„Was ist Heimat?“ Alexander Kerber

Das Thema des heutigen Café Philosophique lag nahe am deutschen (und damit dahinsiechenden) Herzen: es wurde gefordert über das Thema »Heimat« zu philosophieren. Tagesaktueller Ausgangspunkt war der Abriss der Sankt Lambertus Kirche in Immerath, die zugunsten des Braunkohle-Tagebaus Garzweiler abgerissen wurde. Der Themengeber nahm dies zum Anlass, um sich zu fragen, wie es denn um den Begriff der Heimat bestellt war. Dabei formulierte er, eine pränatale Form der Heidegger’schen Technologiekritik im Schlepptau, das Problem als folgendes: der Abriss der Kirche, als Ort der Ruhe und Geborgenheit, konnte als Verlust an sichtbarer Verwurzelung gedeutet werden. Diese durch die Technologie herbeigeführte Entwurzelung nannte der Themengeber in Anlehnung an Heidegger „das rechnende Denken.“ Immerath war daher eine technisch-erzeugte Heimatlosigkeit. Mit Heidegger müsse man daher zwei Fragen stellen:

1.) Was ist der Grund der Technik?

2.) Was kann man diesem technischen / rechnenden Denken entgegenstellen?

Die zweite Frage beantwortend, forderte der Themengeber, dass man gegen dieses Denken einen positiven Heimatbegriff stellen müsse, da sonst alles dem Nihilismus anheimfalle.  Dabei käme es allerdings darauf an, dass man die Heimat nicht nur räumlich oder seelisch verstünde, sondern ebenfalls philosophisch. Dass dies notwendig sei, begründete der Themengeber mit einem Verweis auf ein Novalis-Zitat, welches das Philosophieren mit dem Heimweh haben identifizierte.

Der Moderator wies darauf hin, dass es problematisch sei bei einer Erörterung des Heimatbegriffs auf Heidegger zu rekurrieren, da aus den Schwarzen Heften unmissverständlich hervorgehe, dass Heidegger das sogenannte »rechnende Denken« mit dem Judentum assoziierte und damit einem philosophisch fundierten Antisemitismus das Wort redete. Bei Heidegger heißt es dazu:

  • Durch den Rassegedanken wird »das Leben« in die Form der Züchtbarkeit gebracht, die eine Art der Berechnung darstellt. Die Juden »leben« bei ihrer betont rechnerischen Begabung am längsten schon nach dem Rasseprinzip, weshalb sie sich auch am heftigsten gegen die uneingeschränkte Anwendung zur Wehr setzen. (GA 96, S. 56)

und an anderer Stelle:

  • Eine der verstecktesten Gestalten des Riesigen und vielleicht die älteste ist die zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens und Durcheinandermischens, wodurch die Weltlosigkeit des Judentums gegründet wird. (GA 95, S. 97)

Der Themengeber verstand diesen Einwand jedoch nicht und war davon überzeugt, dass man ohne eine Heidegger’sche Analyse von Heimat und Technologie vollkommen verloren sei. Die Problematisierung seiner Position (und auf die dadurch hingewiesene Nähe zum Antisemitismus) verhallte im Nichts.

Die restliche Diskussion bemühte sich darum, unabhängig von Heidegger über den Begriff der Heimat zu diskutieren. Dabei klang im ersten Teil der Diskussion zwar an, dass mit dem Begriff zwar einerseits etwas Vertrautes aber auch etwas Konservatives verknüpft sei (was sich als implizite Problematisierung des Heimatbegriffs lesen ließ). In den restlichen Ausführungen bemühte man sich jedoch verstärkt darum eine Spannung zu erarbeiten, an derer man sich letztendlich auch abarbeitete. Dabei differenzierte man zwischen der

(a) Heimat als räumlichen Begriff und der

(b) Heimat als symbolischem Begriff.

Es blieb jedoch unklar, ob die Fürsprache für eine der Seiten die jeweils andere Seite ausschloss oder nicht. Das Plenum befand sich in diesem Punkt auf einem Spektrum; ein Vorschlag, den man auch versuchte auf den Heimatbegriff anzuwenden. Vielleicht war Heimat – wenn überhaupt? – ein gradueller Begriff?

