„Ist Essen eine moralische Angelegenheit?“ Moderator: Alexander Kerber

27. August 2017

Das heutige Thema des Café Philosophique beschäftigte sich mit der Frage, ob Essen eine moralische Angelegenheit sei. Dabei ging es dem Themengeber zufolge nicht nur um die Frage nach dem Verzehr von Tieren (obwohl das Thema des Vegetarismus und Veganismus in der weiteren Diskussion prominente Aufhänger waren), sondern insgesamt darum zu klären, ob der Verzehr von Lebensmitteln an sich amoralisch funktionieren kann.

Im Plenum wurde auf diese einleitende Erklärung Bezug genommen und hervorgehoben, dass die Frage dankenswerterweise nicht als ein „Dürfen wir Tiere essen?“ sondern vielmehr als ein „Ist Essen eine moralische Frage?“ formuliert wurde. Ob Essen eine moralische Angelegenheit sei wurde dahingehend ebenfalls mit einem klaren Ja beantwortet. Das dies der Fall sei, sehe man in letzter Konsequenz spätestens bei der Frage nach dem Verzehr von Menschenfleisch. Wäre Essen keine moralische Angelegenheit, würde man den intuitiven Einwand, dass man kein Menschenfleisch essen solle, nicht plausibel machen können.

Dass es neben der tierrechtlichen Perspektive auf den Verzehr von Lebensmitteln auch noch eine Vielzahl anderer Perspektiven gebe, zeigten u.a. Kindergartensprüche wie „Iss deinen Teller auf, die Kinder in Afrika hungern.“ Statt nur danach zu fragen, ob es in Ordnung sei Tiere zu essen, könne und müsse man ebenso gut nach den Produktions- und Verteilungsbedingungen von Lebensmitteln fragen.

Ein weiterer Teilnehmer des Plenums nahm diesen bereits impliziert formulierten Vorschlag auf und versuchte anhand verschiedener Beispiele aus der Literatur (z.B. Melvilles Moby Dick und Sinclairs Im Dschungel) nicht nur aufzuzeigen, dass man nach den Produktionsbedingungen fragen müsse, sondern auch, dass die Philosophie der Literatur bezüglich der Frage nach den Produktionsbedingungen von Tieren und deren Konsum hinterherhinke. Moby Dick zeige insbesondere, so der Beitrag aus dem Plenum, dass die Frage nach dem Töten und Zerlegen von Walen gestellt würde und dass der Walfang aufhören würde, sobald der Mensch Alternativen habe.

Der Moderator verwies darauf, dass die These, dass die Philosophie der Literatur hinterherhinke, sich in Anbetracht der massiven Verfügbarkeit von philosophischen Texten, die nach den Produktionsbedingungen und den Konsum von Tieren fragen (bspw. Peter Singers Animal Liberation oder Jeremy Benthams Introduction to the Principles of Morals and Legislation) nicht plausibel aufrechterhalten ließe. Auch die These, dass der Walfang aufhöre, wenn die Menschen Alternativen hätten, ließ sich vor dem Hintergrund des Walfangs in Ländern wie Japan nicht plausibel vertreten.

Dass Essen eine vollkommen amoralische Tätigkeit sei, behauptete nun ein weiterer Diskussionsteilnehmer mit Rekurs auf ein Zitat von Bertolt Brecht aus der Dreigroschenoper („Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. – Denn wovon lebt der Mensch?“ In: Die Dreigroschenoper: der Erstdruck 1928. Mit einem Kommentar hrsg. von Joachim Lucchesi. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S. 67.). Da Essen überlebensnotwendig sei, könne es keine moralische Tätigkeit sein, da man von einem Verhungernden kaum moralisches Handeln in Bezug auf seine Nahrungsaufnahme verlangen könne. Als Antwort darauf wurde angemerkt, dass die spezifische Situation eines Verhungernden natürlich nicht mit unserer Art und Weise der Nahrungsaufnahme vergleichen können. Wir äßen nicht mehr nur aus Überlebenszwecken, sondern ebenfalls aus Prestige- oder Genussgründen. Da wir uns nicht in der Position eines Verhungernden befänden, könne man also durchaus moralisches Handeln in Bezug auf unsere Nahrungsaufnahme verlangen.

