„Was ist Zeit?“ Dr. Bernard Tucker

Die Besonderheit dieses heutigen Cafés bestand darin, dass drei Diskussionsvorschläge im Umkreis des Zeitbegriffs zu einem Thema verknüpft wurden, wodurch die gesamten Überlegungen eine komplexe Dreidimensionalität erhielten. Diese drei Vorschläge zu „Zeit“ waren:

1) Entschleunigung: wie gehen wir damit um?

2) Zeit: wie und auf welcher Erkenntnisebene kann man das Phänomen ausloten? und schließlich

3) Widerspruch: wie lässt sich die fundamentale Herausforderung des Zeitbegriffs, seine Widersprüchlichkeit und Vieldeutigkeit, in der Lebenswelt und in Formen der Lebenskunst bewältigen?

Die komplexe Dreidimensionalität, von der gerade die Rede war, drückte sich darin aus, dass die heutigen Café-Diskussion auf drei Ebenen operierte. Da war zunächst einmal, ausgehend vom mittlerweile populären Gedanken der Entschleunigung, die mathematisch-naturwissenschaftliche, mit Uhren messbare Zeit. Diese ist eine technisch hergestellte und folglich manipulierbare Zeit, ein Artefakt, das vermittels Technik und Wissenschaft Beschleunigung bis hin zu zeitlicher Gleichschaltung, aber eben auch Verlangsamung, Entzerrung, Entschleunigung bedeuten kann. Dieser künstliche, für die Neuzeit typische Zeitbegriff bedeutet Zeitbeherrschung und die machtvolle Illusion des Zeitbesitzes, die ausschlaggebend ist für die industriellen Formen der modernen Ökonomie – in der Diskussion fiel das Wort „Time is money“. Auch die in der Betriebswirtschaft etablierte Praxis des Zeitmanagements, in der es darum geht, vor allem im Kontext der modernen Medien und der Digitalisierung Zeiteinheiten zu definieren und so Kosten einzusparen bzw. Erträge zu maximieren, gehört in diese Dimension der Zeitbetrachtung, in der die Zeit letztlich eine Ware ist.

Das gilt dann auch für die entschleunigte Zeit, und zwar in der Erkenntnis, dass durch eine berechnete Langsamkeit der Herstellung Produkte qualitativ besser werden, und zwar sowohl materielle wie geistige Produkte. Die in der Warenform verobjektivierte Zeit, so lässt sich diese Dimension der Zeitbetrachtung zusammenfassen, macht aus der Zeit, die man ja bekanntlich nie hat, einen generellen Bewertungsmaßstab des Lebens. Symptomatisch hierfür ist die stereotype Interview-Aussage bei Prominenten, die Zeit sei der höchste Wert und damit der eigentliche Luxus. Hier wird die entschleunigte Zeit zu einer Art Ersatzgott in der entgötterten Welt, in der die ökonomisierte Zeit über sich hinaustreibt in die befreiende Sphäre der Nutzlosigkeit, in der die Diktatur des Zeitmaßes geradezu absurd erscheint. Hier – vielleicht in der Ewigkeit als der zum Extrem vorangetriebenen Entschleunigung – denkt man an das selige Nichts der in den Zwischenwelten (den Metakosmien von Epikur) wohnenden Götter.

Wenn wir uns nun von der naturwissenschaftlich-ökonomischen Betrachtungsebene der zweiten, nämlich im engeren Sinne philosophischen Dimension der heutigen Café-Diskussion zuwenden, so fiel sofort die Frage auf, die an dieser Stelle gestellt werden musste: „Gibt es eine Zeit an sich?“  Nein, wurde sogleich festgestellt, die Zeit ist „an sich“ in ähnlicher Weise unerkennbar wie das Kantische „Ding an sich“. „An sich“ ist sie, wie Kant sagt, eine „reine Anschauungsform“, was eigentlich in sich ein Paradoxon bildet, denn alle Anschauung ist, wie das Wort schon sagt, an bestimmte Weisen des Sehens und damit der sinnlichen Wahrnehmung gebunden, die es nur im Reich der Erfahrung gibt. Hier präsentiert sich die Zeit in den Seinsweisen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zwar können in diesen Bereichen übersinnliche, metaphysische Erfahrungen spielen – wir nennen sie die „Ideen“; aber diese sind, phänomenologisch gesehen, begrenzt durch die je subjektive Gebundenheit der Erscheinungen in einer je von Menschen hergestellten, gewollten und erhofften, aber auch irrtumsbehafteten, eingebildeten und phantasierten Welt.

