„Was heißt Glaubwürdigkeit – philosophisch?“ von Svenja Wiertz

Ausgangspunkt der Diskussion im Café Philo war einmal mehr das aktuelle politische Geschehen: Nicht nur der Fragengeber, sondern auch viele weitere Teilnehmer bezogen sich in dieser Diskussion der Glaubwürdigkeit auf das Verhalten des SPD-Politikers Martin Schulz in den letzten Wochen und damit auf die konkretere Frage, ob und unter welchen Umständen ein Positionswechsel eines Politikers und ein Handeln entgegen früherer Ankündigungen mit einem Verlust an Glaubwürdigkeit einhergeht. Die Auseinandersetzung mit der Glaubwürdigkeit nahm ihren Ausgangspunkt daher aus der negativen Perspektive der Glaubwürdigkeit, die zwar erwartet wird, sich jedoch gerade nicht als solche erweisen kann, sondern in der kritischen Bewertung als Unglaubwürdigkeit erscheint. In der Tat scheint diese Herangehensweise auch die vorherrschende Verwendung dieses Begriffs zu spiegeln, der meist dann herangezogen wird, wenn die Glaubwürdigkeit einer Person in Zweifel gezogen werden soll.

Zunächst wurde in der Diskussion festgestellt, dass sich Urteile über die Glaubwürdigkeit einer Person in vielen Fällen auf den Zusammenhang zwischen Aussagen und Handlungen beziehen. Dabei geht es selten um Aussagen, deren Wahrheitsgehalt sich leicht feststellen lässt. Häufig (nicht nur im politischen Kontext) machen Menschen Aussagen über eigene Wertvorstellungen und Absichten. In der Bewertung solcher Aussagen geht es nicht um eine objektiv feststellbare Wahrheit, sondern um die Wahrhaftigkeit (also Aufrichtigkeit) der Person. Überprüft werden kann die Wahrhaftigkeit allein indem wir Aussage und Verhalten vergleichen – wir erwarten von Menschen zu ihren Aussagen konsistentes Verhalten und aus wiederholten Abweichungen schließen wir auf Unaufrichtigkeit. Die Wahrheit meiner Aussage darüber, ob ich in eine Regierung eintreten würde oder nicht, lässt sich nicht physikalisch messen. Wenn ich aber heute sage, dass ich nicht in eine Regierung eintreten würde, und mich morgen entgegen meiner Aussage für diese Regierung als Außenminister präsentiere, dann muss ich damit rechnen, dass diese Verhaltens als ein Indikator für meine Unglaubwürdigkeit interpretiert wird, weil Aussage und Handlung nicht konsistent sind. Der Zusammenhang von Aussagen und Handlungen wurde auch mit dem Begriff der Authentizität verknüpft – als authentisch und damit als glaubwürdig erweisen sich Personen, die sich nicht verstellen und nicht täuschen, sondern die uns als ‚echt‘ erscheinen, insofern wir eine hohe Konsistenz in Aussagen und Handlungen beobachten können.

Im Begriff der Glaubwürdigkeit steckt Glaube, und einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussion haben versucht, einen Zusammenhang zwischen der Glaubwürdigkeit und einem (religiösen) Glauben herzustellen. Es wurde die These vertreten, dass wir einen Menschen nur dann für glaubwürdig halten könnten, wenn dieser selbst an etwas glaube. Hierbei wurde zunächst auf Überzeugungen und Prinzipien verwiesen – wer sich auf nichts festlegt, so könnte man den Zusammenhang herausarbeiten, den können wir auch an nichts messen. Ob eine solche Festlegung jedoch religiös verstanden werden muss, oder ob sich auch ein Atheist beispielsweise darauf festlegen kann, sich nicht von unbewiesenen Spekulationen leiten zu lassen, sondern nur auf Gründe der Vernunft zu hören, blieb offen.

