“Cicero: der Mensch dem Menschen ein Feind?” Alexander Kerber

Das heutige Café Philosophique beschäftigte sich mit der Frage nach der anthropologischen Bestimmung des Menschen. So fragte sich der Themengeber, ausgehend von einem Zitat Ciceros, ob der Mensch dem Menschen ein Feind sei. Die erste Intuition dabei schien zu sein, dass sich diese Frage positiv beantworten ließe. In Notsituationen, so der Themengeber, sei sich jeder selbst der Nächste. Wenn es um das eigene Überleben ginge, wäre der Mensch des Menschen Wolf. Abseits davon seien wir aber dennoch in der Lage soziale Wesen zu sein. Das Plenum übernahm diese ersten Überlegungen des Themengebers und verwies auf den Naturzustand in der Philosophie Thomas Hobbes’. Hobbes, der in Kriegszeiten lebte, bestimmte diesen Naturzustand als einen bellum omnium contra omnes. Ohne staatliche Kontrolle sei der Mensch des Menschen Wolf, d.h. solange sich das Volk nicht dazu entschied einen Teil ihrer Souveränität an einen absoluten Herrscher abzugeben, würde Krieg herrschen. Die Diskussionsteilnehmer nahmen dies zum Anlass, um sich zu fragen, ob und wie die Natur des Menschen bestimmt werden konnte.

Wenn es im Wesen des Menschen liege sich gegenseitig zu umzubringen, der Mensch also von Natur aus böse sei, müsse dieses Böse dann nicht letztendlich auch in die Staatsbildung mit einfließen? Wie sei darüber hinaus mit einem System umzugehen, indem der Eigennutz belohnt werde? Das Plenum vermutete, ausgehend von diesen Fragen daher, dass auch der Staat uns nicht dabei helfen konnte bessere Menschen zu sein. Entgegen der Ausgangsthese, dass der Mensch intrinsisch böse sei, wurde nun die These gestellt, dass es wenig Sinn mache nach einem Wesen des Menschen zu fragen, um etwas über unser das individuelle und gemeinschaftliche Verhalten unserer Spezies herauszufinden. Wenig beeindruckt von dieser Intervention, nahm das Plenum jedoch wieder bezug auf die Eingangsthese und versuchte eine Erklärung zu liefern, die plausibel machte, wieso der von Natus aus böse Mensch als Gattungswesen doch noch zu einem guten Menschen werden konnte. Dabei schienen der Zivilisation und gesellschaftlichen Institutionen die Aufgabe zuzukommen, aus dem bösen Menschen mittels Erziehung und Sozialisation einen guten Menschen, ein Kulturwesen, zu machen. Dabei schien sich die These darauf verkürzen zu lassen, dass gute Erziehung den Menschen zu einem guten Menschen und schlechte Erziehung den Menschen zu einem bösen Menschen machte.

Der Themengeber versuchte sich nach diesen ersten Überlegungen an einer Paraphrase und fragte, wieso der heutige Mensch noch immer so wie vor 2000 Jahren war.

Der Diskussionsrunde war diese Frage jedoch zu unspezifisch und statt sich weiterhin mit Fragen der (philosophischen) Anthropologie zu befassen, versuchte man den Themenschwerpunkt auf die Frage nach menschlicher Solidarität zu verschieben. Die Mär von Freud und dem liebevollen Elternhaus sei viel zu einfach gedacht. Man müsse sich von Fragen nach dem Wesen des Menschen lösen und stattdessen die Frage stellen, wie in der heutigen Gesellschaft Solidarität möglich sei.

Zwar sprossen hier und da am Wegesrand der Diskussion weiterhin Blüten, die sich mit der Hobbe’schen Metapher des homo homini lupus schwertaten (und versuchten dies mittels quasi-biologischer Begriffe zu fassen), jedoch war man sich größtenteils einig, dass man ein Konzept der Solidarität brauchte, um die Diskussion weiter voranzutreiben.

Im Fokus der weiteren Beiträge stand nun die Frage nach der Gesellschaft und damit zusammenhängend auch die Frage nach der Möglichkeit von Solidarität in unserer Gesellschaft. Man attestierte, dass ein Solidaritätskonzept in irgendeiner Art und Weise humanistisch sein müsse (da es ja schließlich um den Menschen ginge), konstatierte aber im selben Atemzug, dass ein Humanismus (und damit möglicherweise auch Solidarität) im Kapitalismus nicht möglich sei. In der Frage, wie mit diesem postuliertem Faktum umzugehen sei, schwankte die Diskussionsrunde zwischen einem (a) affirmativen “Alle Mittel zum Umsturz stehen bereit und mit der richtigen Erziehung können wir diesen auch herbeiführen!” und einem (b) resignativen “Der Mensch ist vom Kulturwesen zum Konsumwesen verkommen und steuert unaufhaltsam auf die soziale Isolation zu!”

Dabei äußerten Kritiker von (a), dass der Kapitalismus inzwischen auch in die Erziehung Einzug gehalten habe, sodass nicht nur die frühkindliche Erziehung, sondern auch auch die akademische Bildung ganz der kapitalistischen Logik folge. Andere Stimmen fanden die Erklärung, den Kapitalismus zum Alleinschuldigen zu brandmarken zu einfach, da der Kapitalismus einerseits nicht den Anspruch habe, uns zu verderben und wir immer die Möglichkeit hätten, dagegen zu arbeiten, und das Kapitalismus-Bashing andererseits ungerecht sei, weil dieser ja eine Wirtschaftsform des Kompromisses darstelle.

Der Themengeber, der nun ebenfalls den Versuch wagte, von einer rein anthropologischen Diskussion zu einer gesellschaftlichen Diskussion zu kommen, fragte sich nun, wie man denn dann mit menschlichem Verhalten umginge, dass einem nicht gefiele? Wenn man also darin übereinstimmte, dass der Ist-Zustand nicht wünschenswert war, mit welchen Mitteln könne man dann zu einem besseren Zustand gelangen?

Die Antwort des Plenums auf diese Frage war wie gewöhnlich kein intellektueller Gleichschritt und damit keine klare These auf die sich alle einigen konnten. Vielmehr rangierten die Erklärungsversuche von quasi-biologischen Antworten, die die Spiegelneuronen als Quelle der Empathie und damit letztendlich gesellschaftlicher Solidarität anführten, bis hin zu mystizistisch angehauchten Dualismen, die den Menschen als aus Verstand und Seele bestehend charakterisierten. Andere wiederum setzten sich für die Aufklärung ein (ohne jedoch zu erklären, was dies in concreto bedeutete) oder sprachen sich für eine Einübung der Solidarität aus (wobei immer noch ungeklärt blieb, was damit bezeichnet wurde). Gegen Ende der Diskussion schien man jedoch wieder zu einer Wesensbestimmung des Menschen zurückzukehren. Dabei wäre zwar noch unklar, was das Wesen des Menschen nun sei, aber es müsse dieses vereinende Element gefunden werden, um dem Menschen, das Menschsein zu erklären, um damit letztendlich Solidarität überhaupt zu ermöglichen.