„Gibt es vernünftige Gründe für die Liebe?“ Dr. Bernard Tucker

Als die Frage: „Gibt es vernünftige Gründe für die Liebe?“ als Thema des heutigen Cafés gewählt wurde, baute sich sogleich – aha, wir sind unter Philosophen – große Verwunderung, ja, sogar eine Art von unterschwelligem Widerwillen auf. Wie packt man ein solches Thema an? Einfacher wäre es gewiss gewesen, zu fragen: „Gibt es vernünftige Gründe für die Ehe?“, und man hätte dann, etwa im Blick auf die „Vernunftehe“, die vernünftigen Gründe für die Liebe in ein institutionelles Gehäuse verpackt und dabei genau das aus jenem Gehäuse vertrieben, um das es in der Ehe geht, nämlich die Liebe.

Nun, um die bürgerliche Ehe, Ehescheidungen, Familie und dergleichen ging es in der Diskussion der Frage, ob überhaupt und inwieweit Liebe und Vernunft in einem Begründungsverhältnis zusammenkommen, nicht. Vielmehr entfaltete sich ein Spannungsbogen ethischer Art, der die Frage nach dem „guten Leben“ irgendwo zwischen ozeanischen Glücksgefühlen und Versorgungsausgleich unterzubringen suchte.

Transportiert auf die Ebene liebestötenden Begriffsgeklappers, wurden die Vernunftgründe sogleich bedrohlich, als die Rede auf „Strategien der Liebe“ kam. Wie bitte? Kommt das Wort „Strategie“ nicht von „Strategos“, und der ist im antiken Kriegswesen der Feldherr! Nun kann die Liebe durchaus ein Instrument sein, mit der man Frieden schafft – im Tierreich ist das „Liebe Machen“ ein Instrument der Konfliktlösung, etwa bei einer Affenart im Kongo, die, anders als ihre auf Aggressivität und Tötung setzende Nachbarart auf der anderen Seite des Flusses, das Prinzip „Make Love – not War“ verfolgt und damit in Sachen Arterhaltung mindestens so erfolgreich ist wie die Kollegen.

Von den Affen nun zurück zu den möglicherweise weniger vernünftigen Lebewesen, nämlich den Menschen. Hier wird deutlich, dass „Liebe“ eine fundamentale und ihrer Fundamentalität letztlich rätselhaft bleibende Kategorie des Lebens ist. Folglich fragte das Café schon zu Beginn, wovon die Rede ist, wenn wir „Liebe“ sagen, und im weiteren Verlauf wurden Ausdifferenzierungen dieses, für sich genommen, im Grunde nicht zu definierenden Phänomens versucht. Es gibt die organisierte und die freie Liebe, Liebe von Individuen untereinander, Elternliebe, Geschwisterliebe, Nächstenliebe, geistige („platonische“) und körperliche, sexuelle Liebe, verbotene Liebe, Liebe zu den Dingen, zur Kunst, den Tieren, und schließlich die Kollektivliebe, z.B., zur Heimat, oder zum Vaterland; und nicht zuletzt, die Liebe zur Weisheit, die Philosophie, in der das griechische Wort für Freund, Genosse, Liebhaber, „Philos“, enthalten ist.

Einigkeit im Café bestand darin, dass es sich bei der Liebe, wie auch immer, um eine Emotion handelt, in der eine Anziehungskraft wirkt, und dass diese Anziehungskraft durch die in der Themenstellung angesprochenen „vernünftigen Gründe“ eine bestimmte Form, inhaltliche Ausprägung, Ausgestaltung, Zweckbestimmung und Zielrichtung erhält. Freilich, was auch immer wir mit „Liebe“ konnotieren, ob nun die hysterische Liebe zu einem Führer oder die fetischistische Liebe zu Leder und Lack, oder das ästhetische Wohlgefallen an Kunst und Kultur – es handelt sich um eine Art von Leidenschaft, die oft genug Sprengkraft entwickelt und niemals ganz der Vernunft unterworfen werden kann.

