„Wer entscheidet, was Fortschritt ist, und was ist der Preis dafür?“ von Dr. Bernard Tucker

Offensichtlich ist „Fortschritt“ ein problematischer Begriff. Problematisch vor allem im Hinblick darauf, dass es grundsätzlich eine Frage der Perspektive ist, was als Fortschritt gilt, und es nicht minder grundsätzlich eine Frage der Macht ist, eine solche Perspektive durchzusetzen.

Das Thema des heutigen Cafés lautete daher folgerichtig: „Wer entscheidet, was Fortschritt ist?“

Bevor der Bedeutungsfächer von „Fortschritt“ auf den Ebenen von Technik, Wissenschaft, Ökonomie, Politik und Anthropologie sich öffnete und die Konnotationsvielfalt des Begriffs sichtbar wurde, wurde erst einmal klargestellt, dass ein „Fortschreiten“ im Sinne von Wachsen und Werden ein elementares Lebensphänomen ist, unabhängig davon, ob diese Grundbewegung zielgerichtet ist oder nicht. Max Weber, so hieß es, habe zwischen Fortschreiten und Fortschritt unterschieden, und deutlich gemacht, dass ein Fortschreiten nicht unbedingt in Fortschritt resultieren müsse, dass vielmehr das Nomen „Fortschritt“, als die Feststellung einer an sich nicht feststellbaren Entität, in sich widersinnig und widersprüchlich ist, und daher stets in Gefahr, ideologisch zu erstarren, und so zum Machtinstrument missbraucht zu werden.

Vor diesem Problemhorizont diskutierte das Café, zwischen den Betrachtungsebenen changierend, die Frage des Fortschritts im wesentlichen als die Frage von Wertentscheidungen, aus denen technische, ökonomische, politische und nicht zuletzt anthropologische oder mentale Formen menschlichen Gestaltungswillens in je spezifischen „Sinnfeldern“, wie der Begriff aus der Werkstatt des gar nicht so neuen Realismus (Gabriel, Bonn) hieß, hervorgehen. Innerhalb dieser Sinnfelder nun lassen sich in historischer Sicht unterschiedliche grundsätzliche Auffassungen von „Fortschritt“ identifizieren. So im Zeitalter der Aufklärung der Glaube an die unbegrenzte Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen durch Vernunftgebrauch (Condorcet, 1743-1794) oder die Modellvorstellung von Stadien der Höherentwicklung vom theologischen über das metaphysische zum positivistischen, d.h., Technik und Wissenschaft als höchste Herrschaftsform installierende Stadium menschlicher Selbstentfaltung (Comte, 1798-1857).

Die Denkfigur, dass die Menschheit immer lichteren Höhen der Entwicklung entgegenstrebt, ist schon im teleologischen Denken der Antike (Aristoteles) angelegt und erreicht, über den Universalitätsanspruch der Ideen als oberste Weltprinzipien von Platon bis Kant, in der Geschichtsphilosophie des deutschen Idealismus (Hegel) ihren Höhepunkt, aus dem dann, in materialistischer Umdrehung der Hegelschen Vorstellung vom dialektischen Widerspruch zwischen den Ausformungen des Geistes als Kampfarena des Fortschritts, die Fortschrittsidee von Marx als auf die befreite Menschheit gerichteten Klassenkampf folgt. Der bei Marx formulierte Gedanke, den innerhalb der Herrschaft des profitorientierten Weltmarktes unlösbaren Gegensatz zwischen renditegetriebenem industriellem Fortschritt und der Einlösung der Menschenrechte durch die Versöhnung von technischem und menschlichem Fortschritt in der sozialistischen Revolution zu überwinden, zeigt am prägnantesten die ideologische Verbindung von Fortschritt und Revolution, wobei es ironischerweise nicht der historisch als politische Formation wohl erst einmal erledigte Marxismus-Leninismus ist, der den „Neuen Menschen“ von Stalin und Mao schafft, sondern der globale Kapitalismus mit seiner als permanente Revolution wahrgenommenen Umwälzung des Planeten in eine gefräßige Gewinn-Maximierungs-Maschine.

