„Gibt es ein Recht oder sogar eine Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat ?“ Gunter Gorhan

Über folgende Themen wurde abgestimmt :

  • Was schätzen wir so sehr am Café-Philo ?
  • Evolution
  • Gibt es ein Recht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat ?
  • Gibt es eine Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat? Wir haben aus beiden ein einziges Thema gemacht (siehe oben) und es wurde mit einer eindeutigen Mehrheit gewählt.
  • Keine Liebe zum Leben ohne Verzweiflung (Camus)
  • Der wahre Mut : die Augen weder vor dem Licht, noch vor dem Tod des Lebens schliessen (ebenso Camus ?)
  • Kann etwas, das gut beginnt, schlecht enden ?
  • Kann etwas das schlecht beginnt, gut enden ?

 

Habe mehr Zeit als üblich seit meiner Moderation vergehen lassen, die Erinnerungen haben gelitten… Was bleibt jedoch (für mich !) wesentlich in Erinnerung ?

 

Im Verlaufe der Diskussion, erläuterte ich den Unterschied zwischen einer Frage, die sich einem Historiker der Philosophie stellt der die Antwort bei den verschiedenen Autoren sucht, und einer Frage die sich uns im praktischen Leben stellt. Das Hauptziel einer Diskussion in einem Café philo besteht, in meinen Augen darin – andere Meinungen sind durchaus legitim –,  uns im (auch täglichen) Leben konkret orientieren zu helfen.

 

Die sogenannte praktische Philosophie gibt provisorische – andernfalls wäre sie dogmatisch – Antworten, regelmässig überprüft : wenigstens zweimal monatlich in Düsseldorf, wöchentlich in Paris.

 

Wir haben, im Gegensatz zu den Tieren, keine Instinkte (psycho-motorische, angeborene Verhaltensweisen) mehr, die ein menschliches Leben garantieren können. Ein einziges Beispiel : wie, „instinktiv“, sich für oder gegen das Post-humane entscheiden ? Es bleibt uns die (philosophische) Reflexion. Der „nackte“ Selbsterhaltungs-Trieb (!) ist kein Instinkt !

So lenkte ich unseren Gedanken- und Erfahrungsaustausch zu einer (erlebten oder vorgestellten) Situation in der ich entscheiden muss : Recht, Pflicht, weder noch, zum Ungehorsam ?

 

Einige Themen die eine Debatte für sich verdient hätten, wie zum Beispiel der fundamentale Unterschied zwischen Legalität (im Jargon der Juristen : das positive Recht, so wie es tatsächlich angewendet wird) und Legitimät ( Naturrecht, das klassisch aristotelische : es entspringt der Natur der Dinge, der Welt, der Harmonie des Kosmos, und das moderne : die der menschlichen Natur gebührenden Menschenrechte, ethische Regeln denen sich das positive Recht zu unterwerfen hat).

 

Es ist klar, dass ein positives (tatsächlich existierendes Gesetz) illegitim sein kann. So z. B. die rassistischen, diskriminierenden, ungerechten Gesetze. Kein Wunder, dass sich zwei verschiedene, gegensätzliche Meinungen zu Wort meldeten : Vertreter des eventuellen Ungehorsams (Recht oder Pflicht), und Vertreter des Gehorsams gegenüber der staatlichen Autorität : kein Recht zur désobéissance civique, zum zivilen (staatsbürgerlichen ?) Ungehorsam. Letztere änderten jedoch, unter dem Eindruck verschiedener Beispiele, so fühlte ich es, ihre Meinung…

 

So sehr die Unterscheidung zwischen Legitimität und Legalität wichtig war für unser Thema, die Frage der Willensfreiheit oder Determiniertheit des Willens– immer wieder aufgeworfen – war es nicht. Nicht für unser Thema, aber für den Sinn der Philosophie überhaupt… Im Grunde erinnert diese Frage an jene nach dem Geschlecht der Engel, d.h.ohne jegliche praktische Konsequenz: ob ich von der Willensfreiheit überzeugt bin oder nicht – ich muss auf alle Fälle so handeln, als ob ich frei wäre. Das Recht der Gesellschaft zu bestrafen, ist eine andere Frage.

 

Diese Unsicherheit bezüglich unserer Freiheit ist ein Symptom der neuen ökonomisch-technisch-politischen Fatalität : wir werden, total machtlos, von hauptsächlich zwei „processus sans sujet“ (subjektlosen Prozessen) beherrscht, dem Prozess des technischen Fortschritts und dem der ökonomischen Globalisierung. Ohne menschliche Eingriffsmöglichkeit, bedroht durch die wachsende soziale Atomisierung (denn nur die Vereinigung bringt Macht), keine menschliche Verantwortung, kein Platz für Philososphie, welche nicht zufällig gleichzeitig mit der Demokratie, d.h. der menschlichen Selbstbestimmung, entstanden ist.

 

Ein wichtiger Punkt : Sind Demokratie und Ungehorsam nicht unvereinbar ?

