„Die Ethik des Zufalls“ Dr. Bernhard Tucker

Café Philosophique am 24.September 2017

Als das Thema „Ethik des Zufalls“ mit der Mehrheit von einer Stimme gewählt wurde, regte sich sogleich Unmut: die Verbindung von Ethik und Zufall sei nicht möglich, sogar paradox, habe mit dem aufs Gute gerichteten, strukturierten Gedankenfeld der Ethik ebensowenig zu tun wie die Strukturlosigkeit des unmittelbaren Passierens, die den Zufall kennzeichnet. Kann man so gegensätzliche Dinge thematisch zusammenbringen? Man kann, wie die folgende Diskussion zeigte. Das vermeintlich Unverträgliche erwies sich als geistiger Antrieb für eine große Reihe assoziativer Überlegungen, bei denen zwar oftmals der Boden strenger Logik verlassen wurde, gar der klassische Fehler der „metabasis eis allo genos“ (Überspringen von einem Gebiet ins andere; unzulässige Beweisführung) begangen wurde, aber dies im Dienste eines oft überraschenden Erkenntnisgewinns.

 

Interessanterweise war für die gesamte Diskussion kennzeichnend, dass der Phänomenologie des Zufalls ein ungleich größerer Raum zugestanden wurde als der klassischen philosophischen Arbeitsrichtung der Ethik. Daraus ergab sich, dass eine ausformulierte Ethik des Zufalls, etwa in Analogie zu z.B. einer Glücksethik, Situationsethik, oder gar, paradox genug, normativen Ethik, im heutigen Café nicht geleistet wurde – das wäre in der Tat auch in zwei Stunden nicht möglich gewesen, und vielleicht auch gar nicht wünschenswert im Sinne eines konsistenten Denkmodells. Denn es ging, wie so oft in der offenen geistigen Atmosphäre des Café Philosophique, primär um in Gang gesetzte Denkbewegungen, um bislang noch wenig gehörte, „unerhörte“ Anregungen, und gar nicht so sehr um festgestellte Ergebnisse.

 

Was also ist der Zufall? „Alles!“, wie gleich in die Debatte geworfen wurde. Dass es uns gibt. ist ein Zufall, die Erde ist durch einen Zufall des Universums entstanden, alles ist Zufall, sobald die Sphäre des Menschenmöglichen, des kulturell Machbaren, verlassen wird – und diese Sphäre ist, allem immer weiter sich ausbreitenden technisch-wissenschaftlichen Fortschritt zum Trotz, höchst begrenzt. Aus der Perspektive des Zufalls heraus erscheint in der Tat der Stolz, mit dem die Mächtigen auf ihre Werke blicken, arrogant und lächerlich. Die Finanzmärkte wurden in der Diskussion, gleich als erste Assoziation, angesprochen. Hier kann die Macht des Zufalls die vermeintliche Bedeutungsfülle von Großkonzernen auf einen Schlag ohnmächtig machen, und zwar immer dann, wenn das sogenannte „Zocken“ der Spielsüchtigen an den Schalthebeln, oder, aktueller, die automatisierten künstlichen Intelligenzen in der digitalisierten Ökonomie die soziale Marktwirtschaft wie ein Dinosaurier aussehen lassen.

 