Diskutanten, die zu (a) tendierten, sprachen in diesem Zuge meistens auch von einem Primat der Verortung. Heimat könne zwar durchaus etwas geistiges, symbolisches und – wie einer der Diskutanten anmerkte – selbst geschaffenes sein, aber primär handele es sich bei Heimat und damit verknüpfter Worte wie Heimatgefühl oder Heimweh um eine örtliche Bestimmung. Kritiker dieser Position sahen darin die Gefahr, dass Heimat als externer Ort zu etwas werde, dass verteidigt werden würde und schlimmstenfalls verteidigt werden müsse. Der Schritt von Heimat zu Vaterland und Blut und Boden sei daher nicht weit.

Diskutanten, die zu (b) tendierten sahen in der Begrifflichkeit eine Chiffre für Gemeinschaft und Gemeinschaftlichkeit. Heimat sei etwas, dass notwendigerweise mit anderen Menschen zu tun habe. Heimat so verstanden sei vielmehr ein Gefühl, eine Erinnerung an Gemeinschaft. Andere sahen in der Heimat, mit Bloch gesprochen, einen Ort, an dem noch nie jemand gewesen sei. Damit wollte man darauf hinweisen, dass es sich dabei um einen, möglicherweise auch durch die Technologisierung vorangetriebenen, Entfremdungsprozess handelte. Kritiker dieser Position hatten Probleme damit, sich vorzustellen, wie man einen Heimatbegriff ganz ohne Rekurs auf einen physischen Ort bilden konnte und konzedierten, dass es durchaus möglich sei, zwischen Heimat als identitätsstiftendem Ort (der über die reine Verortung hinausging) und einem irgendwie gearteten zu Hause sein unterscheiden konnte.

Beiden Positionen gemeinsam schien jedoch die Vorstellung, dass es einen positiven Heimatbegriff benötigte, um bspw. über Identität reden zu können. Dabei schien man sich der politischen Implikationen des Begriffes zwar bewusst, war aber durch ein doppeldenkerisches Kunststück in der Lage, diese außen vor zu lassen und über den Heimatbegriff ohne seine bspw. völkisch-nationalen Konnotationen zu philosophieren. Mit einer ähnlich erstaunlichen Denkbewegung schaffte man es sogar aus Heines Gedicht Nachtgedanken eine quasi-patriotische Hymne an das deutsche Vaterland zu machen.

Der Moderator versuchte die Diskussion dennoch umzuleiten und stellte die Frage ans Plenum, ob es einen irgendwie gearteten Heimatbegriff zur Identitätsbildung überhaupt benötigte und ob man nicht auch ohne Probleme ohne eben diesen auskommen könne. Da der Rahmen der Diskussion jedoch bereits gesetzt war, blieb man dabei sich darüber zu unterhalten, ob Heimat nun ortsgebunden und damit intersubjektiv oder symbolisch und damit subjektiv sei.

Auf einsamen Posten bewegte sich eine Rednerin, die darauf verwies, dass der Heimatbegriff, ebenso wie ähnliche Begriffe, darauf abzielten dem Menschen eine Geborgenheit vorzutäuschen, die dieser niemals besitzen könne. Heimat sei vielmehr ein Anästhetikum, dass einen über den Umstand der eigenen Sterblichkeit und der damit verbundenen Auflösung aller Sicherheiten hinwegtröste. Statt diese Analyse als Ausgang für eine Kritik am Heimatbegriff zu nehmen, gestand die Rednerin jedoch zu, dass jeder sich so viel anästhesieren dürfe, wie er wolle.

Der Themengeber, der von der Diskussion wenig begeistert war, da man irgendwie nicht zum Kern der Sache vorzudringen schien, verwies erneut auf die romantischen Dichter und die Philosophen des deutschen Idealismus. Heimat sei, wie blaue Blumen zu pflücken (womit ein romantischer Topos, der die blaue Blume mit der Sehnsucht nach dem eigenen Selbst und der Erkenntnis der Natur verbindet, aufgenommen wurde). Vielleicht könne man, so schloss der Themengeber, im Bild der Sonne, die auf die Ruinen der Sankt Lambertus Kirche in Immerath schien, doch noch so etwas wie Erhabenheit (und damit die Erkenntnis eines Beheimatetseins in der Natur) empfinden. In einer Spitze bemerkte man aus dem Off, dass es sich bei der durch die Ruinen aufblitzenden Sonne um eine untergehende handelte und dass es bald wohl dunkel sein würde.

Düsseldorf, 15.01.2018                                 Alexander Kerber