 

Aber was ist eine echte Demokratie ? H. Arendt, unter anderen, warnte, im Gefolge von Toqueville, vor der Entwicklung der modernen (entpolitisierten) Demokratien zu  einem „totalitarisme soft“ : Entpolitisierung im Sinne von konflikt- , reibungslosen Megamaschinen wo alles nur funktionieren soll, ohne Sinn, d.h. ohne Reflexion, ohne nach-denken, was mehr und anderes ist als nur denken. „Nach“, auf griechisch heisst meta…

 

Das Grundgesetz und das Militärrecht wurden zitiert, die beide ein Ungehorsamsrecht enthalten; es muss jedoch scharf unterschieden werden zwischen dem Ungehorsam gegenüber einem ungerechten, aber „demokratischen“ Gesetz (so bereits die „Erklärung der Menschenrechte“ der franz. Revolution) und gegenüber einem ungerechten Befehl einer mit Staatsautorität ausgestatteten Person.

 

Der Nürnberger Prozess konnte nicht fehlen : er hat eine (juristische) Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat eingeführt, da ja auch ein Staat sich kriminell entwickeln kann und es nicht nur moralisch, sondern auch gesetzlich Pflicht ist, nicht Komplize eines (besonderen) Verbrechens, des Verbrechens gegen die Menschheit zu werden. Eichmann glaubte sich auf Kant berufen zu können indem er beteuerte : „Ich habe ja nur meine Pflicht getan, dem Staat zu gehorchen; ich bin Kantianer !“ Siehe weiter unten über Kant und unser Thema.

 

Ausführliche Debatte über die Rechtfertigung eines Ungehorsams : wie ist die Willkür einer individuellen, subjektiven Position zu rechtfertigen. In Anrufung welchen Rechts kann ich mich widersetzen ?

 

Natürlich wurde Antigone zitiert, die gegen Kreon – so die meisten Interpretationen – legitim Widerstand geleistet hätte, im Namen eines höheren als Kreons Recht, im Namen des ewigen Rechts der Götter. Ich ziehe die Interpretation Hegels (und Castoriadis) vor : Beide sind in der Hybris (frevelhafter Übermut, Selbstüberhebung, „toute-puissance“), der absoluten Überzeugung Recht zu haben – ohne zu diskutieren, ohne zu verhandeln.

 

Da meine Frage, vielleicht zu spät gestellt, welche nicht-subjektive, nicht-willkürliche Kriterien es geben könnte, um einen Ungehorsam (aus Pflicht oder mit Recht) zu rechtfertigen, es schwer hatte, eine Antwort zu finden, habe ich meine eigenen –  ich tue es sonst nie – Gedanken vorgeschlagen :

  • der Ungehorsam ist die einzige Möglichkeit, die legalen Wege sind erschöpft, nicht vorhanden (was ist eine echte Demokratie ?), Ungehorsam als letzter Ausweg, Subsidiaritätsprinzip.
  • Mittel ergreifen, die so wenig wie möglich von der Legalität abweichen.
  • Die effizientisten Mittel wählen, nicht nur Gesinnungs-, sondern auch Verantwortungsethik, beide !
  • Es ist nicht nur meine, impulsive, nicht-überzeugbare Wahl, Entscheidung. Ich kann argumentieren, andere überzeugen, ich kann, ich will versuchen zu „universaliser“ (universalisieren ?, möglicherweise akzeptabel für alle). Anwendung Kant’s kategorischen Imperativs (einer von drei) :“Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

 

Zum Schluss : in aller letzten Instanz – Grösse und Misere der Modernität – kann ich mich nur auf mein Gewissen, das durch den kategorischen Imperativ hindurchgegangen ist verlassen. Eichmann hat natürlich Kant total missverstanden – eher absichtlich missbraucht : es gibt keine Autorität mehr über dem persönlichen Gewissen (for intérieur, das innere Gericht ?). Das heisst jedoch nicht, dass ich mich nicht von religiösen, philosophischen, u.s.w., Texten inspirieren lassen kann, aber ich muss sie auf mich nehmen, ich kann mich nicht hinter ihnen „verstecken“: „So steht es in dem oder dem Text, Gott hat es mir im Traum befohlen, die Partei, der Staat, das Gesetz u.s.w. haben es so befohlen.“

 

Das Widerstandsrecht, falls es legitim ist, wobei nur das individuelle, subjektive Gewissen dieses Urteil (im inneren for/Gericht, absolut nicht willkürlich) fällen kann, ist also eher eine moralische Pflicht und wäre besser „Widerstandspflicht“ genannt.

 

Heutzutage herrscht eine fatale, gefährliche Konfusion zwischen subjektiv und willkürlich; „nicht-objektiv“ bedeutet absolut nicht „willkürlich“, so wie es uns die Szientisten (Anhänger der regierenden Wissenschaftsreligion) – nicht die Wissenschaftler selbst – einreden möchten..

 

  1. September 2017

Gunter Gorhan