Nun lenkte von diesem Gedankenstrang das Gespräch weg zu der – konträren – Einsicht, dass es den Zufall eigentlich gar nicht gibt, dass alles in irgendeiner Form determiniert ist, auch und gerade dann, wenn das menschliche Erkenntnisvermögen dies nicht zu denken und zu erfahren vermag und daher, um das Defizit zu kompensieren, zu Ideenkonstruktionen wie „Freiheit“, „Gott“, „Kosmos“, „Schicksal“ etc. greift. Einer so extremen Einsicht mochte das Café denn nun doch nicht zu folgen. Aber die für die traditionelle Metaphysik typische Vorstellung, dass, wo immer wir den Zufall eintreten sehen, in Wirklichkeit übersinnliche Vorsehung am Werke ist und eine Art Gott nach Maßgabe eines übergeordneten Willens die Dinge steuert, schwebte doch in starkem Maße im Gedankenraum dieses Café-Nachmittags. Natürlich nicht im Sinne eines plumpen Determinismus, sondern etwa in Bezug auf die Gedankenwelt von Leibniz, dessen Monadologie ein potentiell grenzenloses mathematisches Möglichkeitsgeschehen beschreibt. In Leibniz‘ Universum, aufsteigend von einfachen zu komplexen Einheiten (Monas=Einheit) nimmt zwar Gott den obersten Platz ein, als der große Rechner, dem man nicht in die Karten schauen kann; aber dieser rationalistische Gott lässt nicht weiter definierbare Kraftsphären zu, in denen der Zufall spielt. Hier erscheint der Zufall als Bestandteil der Kausalität, als eine unter vielen Ursachen, die neben vorhersehbaren und geplanten eben auch unvorhersehbare und sogar unerwünschte Wirkungen haben kann.

 

An dieser Stelle, als es um die Kausalität und die – ethische – Frage nach der Rechtfertigung des im Zufälligen eintretenden Widersinns gegen die rational verfasste Vernunft ging, kam die Diskussion auf Niklas Luhmann, auf dessen Begriff von der „Kontingenzkausalität“, die einen Widerspruch in sich zu tragen scheint, aber systemtheoretisch beschreibt, was in der historischen Wirklichkeit mit ihren sprunghaften Ereignissen passiert, wo heterogene Faktoren in ihrem Zusammenwirken unvorhergesehene Funktionen erzeugen. („Kontingenz“ ist die lat. Bezeichnung für Zufall, von „contingere“, anstoßen, berühren, treffen, anhaften)

Die ethische Rechtfertigung des Zufalls ergibt sich hier aus dem Zusammenwirken der, wie Kant sagt, reinen Anschauungsformen Raum und Zeit, deren Geschichtlichkeit sich letztlich nicht rationalisieren, dinglich feststellen, also „verdinglichen“ lässt, sondern im unberechenbaren Zusammenspiel von Subjekten und Objektwelten stets neue Gestalten hervortreibt. Hier erscheint der Zufall, worauf in der Diskussion auch deutlich hingewiesen wurde, als das Kantische „Ding an sich“, dessen ethischer Wert eben genau in seiner Unerkennbarkeit besteht, weil man nicht, womöglich ideologisch, über ihn, den Zufall, verfügen kann. Der Zufall ist also ein Freiraum, kein Schicksal, wie die alte Theologie oder Metaphysik dachte, sondern ein Ort möglichen Glücks.

 

Eben hier fängt es nun an, problematisch zu werden mit der „Ethik des Zufalls“. Denn wir wollten ja im Café gerade nicht den glücklichen Zufall als Verkörperung der Göttin Fortuna begreifen, und das Leben als Glücksspiel, sondern eine philosophische Erkundung des sonderbaren Phänomens versuchen. Das, was mir „zufällt“ soll denn doch mehr sein als nur eine Laune, ja, von was? Eine Laune der Natur vielleicht? An dieser Stelle entstand eine Gedankenführung, die sich in die Richtung der Zwei-, ja, sogar Mehrdeutigkeit des Zufallsbegriffs bewegte und diesbezügliche Definitionsschwierigkeiten prägnant aufzeigte. Ist der Zufall etwas der Sphäre der Subjektivität Entzogenes, etwas Ontologisches, oder, andererseits, ein „Gedankending“, ein gedankliches „Ding an sich“ eben, das zwar in der – mit Hegel gesprochen – Phänomenologie des Geistes spielt, aber eben letzten Endes das subjektive Erkenntnisvermögen vor eine unüberwindliche Grenze führt, was bedeutet, dass der Zufall sich nicht im Sinne eines vom Subjekt produzierten Gegenstandes objektivieren lässt? Damit bleibt er schwebend im Zwischenreich von Subjekt und Objekt. Andererseits freilich, und das wurde im Café betont, ist der Zufall eine ontologische Realität, für die der Begriff des Ereignisses ins Spiel kam. Diese seit Heidegger („Beiträge zur Philosophie – Vom Ereignis“, Band 65 der Gesamtausgabe) existentialontologisch etablierte Kategorie wurde in der Diskussion als so fundamental erkannt, dass, so hieß es, in seiner Fassung als Ereignis der Zufall völlig losgelöst von jeder Ethik zu betrachten sei. Die Verantwortungsethik beispielsweise sei, aller ihrer Notwendigkeit für die Regulierung eines vernünftigen Zusammenlebens zum Trotz, kraftlos vor der Macht des Ereignisses.