An dieser Stelle komme ich auf den im Café vorgenommenen Bezug auf Niklas Luhmanns Buch „Liebe als Passion – Zur Codierung von Intimität“ von 1982 zu sprechen, und es lohnt sich im Blick auf das heutige Café-Thema hier kurz zu verharren. Das kurze Kapitel 9 lautet nämlich „Liebe gegen Vernunft“. Liebe und Vernunft werden als Codierungsformen von widerstreitenden Domänen, Intimbeziehung einerseits, Sozialnorm andererseits, in der Form eines Allegorien-Dialogs dargestellt, und dies in einem hier besprochenen galanten frühen französischen Aufklärungstext von 1667. Es wird klar, dass die Domänen nicht zur Deckung gebracht werden können, sosehr sich auch die Vernunft über die irrationalen Impulse der Liebe beklagt. Die Vernunft hebt, zu Recht, auf gesellschaftliche Erfordernisse ab; dagegen macht die Liebe, nicht minder zu Recht, eigene Vernunftgründe geltend, die es ihr gestatten, sich nicht restlos dem universellen Herrschaftsanspruch der konkurrierenden Sozialvernunft zu unterwerfen.

Wie man sieht, tut sich zwischen Liebe und Vernunft, wenn es um die Organisation des Sozialen geht, ein Dilemma auf, aus dem alle möglichen Kompromissbildungen – „Arrangements“ – letzten Endes nicht heraushelfen. In der Diskussion wurde darauf verwiesen, Liebe und Vernunft seien, ontologisch gesehen, unterschiedliche Regionen, mit konkurrierenden Wertordnungen, aus denen gelegentlich Tragödien hervorgehen. So wurden diesbezüglich aus der Romanliteratur „Anna Karenina“ ebenso genannt wie „Effie Briest“ und „Madame Bovary“.

Ziemlich anders, nämlich auf der Ebene pragmatischer Ethik, sieht der im Café zitierte Gegenwartsphilosoph Harry Frankfurt das Verhältnis von Liebe und Vernunft. Zwar ist auch für ihn die Liebe eine aus dem Eigenrecht des Lebens resultierende Kraft, Ausdruck von Lebenslust, die sich weder durch von Außen kommende Interessen noch durch Willensforderungen begründen lässt; aber sie ist, obwohl interesselos und ohne Erwartung von Gegenleistungen, als eine fundamentale Form des Sorgens Teil der praktischen Vernunft (Harry Frankfurt, „Gründe der Liebe“, Suhrkamp)

Von der pragmatischen Ebene der Diskussion nun zurück zu, wie man sagen könnte, eher anthropologischen und psychologischen Betrachtungen, die im Verlauf dieses Cafés einen breiten Raum einnahmen. Hier war, wie bereits gezeigt, der Eros, die erotische Liebe, immer wieder präsent, im Unterschied zum Ethos, in dem, wie soeben in Bezug auf H. Frankfurt gezeigt wurde, die Sorge um die Selbsterhaltung des Lebens wohnt und uns unweigerlich auf die Caritas (von carus=teuer, lieb, wert, in der Übertragung Besorgt-Sein um, Nächstenliebe) bringt, in der es offenbar um eine andere Art von Liebe geht, als in der erotischen. Freilich: das griechische Wort für Caritas, Agape, das in der Diskussion angemahnt wurde und in der ursprünglichen Bedeutung „Liebesmahl“ heißt, verweist auf ein anderes Mahl, das „Gastmahl“ (Symposion), in dem der Eros als das Streben nicht nur nach körperlicher, sondern auch geistiger Vereinigung entwickelt wird, und darüber hinaus als ein heute eher irritierendes patriarchalisches Bild ordnungsschaffender Zeugungskraft („Kosmogonischer Eros“ – Ludwig Klages; faschistische Männerphantasie).