Erneut wurde eine weitere Klärung des zu diskutierenden Sachverhalts versucht, da es ja nicht nur um die Frage nach dem Konsum von Tieren ginge, sondern um die Frage nach dem Verzehr von Lebensmitteln allgemein. Es sei daher geboten auch Fragen zur Produktion von Lebensmitteln im Allgemeinen zu stellen und wie man bspw. mit dem Überschuss an Lebensmitteln und der Mentalität einer Wegwerfgesellschaft umgehe.

Anderen Diskussionsteilnehmern war es jedoch wichtig auf die Ernährungsformen des Vegetarismus und Veganismus einzugehen und diese zu widerlegen. So wurde vorgebracht, dass es allein der Aufnahme von tierischem Protein zu verdanken sei, dass unser Gehirn die jetzige Größe erreicht hätte. Zudem besäßen wir ein Omnivoren- also Allesfresser- – Gebiss. Die Erklärung, warum der Konsum von Fleisch unser Gehirn auf die jetzige Größe wachsen ließ und wieso daraus folge, dass man nun folglich weiterhin Fleisch essen müsse, wurde leider nicht geklärt. Es blieb weiterhin unklar, warum die Tatsache, dass wir ein Allesfressergebiss haben uns dazu verpflichtete uns omnivor zu ernähren. Darüber hinaus gäbe es weitere Gründe, weshalb eine rein pflanzliche Ernährung falsch sei:

(1) Da andere Tiere ebenfalls jagen würden, sei die Frage nach dem Verzehr von Tieren keine moralische Frage, sondern eine Frage des Könnens und der Macht. Da Menschen Tiere aufgrund technologischer Überlegenheit töten können, damit also mächtiger als diese seien, sei es also auch erlaubt Tiere zu töten und folglich zu essen.

(2) Veganismus sei weniger eine Ernährungsform, sondern vielmehr eine affektive Störung mit psychotischen Symptomen, die dazu führe, dass viele Veganer ihre Ernährung als Religion begriffen und massiv missionieren würden.

(3) Am Begriff des Nutztieres sei bereits deutlich erkennbar, wofür Tiere, die in diese Kategorie fielen, da seien.

(4) Mit Rekurs auf die Bibel wurde angemerkt, dass Adam und Eva aus dem Paradies verbannt wurden, weil sie eine Frucht vom Baum der Erkenntnis gegessen hätten, nicht etwa das Fleisch eines Tieres.

Wieso uns die Tatsache, dass wir Waffen erfunden haben, mit denen wir nicht nur uns sondern auch andere Tiere töten können, erlaubt eben diese anderen Tiere zu töten, konnte leider nicht geklärt werden (in diesem Zuge hätte auch geklärt werden können, welche Tiere warum getötet werden dürfen und in welchen Fällen man intuitive Vorbehalte gegen die Tötung von Tieren hat).

Das Veganismus eine affektive Störung mit psychotischen Symptomen sei, wurde zwar behauptet (und eignete sich als ad hominem gegen eine Position, die man zu diskreditieren gedachte, besonders gut), wurde jedoch in der weiteren Diskussion nicht weiter behandelt noch belegt.

Unverständlich blieb, weshalb die Bezeichnung „Nutztier“ absolut festlegte, was mit den so bezeichneten Tieren zu tun sei. Ebenso unverständlich und beinahe humoristisch wirkte es in der allgemeinhin säkularen Runde des Café Philosophique mit dem Sündenfall eine Begebenheit der Bibel als Argument gegen eine rein pflanzliche Ernährung anzuführen.

Eine Schwerpunktverlagerung wurde versucht, indem man das Konzept des guten Lebens in die Diskussion mit einbrachte. Dieses zeichne sich dadurch aus, dass man die Extreme kenne (in diesem Kontext Veganismus einerseits und der ständige Fleischkonsum andererseits) und sich für keines der beiden entscheide.

