Praxis und des philosophischen Diskurses, wäre also eine kritische Analyse der Bedingung von Werten, auch und gerade unter dem Gesichtspunkt des Faktums, dass wir von vornherein, als soziale Wesen, in eine bestimmte Werte-Ordnung hineingeboren sind. Deren Reflexion setzt Prozesse der Selbsterkenntnis in Gang, für die das Café Philosophique einen geschützten öffentlichen Raum bietet.

Heute zeigte sich, schon gleich bei der Einführung durch den Themengeber, wie kritisch eine solche Reflexion angelegt sein kann, nämlich durch die Betrachtung von Werten als „regulative Fiktionen“. Diese Kantisch gedachte Arbeitshypothese erinnerte sogleich an den Neukantianer Hans Vaihinger und dessen seinerzeit sehr populäre „Philosophie des Als Ob“ von 1911. Werte wären nach dieser Hypothese Ausprägungsformen regulativer Ideen, die dem Leben Orientierung geben sollen. Von daher gesehen, beanspruchen sie eine Wirklichkeit, die, wie betont wurde, keineswegs abstrakt sind, sondern eine konkrete Bindekraft beinhalten. Allerdings sind sie fiktive Modellvorstellungen, die keineswegs, jedenfalls nicht nach den Grundsätzen eines rationalen Vernunftgebrauchs, normativen Rang beanspruchen können – denn dann wären sie der Ausdruck eines subjektiven Dogmatismus, einer Art von Orthodoxie gar, der sich schlecht verträgt mit dem kritischen Recht der Philosophie, alles mit den Mitteln logischer Investigation zu überprüfen und in Frage zu stellen, was als Wahrheit die Herrschaft beansprucht.

So verhält es sich auch oft genug bei den Werten, die man, in ironischer Weiterführung des Fiktionalismus, als freundliche Gespenster betrachten könnte, die in den lärmenden Nebeln der digitalen Massengesellschaft vom guten Leben künden und die auf dem Vulkan des Nihilismus ihre fröhlichen Tänze aufführen – „Als Ob“ alles in bester Ordnung wäre.

Vielleicht ist es ja auch tatsächlich so, dass, wie viele sagen, es eine merkwürdige Korrespondenz gibt zwischen steigenden Weltuntergangsgefühlen und der Beobachtung, dass es, allen Kriegen, allem Terrorismus und aller sozialen Ungleichheit zum Trotz, der Welt noch nie so gut gegangen sei wie heute. Offenbar hat dieses Korrespondenzverhältnis von Nihilismus (das Wort, mit dem Hinweis darauf, dies sei der „unheimliche Gast“, fiel im heutigen Café mehrfach) und steigendem Wohlstand viel mit unterschiedlichen Wahrnehmungen zu tun, und diese ihrerseits mit dem, worauf in der Diskussion hingewiesen wurde, nämlich der Relativität der Werte in unterschiedlichen Wirklichkeitsräumen. So hat in Putins Russland der Nationalismus als Kollektivwert einen guten Klang, bei uns nicht. Allerdings muss man hier differenzieren und betrachten, ob der Wert aggressiv daherkommt, oder friedlich, wie in der Fassung des Kollektivwertes ohne „-Ismus“, nämlich als Nation, gleichsam als guter Geist, wie traditionell in Frankreich und Großbritannien, und neuerdings auch, wenn von „deutscher Kultur“ die Rede ist. Damit ist ersichtlich nicht intendiert, dass „am deutschen Wesen die Welt genesen“, soll, wie vor 1945, vielmehr geht es hier um die historische Übereinkunft des deutschen „Verfassungspatriotismus“ (Habermas) mit den sogenannten „westlichen Werten“, also den Menschenrechten mit ihren universellen Geltungsansprüchen jenseits von Religionen, ethnischen Zugehörigkeiten, Weltanschauungen und politisch-kulturellen Systemen.

An dieser Stelle wurde es im Café kontrovers, und es blieb auch kontrovers bis zum Ende, weil  hier der Wertbegriff mit demjenigen des Rechts nur schwer kompatibel ist. Es sieht so aus, dass der Wert ontologisch, d.h., kategorial, in einer anderen Region spielt als das Recht. Das Problem hier sind die Ableitungsverhältnisse, die historisch bestimmt und je anders sind. So wird, als Beispiel, in bestimmten religiösen oder weltanschaulichen Gebieten ein Wert wie Opferbereitschaft eine Rechtsordnung determinieren, in der es „normal“ ist, d.h., der Rechtsnorm entspricht, wenn die Kirche oder der Staat, der religiöse oder weltliche Führer die Verfügungsgewalt über den Menschen beansprucht, bis hin zum Tod. Uns ist das heute fremd, weil die Ableitung hier umgekehrt verläuft: im bürgerlichen Rechtsstaat determiniert das Recht, d.h., das je individuelle und für Jedermann geltende Menschenrecht, welche Werte auf welche Weise definiert werden sollen, wobei es durchaus die Deckungsgleichheit von Wert und Recht geben kann, wie im Falle des Begriffs „Menschenwürde“.