Inwieweit diese „Wunschmaschine“ (Deleuze/Guattari), in der gegen die Herrschaft der Vernunft das irrationale Unbewusste regiert, als Fortschritt anzusprechen ist, oder als das Gegenteil davon, also Rückschritt, verweist auf die im heutigen Café stets virulente Frage danach, in welchem Sinnfeld man den Fortschrittsbegriff diskutiert. Die Problematik, ob der Fortschritt die Selbstabschaffung der Menschheit bedeutet, spielt offenbar in einem von apokalyptischen Ängsten und nihilistischen Erwartungen bestimmten Sinnfeld, in dem der Fortschritt negativ besetzt ist und mit technisch- wissenschaftlichen Entwicklungen assoziiert wird, die den guten alten Homo sapiens, wie ihn die Aufklärung beschreibt, weit hinter sich läßt und vielleicht sogar ins Museum der „Antiquiertheit“ (Günther Anders) verbannt.

Günter Anders, auf den in der Café-Debatte Bezug genommen wurde, studierte übrigens bei Heidegger, dem Haupt der philosophischen Revolution von Rechts, der konservativen Revolution gegen die vermeintlich nihilistische Tendenz des modernen Fortschritts. Im Sinnfeld von Links dagegen wäre die „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno/Horkheimer zu nennen: hier verläuft die Ablehnung des positivistischen und technokratischen Fortschrittsbegriffs entlang der Linie einer Ideologiekritik, die zivilisatorisch-rational gestimmt ist, und nicht fundamentalistisch-irrational, wie die Fortschrittskritik von Rechts.

Zwischen diesen unterschiedlichen Spielarten der Kritik am Fortschritt sind die Grenzen fließend, wie überhaupt es bei diesem wertmäßig so aufgeladenen Begriff immer wieder darauf ankommt, zu klären, was gemeint ist, wenn man von Fortschritt redet.

Offensichtlich gibt es unterschiedliche Fortschrittsgeschwindigkeiten in unterschiedlichen Fortschrittsfeldern. So scheint die Voraussetzung für den Fortschritt auf der Ebene bürgerlicher Grundrechte, also Bildung, zunehmend hinter den Anforderungen der digitalen Revolution zurückzufallen. Hier gilt es, wie im Café betont wurde, gegen die Diktatur dieser Anforderungen ein ethisches Wissen und eine ethische Urteilskraft zu mobilisieren, um zu vermeiden, dass der Fortschritt als eine neue Art von Schicksal („Machsal“, nannte es der Philosoph Odo Marquard) wahrgenommen wird. Es gilt, so hieß es, dass  wir mental den Fortschritt beherrschen, und nicht der Fortschritt uns.

Gegen Kulturpessimismus und konservative Skepsis in der Diskussion um den Fortschritt regte sich im heutigen Café auch deutlicher Widerwille. Dabei ging es nicht nur um die Betrachtung der positiven Aspekte des Fortschritts, sondern auch um den pragmatischen Umgang mit der Widersprüchlichkeit und Dialektik, die der Fortschrittsprozess mit sich bringt. Noch grundsätzlicher wurde der Fortschritt als Faktum des Lebens, als Inbegriff eines in sich multidimensionalen Evolutionsgeschehens, angesprochen. Dabei dürfe man den Fortschritt  nicht nur linear-zielorientiert, wie im alten teleologischen und im modernen technokratischen Denken, betrachten, sondern müsse ihn als Triebkraft in einer vernetzten Zahl unterschiedlicher Umwelten diskutieren, in denen der entscheidende Faktor die Begrenztheit, die Eigenkraft der Natur, und nicht der perfektionistische Machbarkeitswahn ist.