Insoweit ist die Zeit immer relativ, sie zu verabsolutieren ist unmöglich, sie ist grundsätzlich begrenzt, findet ihre Grenze im Denkvermögen des Subjekts, welches dann aber in der Tat auf Grund seiner Freiheitspotenz in der Lage ist, über den Tellerrand des jeweils Gegebenen hinauszudenken, also Grenzen zu erkennen und zu reflektieren. Dies, so würde Hegel sagen, ist die Wirklichkeit der Vernunft, und so wurde dann auch gleich zu Beginn des Cafés, schon beim Themenvorschlag „Zeit“, das klassische Hegel-Diktum aus der Rechtsphilosophie von 1821 präsentiert: „Philosophie ist ihre Zeit, in Gedanken erfasst.“

Im Lichte dieses Diktums wird die Fassung der Zeit als abstrakte „reine Anschauungsform“ hinfällig. Zeit, als Ablauf eines Geschehens, konkretisiert sich im Geschehenen, in der Geschichte, und hier besonders in der Dialektik eines von Kämpfen historischer Kräfte gekennzeichneten „Werdens“, durch das das Geschehen eine Zielrichtung erhält – im Marxismus etwa redet man, auf Hegel fußend, dessen Idealismus allerdings materialistisch wendend, von Klassenkämpfen vor dem Zukunftshorizont einer von Entfremdung befreiten Zeit. Diese Art von Zeit, die eschatologische, „erfüllte“ Zeit, die Zeit auch, die dem modernen Gedanken des Fortschritts innewohnt, ist nicht unumstritten, seitdem das Vertrauen darin, dass „die Zeiten immer besser werden“, zunehmender Skepsis weicht.

Dies geht einher mit dem Abschied von einem linearen Zeitbegriff zugunsten einer vielfältig vernetzten, multiplen, und keineswegs auf rationaler Verallgemeinerung basierenden Zeitwahrnehmung. Vor diesem Hintergrund wird die Zeit, wie in Heideggers „Sein und Zeit“ von 1927, zum Existenzial, zum existenzialontologischen Fundamentalbegriff und damit Ausdruck eines im Horizont von Endlichkeit und Tod spielenden Krisenbewusstseins. Zeit ist jetzt immer Umbruch, und zwar keineswegs Umbruch zum Besseren hin, wie im klassischen Zeitalter der Revolutionen, sondern fortwährender Umbruch um des Umbruchs willen, ohne die Sicherheit, zuverlässig irgendwo anzukommen.

In der Café-Diskussion wurde der Heideggersche Begriff der „Sorge“ diesbezüglich angesprochen, als fundamentales Zeitempfinden der Moderne. Sorgenvoll umgetrieben von Gefühlen des Ungenügens und Unbehagens, ja sogar einer depressiven Vernichtungsangst (die im Übrigen den ums „Sein“ besorgten Heidegger ein Leben lang zum überzeugten Nazi machte), sieht sich der moderne Mensch einer Reihe von Paradoxien ausgesetzt, die aus Freiheiten stets zugleich Zwänge und aus dem Gewinn von Sicherheit und Wohlstand zugleich Verlustängste machen.

Wie geht man mit diesem krisenhaften Zeitgefühl um, wie lässt es sich, da wir ja nun alle im Zeitalter der Individualisierung aufgerufen sind, zu Künstlern unserer eigenen Zeit zu werden, ins Glückhafte wenden? Mit dieser alltags-ethischen Frage kommen wir nun zur dritten Dimension der Café-Diskussion, in der wir, wenn nicht gleich die ganze Welt, so doch ein wenig uns selbst vor dem Andrang der Zeit retten wollten. Weg von der Heideggerschen Sorge um den Weltuntergang also, und Hinwendung zu den alltäglichen Widerspruchserfahrungen im Gestrüpp von Zeitdruck und Zeitplänen, Hetze und Langeweile, verpassten Flügen und verpassten Chancen und schließlich dem erschöpften Zurücksinken vor der gleichgültig machenden Erfahrung, es letzten Endes nicht zu schaffen.

Der erste Schritt aus diesem Gestrüpp des zeitlichen Optimierungswahns ist, wie sich in der Diskussion zeigte, die Reflexion, das Innehalten im Gedanken, die geistige (und eben nicht nur, wie oben gesagt, mathematisch messbare) Entschleunigung. So eröffnen wir in gewisser Weise „zeitlose“ Räume, wir merken beispielsweise, dass Zeitempfindungen wesentlich ästhetisch sind, im Gebrauch von Metaphern etwa, wie in: „Die Zeit fliegt davon“, oder, wie in der Diskussion gesagt wurde, im Narrativen: Zeit ist „ein Buch mit beschränkter Seitenzahl“. Hier gewinnt die Zeit eine persönliche Wahrnehmungsdimension, sie hört auf, auf eine womöglich bedrohliche Art abstrakt zu sein. So überhaupt im Genießen des Augenblicks – Langeweile, so ein Café- Beitrag, kann durchaus positiv sein, wenn man, wie es heißt, die Zeit „auskostet“. (Man denke hier an Kant, nach Horaz: „Sapere aude“ – Habe den Mut, deinen Verstand „auszukosten“). Epikureische Lebenskunst sieht in der Zeit etwas durchaus Lustvolles: die Ableitung des Wortes „sapientia“=Weisheit von „sapere“=schmecken zeigt dies an.

Für die in der Moderne dominierende protestantische Leistungsethik ist die Vorstellung, die Zeit selbst als etwas Lustvolles anzusehen, eher seltsam. Die Verbindung von Lust und geistiger Betätigung ist dagegen in der Philosophie des klassischen Altertums höchste Lebenskunst. Für die antike „Vita contemplativa“, die die heitere Seelenruhe („Ataraxia“) anstrebte, war die Aufhebung des Zeitlichen in der Schau göttlicher Ewigkeit („Theoria“) eine Weisheitsübung, die aus der verobjektivierten, ökonomisierten Zeit hinausweist in eine Sphäre des Wartens, etwa des Wartens auf den „Kairos“, den Gott des glücklichen Augenblicks.