Demgegenüber wird ein weltanschaulicher Wert wie die Opferbereitschaft in den Bereich des Privaten delegiert und der Glaubensfreiheit zugeordnet. Allerdings ist auch hier die Subjektivität des Wertempfindens – man denke an traditionelle Werte wie „Ehre“, „Kampf“ oder „Treue“, aber auch an den modernen liberalen Grundwert der Freiheit – rechtlich begrenzt, etwa dann, wenn Gewalt ins Spiel kommt.

Kontrovers blieb im heutigen Café indessen auch die Beantwortung der Frage, ob man Werte überhaupt definieren könne (man kann es, wie beim oben beschriebenen Fiktionalismus, als Arbeitsmodell), und woher die Werte überhaupt als Wesenheiten kommen. Fest steht, philosophiegeschichtlich, dass erst durch Hermann Lotze um 1850 „Wert“ als Grundbegriff in die Philosophie eingeführt wird. Seitdem macht die Wertphilosophie als Disziplin vor allem der Ethik (z.B. Max Scheler, Nicolai Hartmann) eine Karriere bis hin zur philosophischen Ausgestaltung der NS-Weltanschauung in der damaligen „Deutschen Philosophischen Gesellschaft“, in der die ideologische Kompromittierung des Wertbegriffs auch eine weitläufige Verbindung aufweist mit Nietzsches Radikalkritik an den christlich-humanistischen Moralwerten (Die Formel von der „Umwertung aller Werte“ wurde in der Café-Diskussion genannt).

Abgesehen von diesen philosophiegeschichtlichen Aspekten wurde vorgeschlagen, den Wert theologisch zu begründen – das „Summum Bonum“, der höchste Wert, wäre dann Gott. Eng damit zusammenhängend wäre die ebenfalls vorgeschlagene, traditionalistische Begründung, in der der Wert der Ausdruck einer lang zurückreichenden Sittengeschichte ist, einer kulturellen Entwicklungsgeschichte, etwa, von der Offenbarung der Zehn Gebote bis hin zur modernen Gewissensfreiheit. Ferner gab man im Café zu bedenken, dass der Ursprung der Werte in Konventionen zu suchen ist, was bedeutet, dass sie dem, was in sozialen Situationen als Verhaltensregel gilt, empfindungsmäßigen Ausdruck und Orientierung geben. Nicht weit vom Konventionalismus der Werte entfernt ist schließlich die Vertragstheorie, in der die Werte so etwas wie der Preis sind, die der zunächst einmal chaotische Wille aller, die sich im widernatürlichen Zustand von Unfreiheit, Ungleichheit und gegenseitiger Feindschaft befinden, zu bezahlen hat für die die Beteiligung an einem „Contrat Social“, d.h., der Befriedung des Gemeinwesens und dem Schutz vor Gewalt unter dem republikanischen Dach einer ideal als Volkssouveränität gedachten „Volonté Generale“. (Rousseau wurde im Café genannt). Die Vorstellung vom Wert als Eintrittspreis in einen Sozialvertrag verweist auf die Geschäftsbeziehung von Geben und Nehmen: ich gebe einen Teil meiner individuellen Rechte auf, bin nicht mehr schrankenlos frei, erhalte dafür aber etwas Höheres, nämlich den Mehrwert bürgerlicher Anerkennung und Sicherheit, wodurch sich überhaupt erst Gesellschaft konstituiert. Der Gedanke des Mehrwerts durch Verzicht schwingt auch in der Kantischen Pflichtethik mit, in der der Wert der Pflicht identisch ist mit demjenigen der Freiheit.

Kritisch wäre an dieser Stelle zu fragen, ob der Zug ins Autoritäre, der in dieser aufs Universelle gerichteten Denkart steckt, einen Absolutismus der Vernunft bedeutet, der in Hybris, gar Terror ausarten kann – Robespierre wollte immerhin seinen Rousseau mit der Guillotine durchsetzen.  Um einem solchen Absolutismus zu entgehen, habe ich im Café vorgeschlagen, den Wertbegriff von demjenigen der Tugend zu trennen, d.h., klassische Tugenden wie Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit, Klugheit, und, natürlich, Vermeidung der Extreme als flexible Schlüsselkompetenzen einer pragmatischen Vernunft zu fassen, etwa im Rahmen einer Situations- oder Verantwortungsethik, und eben nicht als starre Imperative.