 

Damit schien sich die in der Themenstellung insinuierte „Ethik des Zufalls“ erledigt zu haben. Jedoch blieb es nicht dabei, und fast hatte man den Eindruck, dass sich gegen den durch die Vorrangstellung des Ereignisses vor der Ethik drohenden Irrationalismus Widerstand aufbaute. Nein, wir sind nicht wehrlos den Machtspielen des Zufalls ausgeliefert, vielmehr gilt es, es nicht zuletzt durch Bildung mit den durch moderne Wettergötter geschickten „Zufällen“, Klimakatastrophen, Ungerechtigkeiten, Machtgier, aufzunehmen.

 

Was aber bedeutet Bildung? Nicht nur Technik und Wissenschaft, und Naturbeherrschung als Überwindung des schicksalhaften Zufallsspiels, sondern auch Einsicht in die Grenzen des Handelns, in die – sicherlich auch zufällige – Tatsache, dass wir unvermeidlich Teil der Natur sind, Einsicht in die Grenzen des Machbarkeitswahns, der regelmäßig zur Hybris führt und ebenso regelmäßig neue Formen der Ohnmacht erzeugt. Mit dem Begriff der Einsicht kommt nun eine gedankliche Richtung ins Spiel, die sich mit ethischen Kategorien wie Besonnenheit, Humanität oder der Beachtung des rechten Maßes der Macht des Zufalls entgegenstellt. Hier war im Café von der Selbsterkenntnis, nicht nur individuell, sondern auch sozial, die Rede, ferner vom Gewissen und, in Bezugnahme auf John Rawls, von der Gerechtigkeit, durch die, durch die faire Ausgestaltung des Gesellschaftsvertrags, der Zufall ausgeglichen werden könne. Die Frage, ob mit der Vertragstheorie, die eine lange Tradition in der Sozialphilosophie besitzt (Hobbes, Rousseau), in hinreichender Weise eine Ethik des Zufalls zu begründen sei, blieb im Café offen. Vielmehr lenkte die Diskussion doch immer wieder auf eine Gedankenebene zurück, auf der der Zufall als Teil unserer Natur anzusprechen ist. So kam die Rede auf die Evolutionstheorie, in denen Bezugsrahmen die Ethik als biologische Selbsterhaltungsfunktion und damit als Sonderfall der Kontingenz, betrachtet werden könnte. Dies, die Betrachtung des Zufalls als Teil der Natur, gilt nicht nur fürs menschliche Biotop, sondern für alle Um-, Mit- und Innenwelten, die, ob nun gewachsen oder künstlich erzeugt, im Kleinen wie im Großen den Zufall beinhalten, und zwar nicht nur als Sprunghaftigkeit und Katastrophe, sondern eben auch als Schönheit und Harmonie. Alles dies, auch das, was wir „Sinn“ nennen, wäre Teil eines multidimensionalen Entwicklungsprozesses, dessen Gesamtausrichtung stets von neuem erkundet werden muss.

 

Vor diesem Hintergrund könnte eine Ethik des Zufalls nach den Möglichkeiten eines guten Lebens unter den Bedingungen sprunghafter Lebensverhältnisse fragen, in denen es keinen linearen Fortschritt, sondern allenfalls vielfach vernetzte Versuche und Irrtümer gibt.

 

Düsseldorf, 3. Oktober 2017

 

-Dr. Bernard Tucker-