Ob nun Liebes- oder Gastmahl: die Übergänge zwischen erotischer und ethischer Liebe sind wohl fließend, wenn es um die ursprünglich liebesstiftende Party-Situation, ums Essen und Trinken, geht. Erst die für die durchrationalisierte Gesellschaft typische Abspaltung des erotischen Begehrens von zivilisierten Lebensformen und die damit verbundene neurotische Verbannung erotischer Begierden ins Unbewusste macht die uns geläufige Trennung von Eros und Agape möglich. Seitdem unterscheiden wir zwischen sexueller und verehrender, vergeistigter, „platonischer“ Liebe, und die Frage der Verbindung von Liebe und Vernunft wird, wenn es um die Triebe geht, zum Problem.

Auf dieses komplexe Gebiet, also etwa Freuds Eros/Todestrieb-Konzeption und die die Konzeption des Willens als irrationaler Leidensdrang bei Schopenhauer und Wille zur Macht bei Nietzsche, wurde im Café nur ansatzweise eingegangen. Allerdings gab ein Teilnehmer zu bedenken, die Liebe sei so etwas wie ein „Ding an sich“, das würde der Willensmetaphysik Schopenhauers entsprechen, für den der blindwütige Wille das „Ding an sich“ des Leibes ist, welches aus sich das Reich der Vorstellungen und damit auch das, was wir Vernunft nennen, in immer neuen Maskeraden hervortreibt. Dass uns also die Liebe zum Narren hält, macht nicht nur den Liebeskummer, der in der Diskussion angesprochen wurde, einigermaßen verständlich, sondern auch den Verzicht darauf, dieses so manch einen zu Gewalt und Suizid treibende Gefühl in Begriffe fassen zu wollen. So kam es also an einer Stelle des Cafés zur Berufung auf den Schlusssatz in Wittgensteins „Tractatus Logico-philosophicus“: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Erst einmal wurde aber weitergeredet, und dies erkennbar auch im Bemühen um die Reflexion lebenspraktischer Erfahrungen. Entgegen der romantischen Idee vollkommener Übereinstimmung in Beziehungen sprach man davon, dass ein Partner immer weniger, oder mehr, oder überhaupt anders liebt als der andere, und dass es gerade in Zeiten der Individualisierung darauf ankommt, solche Asymmetrien aufmerksam wahrzunehmen. Toleranzfähigkeit hat freilich eine Leidensgrenze, und vielleicht ist es tatsächlich eine Frage der Vernunft, in einem „Entscheidungskalkül“, wie es hieß, zu einem Liebes-Vertrag zu kommen. Hier spielt natürlich die allgemein bekannte Differenz von Verliebtheit und Liebe hinein, und die daraus folgende Kunst, aus der Intensität des großen Augenblicks in einen dauerhaften Alltag zu kommen.

Das alles scheint nun oft genug an der Macht der Eigenliebe zu zerschellen, deren Ambivalenz zwischen notwendiger Selbstakzeptanz und Egoismus zum Schluss des Cafés zur Sprache kam. Gewiss, so wurde gesagt, nur wer sich selbst liebe, können auch andere lieben. Aber was bedeutet das, wenn man unfähig ist, sich in das Andere hineinzuversetzen und in Projektionen gefangen bleibt? Empathiefähigkeit ist offensichtlich ein großes Desiderat im Zeichen jenes übermächtigen Zeitphänomens, mit dessen Besprechung das heutige Café endete – dem Narzissmus. Was es mit diesem jungen Mann auf sich hat, der sich im Wald über eine Quelle beugt, sich im stillen Wasser spiegelt, sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt, es umarmen möchte, ins Wasser stürzt, und stirbt — die Frage nach solch offenkundiger Torheit blieb auch heute unbeantwortet. Aber immerhin, wie heißt es bei Horaz, in den Episteln: „Virtus est vitium fugere, et sapientia prima / Stultitia caruisse“ (Es ist eine Sache der Vernunft, dem Laster zu entfliehen, allerdings wäre es der Beginn der Weisheit, sich in besonderer Weise um die Torheit zu kümmern) (Frei übersetzt).

Düsseldorf, 3. Februar 2018

 

Dr. Bernard Tucker