Der positive Aspekt hier ist, worauf im Café hingewiesen wurde, die besondere Beachtung des qualitativen Fortschritts im Unterschied zum quantitativen. Qualitativer Fortschritt wäre, als Beispiel, wenn eine wirklich demokratisch legitimierte Politik (und keine Scheindemokratie) die Überhand über die Technologieentwicklung in der globalen Agrarindustrie gewänne und die Agrarkonzerne in die Schranken weisen würde. Qualitativer Fortschritt wäre auch eine prinzipielle Umkehrung der Prioritäten: die Durchsetzung der Vorrangstellung von Klima- und Umweltschutz etwa vor der derzeit herrschenden, turbokapitalistischen Profitökonomie. Dabei müssten weitere Faktoren eines positiv zu bestimmenden Fortschritts ins Handeln einbezogen werden, also Fortschritte in in landwirtschaftlichen Produktionsmethoden jenseits von industriellen Monokulturen, und nicht zuletzt weitere Fortschritte im kulturellen Lebensstandard der Bevölkerung jenseits, etwa, von Konsumterror und Mobilitätswahn. Generell müssten sogenannte sanfte, ethisch verträgliche Technologien anders weiterentwickelt werden, und zwar in einer Umkehr der Prioritäten weit über das, was wir derzeit oftmals in reiner Marketing-Kosmetik als „Nachhaltigkeit“, „Bio“ oder „Fair Trade“ erleben, hinaus. Und wäre es nicht ein positiver Fortschritt, wenn die Industrie uns nicht andauernd mit unsinnigen neuen Produkten überschwemmen, und anstelle dessen in Bildungsprojekte zur Überwindung von Gier und falschem Wettbewerbsdenken investieren würde?

Fortschritt findet in verschiedenen Wirklichkeiten statt. Das wäre vielleicht die Quintessenz des oben bereits genannten „Neuen Realismus“, dem der Begriff des Sinnfeldes entstammt. Im Café wurde der Begriff nun auch in die Nähe der Anthropologie gerückt, um die positive Bewertung des Fortschritts zu unterfüttern. Dabei wurde deutlich, dass Wirklichkeiten „Weisen der Welterzeugung“ (Nelson Goodman) sind, in denen der Fortschritt eines jener Grundwerkzeuge des Handelns ist, mit denen der Mensch als biologisches „Mängelwesen“ (Arnold Gehlen) sich gleichsam als zweite Natur seine Welt schafft, und dies aus Gründen der Selbsterhaltung: denn in seinen nicht festgelegten Triebüberschüssen (Aggression, Krieg) ist der Mensch selbstzerstörerisch und muss seine Lebensfähigkeit fortschreitend durch künstliche Wirklichkeiten – Systeme – unter Beweis stellen. Dieses kompensatorische Grundverhalten zeigt sich prägnant im technischen Fortschritt, im Erfinden von Techniken, in denen die Naturwissenschaft besagte „zweite“ Natur kreiert, als Ersatz für fehlende Organe. Eine solche Sicht, in der beispielsweise das Flugzeug als Kompensation des Mangels erscheint, eben kein Vogel zu sein, hat natürlich auch wiederum negative Seiten, in denen aus der Kompensation die Überkompensation, die Hybris, der Machttrieb („Macht euch die Erde untertan“), erwächst: an deren Ende steht, wenn wir die Waffenherstellung als anthropologische Konstante betrachten, die Atombombe. Letztere wurde im Café als Ergebnis exzessiven Fortschritts zwar nicht thematisiert; aber man muss sie wohl, zusammen mit dem Untergang der Malediven infolge des Klimawandels, bedenken – auch wenn die friedliche Nutzung der Kernkraft weiterhin als positiver Fortschritt gelten dürfte, ähnlich wie neuerdings die positive Betrachtung der Verwandlung des verschwindenden Nordpols in ein riesiges Ressourcenfeld: – es tun sich eben immer neue Möglichkeiten der Ausbeutung auf…

Düsseldorf, 17. Februar 2018

Dr. Bernard Tucker