In einer Zusammenfassung wurde festgehalten, dass man drei Unterscheidungen hinsichtlich moralischer Perspektiven machen könne:

(1) die gesundheitliche Perspektive der Ernährung könne thematisiert werden, war im derzeitigen Diskussionsverlauf jedoch nicht relevant.

(2) die eigenen Verpflichtungen können gegen das eigene faktische Handeln abgewogen werden, man könne also schauen, ob man das was man für sich selber moralisch geboten sei auch umsetze. Allerdings war auch dies nicht die Kernfrage der Diskussion.

(3) Vielmehr ginge es darum die Frage danach zu stellen, was wir von anderen Menschen fordern können. Es ginge nicht so sehr darum, danach zu fragen, ob nicht-menschliche Tiere Rechte hätten und qua dieser Rechte schützenswert seien und nicht getötet werden dürfen, sondern darum wie wir mit dem Faktum der Massentierhaltung umzugehen haben.

In besonders fatalistischer Stimmung schwelgten Teile der Diskutanten, als sie mit „Aprés nous la deluge!“ die Anthropologie des modernen Menschen proklamierten und behaupteten, dass es dem letzten Menschen (sich damit sehr frei auf Nietzsche beziehend) egal sei, ob wir nun Tiere essen oder nicht. Da man sich nun bereits auf Nietzsche bezogen hatte, schien es dem Plenum angebracht, auch Namen anderer großer Toter in die Runde zu werfen, um zu sehen, wo sie liegenblieben. So wurde Heideggers „Hüter des Seins“ beschworen, Nietzsches guter Mittag senkte sich über den Milchkaffee und den Kuchen, und ganz hegelianisch sprach man von diesem und jenem, ohne jedoch der Fragestellung einen Deut näher zu kommen.

Dass jedoch der Ton der Thesen nicht besonders gut ankam, merkte man an der Reaktion des restlichen Plenums, dass nach den Versuchen des Moderators Hans Jonas‘ ökologischen Imperativ („Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt am Main 1979, S. 36. ) für die Diskussion fruchtbar zu machen, beinahe empört auf die vorgetragene resignative Haltung reagierte und dem vorgetragenen Kulturpessimismus Perspektivlosigkeit vorwarf und kritisierte, dass man es sich damit viel zu einfach machte. Dass man mit Aufklärung und Bildung jedoch nichts erreichen konnte, wollte man als Antwort darauf nun mit einer Analogie verdeutlichen. Man müsse sich die derzeitigen Menschen wie Kinder vorstellen, die versuchten ein Haus anzuzünden. Die Eltern dieser Kinder hätten nun schon alles versucht, den Kindern andere Manieren beizubringen, die Reserven an Bildung und Aufklärung seien folglich also erschöpft. Was bliebe den Eltern nun anderes als die Kinder entweder zu ignorieren und sie das Haus anzünden zu lassen, oder sie einzusperren, um zu verhindern, dass sie das Haus anzünden? Durchweg blieb jedoch offen, wer die Eltern in diesem Beispiel zu sein hatten (wer, wenn nicht andere Menschen?) und wieso die als hoffnungslos eingestufte Situation auch notwendigerweise hoffnungslos bleiben musste.

Dass man sich dieser absoluten Hoffnungslosigkeit nicht ungeschlagen hingeben wollte, bewiesen die folgenden Wortmeldungen, die versuchten, konstruktiv danach zu fragen, wie man Einfluss darauf nehmen könne, die Produktionsbedingungen zu verbessern. Wie ginge man zudem mit dem steigenden Bevölkerungswachstum bei gleichbleibenden Produktionsbedingungen um? Was sollte uns motivieren, vom Beherrschen der Umwelt und der Tiere auf einen anderen Umgang mit eben diesen umzusteigen? Was müsse nun vor dem Hintergrund der gesammelten und diskutieren Informationen geschehen?

Auch wenn am Ende keine klare Antwort auf die Eingangsfrage gefunden werden konnte, so schloss das heutige Café jedoch mit einer der kantischen Frage und stellte damit wenigstens implizit unter Beweis, dass man hier nicht nur philosophische, sondern ebenfalls genuin moralische Fragestellungen verhandelte:

Was sollen wir tun?