Im Weiteren wurde Glaube dem Begriff des Wissens gegenübergestellt und mit Kant die Auffassung vertreten, dass das Glauben als ein subjektives Fürwahrhalten zu verstehen sei:

„Das Glauben oder das Fürwahrhalten aus einem Grunde, der zwar objektiv unzureichend, aber subjektiv zureichend ist, bezieht sich auf Gegenstände, in Ansehung deren man nicht allein nichts wissen, sondern auch nichts meinen, ja auch nicht einmal Wahrscheinlichkeit vorwenden, sondern bloß gewiß sein kann, daß es nicht widersprechend ist, sich dergleichen Gegenstände so zu denken, wie man sie sich denkt.“ (Kant: Logik)

Glauben und Wissen werden hier unterschiedlichen Bereichen der menschlichen Erkenntnis zugewiesen – nach Kant sollte sich das Glauben auf solche Bereiche beschränken, in denen wir nicht nur aktuell kein gesichertes Wissen haben, sondern in Bezug auf die wir auch niemals gesichertes Wissen erlangen können. In Anlehnung an diese Unterscheidung wurde in der Diskussion auch die Auffassung vertreten, dass wir der Glaubwürdigkeit wie dem Glauben nur einen möglichst begrenzten Raum zugestehen sollten – sofern es möglich sei, durch Sammeln von zusätzlichen Informationen zu Wissen zu gelangen, sei das Glauben grundsätzlich zu vermeiden.

Etwas anders wurde das Verhältnis von Glauben, Wissen und Unsicherheit mit Bezug auf den Begriff des Vertrauens rekonstruiert. Jemanden für glaubwürdig zu halten, so die Annahme, hieße nichts anderes, als dieser Person im Hinblick auf die Aufrichtigkeit bestimmter Aussagen und das tatsächliche Vorhandensein von korrespondierenden Handlungsabsichten zu vertrauen. Vertrauen wurde dabei mit Luhmann als eine riskante Vorleistung betrachtet: das Vertrauen birgt in sich notwendig ein Risiko, weil es nur dort vorkommt, wo Wissen fehlt – wer weiß, braucht nicht mehr vertrauen. Im Unterschied zu Kant in Bezug auf den Glauben geht Luhmann jedoch nicht davon aus, dass sich Wissen und Vertrauen auf unterschiedliche Gegenstände beziehen, sondern lässt einen kontinuierlichen Übergang zwischen beiden zu, indem er neben dem Vertrauen auch die Vertrautheit betrachtet – je mehr wir mit einem Menschen vertraut sind, desto besser kennen wir diesen, und desto weniger sind wir auf Vertrauen angewiesen, weil wir auf Grundlage umfangreicher Erfahrungen sein Verhalten vergleichsweise zuverlässig vorhersagen können: je mehr Vertrautheit, desto weniger Risiko.

Die Diskussion wandte sich von hier aus der Frage nach dem Verhältnis von Vertrauen und Kontrolle zu – inwieweit ist es überhaupt sinnvoll zu glauben und auf andere zu vertrauen, anstatt alle verfügbaren Informationsquellen auszuschöpfen? Gerade auch in Bezug auf den politischen Kontext wurde herausgestellt, dass auch dem wählenden Bürger eine Verantwortung zukommt, so dass im Sich-Nicht-Informieren auch eine Nicht-Wahrnehmung der eigenen Verantwortung liegen kann. Noch weitergehend in Bezug auf die Verantwortung des Individuums wurde die Frage gestellt, ob es dem selbstbestimmten Individuum überhaupt entspricht, zu glauben und zu vertrauen, oder ob selbstbestimmt zu sein notwendig den Anspruch umfasst, Menschen und Situationen kritisch zu hinterfragen.

Wenn Glaubwürdigkeit in einem engen Zusammenhang zur Wahrhaftigkeit steht, dann können Lüge und Täuschung als Gegenbegriffe genannt werden. In der Diskussion wurde deutlich, dass es jedoch in vielen Kontexten nicht leicht ist, festzustellen, ob eine Täuschung vorliegt, weil zwischen den Aussagen und den Handlungen, die in Bezug aufeinander bewertet werden, in aller Regel einige Zeit vergeht und damit eine Änderung der persönlichen Auffassung oder relevanter Umstände vorliegen kann. Ist dies jedoch der Fall, dann muss ein Handeln, das früheren Aussagen widerspricht, nicht notwendig als Beleg für Unglaubwürdigkeit gelten.