Zu diesem Vorschlag entspann sich eine kurze, interessante Debatte, als deren Lösung man die Definition des Wertes als Kategorie einer Vertragstheorie, wie soeben im Rückgriff auf den ursprünglich ökonomischen, schon in der Antike nachweisbaren konkreten Sinn des Wortes „Wert = Axios“ als Preis, Wertschätzung, Angemessenheit, Geltung geschehen, anbieten könnte. Auf diese Weise wäre die Brücke geschlagen von der Frage, woher die Werte stammen, zu der Frage nach dem Wozu, nach der Zwecksetzung. Auch hier ging es kontrovers zu, ausgehend von der These, man dürfe den Menschen niemals nur als Mittel, man müsse ihn immer zugleich als Zweck, und zwar als Selbstzweck, betrachten. Am Beispiel der Sklaverei wurde die Problematik hier diskutiert: der Sklave hat einen Wert, einen Marktwert, er besitzt auch einen Zweck, aber nicht für sich selbst, als Mensch, sondern nur als Sache für seinen Eigentümer. Im Kapitalismus haben wir eine ähnliche Situation: hier wird der menschliche Selbstzweck, enthalten in der unveräußerlichen Menschenwürde, abgekoppelt von dem Wert der Arbeit, die „entfremdet“ ist, weil sie herabgesetzt wird zum Mittel, das dem Zweck der Gewinnmaximierung dient. So erscheint der Wert aufgespalten als eine schizophrene Größe zwischen Warenwert und metaphysischem Wert, zwischen Geld und Geist.

Wie kann man nun die heutige Café-Diskussion über Werte zusammenfassen und dabei noch weiterführende Ideen formulieren? Werte sind regulative Fiktionen, die auf eine ambivalente Art, zwischen Ökonomie und Metaphysik oszillierend, das Versprechen von Identitätsstiftung abgeben. Ihre Bedeutungsvielfalt reicht von kapitalistischer Sinngebung im Warenwert über soziale Sinngebungen im konventionellen bis hin zu geistigen Sinngebungen im weltanschaulich-religiösen Bereich. Dabei definieren Werte unterschiedliche Milieus mit entsprechenden Diskursformen, die sich gelegentlich spannungsreich überlagern.

So können Werte konservative Kampfbegriffe im populistischen Kampf gegen die kritischen Kräfte der Aufklärung sein. Es geht aber auch umgekehrt. Dann beruft sich, allerdings problematisch genug, die rational gestimmte Ethik ebenfalls auf Werte, etwa, wenn es um den Pragmatismus des Vernunftgebrauchs durch Tugenden oder um die Bestimmung der verfassungsmäßigen Grundlagen des Gesellschaftsvertrags geht. Leitend ist dabei, den Wertbegriff frei zu halten vom Irrationalismus. Nur Werte, die rationalen Argumenten zugänglich und fähig zur Selbstkritik sind, sollen öffentlich gelten.

Dies besonders im Blick darauf, dass – zumindest im Rechtsstaat – die Sphäre des Rechts höher rangiert als diejenige der Werte. Denn Wertfragen sind Machtfragen, und diese der Ausdruck von Partikularinteressen, welche allerdings regelmäßig die Tendenz aufweisen, das Gemeinwohl insgesamt zu repräsentieren. Der Konflikt von Werten, die sich zu Universalien aufspielen, und den Menschenrechten, die etwa in der totalisierten Wertordnung der globalisierten Finanzökonomie mit ihren neuen Formen der Sklaverei unter die Räder kommen, ist ein Weltproblem, bei dem der Fiktionalismus der Werte übergeht in Gewalt. Es ist daher ratsam, sich das inflationäre Werte-Gerede genau anzusehen. Man könnte betrogen werden. Das gilt für die Konsumpropaganda ebenso wie für die Empörungsindustrie in den Massenmedien, für die profitträchtige Produktion von Feindbildern ebenso wie die Ausbeutung des Wertes „Gesundheit“ durch die Gesundheitsindustrie.

Wie dem auch sei: die Werte taugen schlecht für die Beratungspraxis der Philosophie, für eine Art Pädagogik gar; man sollte hier besser von Rechten, Befähigungen oder Kompetenzen reden. Denn allzu leicht gerät man sonst in den Bereich des Doktrinären und damit der geistigen Unfreiheit. Daher lautete im Blick auf die allgemeine Sprachverwirrung im Wertehimmel das Schlusswort des Tages, interessanterweise gesprochen von einem Juristen:

Ratlosigkeit.

Düsseldorf, 09 /17. April 2018

Dr. Bernard Tucker