Inwiefern wir von Menschen überhaupt konsistentes Verhalten erwarten sollten, war umstritten. So wurde das Adenauer zugeschriebene Zitat zur Sprache gebracht „Was kümmert mich mein törichtes Geschwätz von gestern?“ und es gerieten Kunst und Philosophie als Kontexte in den Blick, die sich nicht notwendig durch Konstanz, sondern auch durch Entwicklung und Dynamik auszeichnen. Gerade im Kontext der Kunst könne diese Dynamik als ein notwendiger Aspekt von Kreativität betrachtet werden – hier wäre Konstanz eher negativ mit Stillstand gleichzusetzen. Im Kontext der Philosophie, explizit in Bezug auch auf das Werk einzelner Philosophen (Nietzsche wurde etwas als Beispiel angeführt) wurde im Unterschied dazu der Anspruch formuliert, dass ein Positionswechsel dann nachvollziehbar sei (und damit die Glaubwürdigkeit nicht in Frage stelle), wenn er auf Basis nachvollziehbarer Gründe geschehe. Die Kenntnis solcher Gründe mag zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit einer Person helfen, die Unkenntnis bedeutet jedoch nicht notwendig, dass keine solchen Gründe vorliegen. In Unkenntnis von Gründen mögen manche Unglaubwürdigkeitsurteile allzu vorschnell fallen.

Im Verlauf der Diskussion wurde von einigen Teilnehmern ein Perspektivwechsel vollzogen, vom Urteil über die Glaubwürdigkeit einer Person hin zu der Person, die urteilt. Damit kam die Erwartungshaltung derjenigen, die im Kontext der Glaubwürdigkeit glauben, zur Sprache – und es wurde die Auffassung vertreten, dass sich ein Urteil über mangelnde Glaubwürdigkeit von Personen in einigen Fällen besser aus einer zu hohen oder falschen Erwartungshaltung des Glaubenden erklären ließe, als dass dieses Urteil tatsächlich eine Täuschung von Seiten desjenigen, dem zunächst geglaubt wurde, entlarven würde. Als überzeichnetes Beispiel wurde die Vorstellung in den Raum geworfen, Versicherungsmakler und Gebrauchtwagenverkäufer seien grundsätzlich nicht vertrauenswürdig – wer diesen zunächst dennoch vertraue, und sich dann über mangelnde Glaubwürdigkeit beschwere, der müsse den Fehler bei sich selbst, nicht beim anderen suchen.

Auch wurde angemerkt, dass viele Menschen in Bezug auf andere einen hohen Standard des Urteilens anlegen, dem sie selbst nicht gerecht werden – wir Menschen seien nun einmal in einigen Hinsichten widersprüchliche Wesen, so dass kaum einer von uns vollständige Glaubwürdigkeit beanspruchen könne. Hieraus wurde die Forderung abgeleitet, auch andere nicht an einem zu hohen Maßstab der Glaubwürdigkeit zu messen.

Zurück zur Politik: Glaubwürdigkeit oder Unglaubwürdigkeit ist in den meisten Fällen also eine Frage der Erwartungshaltung und der Interpretation – können wir einem Politiker glauben, dass er seine Meinung innerhalb weniger Monate ändert? Das mag davon abhängen, ob wir erkennen, dass sich die realpolitische Situation innerhalb dieser Zeit geändert hat, und ob öffentliche und/oder parteiinterne Diskussionen einen Überzeugungswandel nahelegen und von Seiten des Politikers Bemühungen sichtbar sind, die Gründe für seinen Sinneswandel für die Öffentlichkeit transparent zu machen. Andernfalls werden wir jenen Politiker wahrscheinlich für einen Opportunisten und damit für unglaubwürdig halten – ggf. wäre es zusätzlich geboten, die Angemessenheit der eigenen Erwartungen zu prüfen.

Düsseldorf, 5. März 2018

Svenja Wiertz