„Unberechenbarkeit – ist dies die neue Metaphysik?“ Dr. Bernard Tucker

MODERATIONSBERICHT

Café Philosophique am 13. August 2017 

Moderator: Dr. Bernard Tucker

Das Thema „Unberechenbarkeit – ist dies die neue Metaphysik?“, mit einem durchaus

ironischen Unterton vorgeschlagen seitens des Moderators und mit nur einer Stimme Mehrheit gewählt, erwies sich als Antrieb für eine streckenweise erstaunliche Diskussion.

 

Warum erstaunlich? Weil die konventionellen Bahnen, in denen allgemein „Unberechenbarkeit“ betrachtet wird, nämlich als etwas Verwerfliches, vielleicht sogar Bedrohliches, jedenfalls der auf Berechenbarkeit angelegten, alltäglichen Gewohnheitslogik Entzogenes und daher moralisch Defizitäres, in der heutigen Diskussion verlassen wurden zugunsten einer Tendenz, der „Unberechenbarkeit“ doch noch etwas Positives abzugewinnen. Ist die „Unberechenbarkeit“, diese ontologische Rätselkategorie, vielleicht eine begrüßenswerte Antwort auf eine durchrationalisierte Welt, in der wir alle an die aufgeklärte Vernunft glauben und doch von dieser mit zunehmender Komplexität zum Narren gehalten werden? Und ferner war die Diskussion auch erstaunlich, weil die Beiträge, mit der gebotenen Skepsis natürlich, sich auf die Verknüpfung von „Unberechenbarkeit“ und „Metaphysik“, „neuer“ Metaphysik gar, einließen, und damit auf Fundamentalbetrachtungen im Rahmen der Metaphysik als philosophischer Grunddisziplin, die übers Erkenntnistheoretische (Grundfrage: „Was kann ich wissen?“) hinausstrebten ins doch so rätselhaft Ontologische (Grundfrage nach dem Seienden, dem Sein im Seienden).

 

Was also können wir über die „Unberechenbarkeit“ wissen, und worin besteht ihre „Seinsweise“, ihre Phänomenologie? Zunächst, wie gleich zu Beginn der Diskussion deutlich wurde, in spontaner subjektiver Ablehnung. Ja, die Nicht-Absehbarkeit der Dinge gibt es, aber diese ist eine „Grenzsituation“, wie Karl Jaspers sagen würde, und keineswegs, zumindest in unserer Lebenswelt, die Normalität. Wir identifizieren das uns umgebende Seiende mit Funktionalität im weitesten Sinne. Was wir in dieser Welt zuverlässiger Folgenabschätzung wissen können, wird in der Regel determiniert durch logische Methoden, die auf unterschiedlichen Ebenen bestimmten Zwecken dienen. Dadurch werden Lebensrisiken minimiert und Räume definiert, in denen es „normal“ zugeht.

 

So wünscht es der moderne Zivilisationsmensch. Dessen durchrationalisierte Lebensräume wurden im Zuge der Industrialisierungsphasen der letzten 200 Jahre immer mehr erweitert, und der Prozess dauert an. Nun zeigt sich schon seit geraumer Zeit, dass der für den Prozess der Aufklärung maßgebliche metaphysische Grundsatz vom „principium rationis sufficientis“ (Leibniz), der Gedanke also, dass es für alles, von der Ebene der individuellen Person über ökonomisches Handeln und politische Systeme bis hin zur Religion, einen rational-mathematisch darstellbaren „zureichenden Grund“, eine Kausalität, gibt, in hohem Maße problematisch geworden ist. Das Unberechenbare, Krisen und Katastrophen, sind die dialektische Schattenseite des rationalisierten Lebens.

 

Die an sich banale Einsicht besteht darin, dass das Leben sich nicht berechnen lässt. Wie schon Max Weber erkannt hat, ist das Irrationale das eigentlich Wirkliche, auf dem die Rationalität und Berechenbarkeit, „Zurechenbarkeit“, wie ein Korken auf dem Ozean auf und ab tanzt. Für dieses „Tanzen“ kursiert schon seit langem das Allerweltswort „Komplexität“, das als Synonym für „Unberechenbarkeit“ auf der Ebene der Funktionsweise von Systemen anzusprechen ist und das in der Café-Diskussion ergänzt wurde durch den Begriff der „Kontingenz“, mit der man die Unsicherheit und Ungewissheit, das Grundlose, rational Unerklärliche im Zusammenwirken von Faktoren, die alle für sich genommen rational durchdacht erscheinen, beschreibt. Ist das Verschwinden der „Kontrollvernunft“ (Odo Marquard), und das in den Daseinsräumen der sogenannten Globalisierung, unsere neue Metaphysik?

 

Nun wurde in der Diskussion auch deutlich, dass Zufall und Beliebigkeit keineswegs zu Faktoren eines neuen Fatalismus werden dürfen – denn dann würden wir in der fortgeschrittenen Moderne zurückgeworfen in eine Art von vorzivilisatorischer Urzeit, in der der blindwütige Wille zur Macht regiert, und sonst nichts. Demgegenüber machte, um gesellschaftliches Zusammenleben überhaupt zu ermöglichen und auf Dauer abzusichern, ein Beitrag die Wichtigkeit von „patterns“ deutlich, berechenbaren Verhaltensmustern also, wie sie in jedem vernünftigen Gemeinwesen herrschen und die Spielregeln bestimmen. Solche „patterns“ haben natürlich die Tendenz, sich ihrerseits gegen ihren Urheber, den Geist, zu kehren, wenn sie verknöchern und den Kontakt zur Lebenswirklichkeit verlieren. Dann bricht, wie beispielsweise in der Epoche des Übergangs von der höfischen zur bürgerlichen Gesellschaft um 1800, die alte Metaphysik zusammen, wie im Deutschen Idealismus geschehen.

 

Hier wurde in der Diskussion der Bezug zu Fichte hergestellt, der gegen den Dogmatismus der alten Ordnung den Idealismus des bürgerlichen Freiheitswillens im Begriff der „Tathandlung“ geltend machte. Die „Tathandlung“, die dann im antidemokratischen Denken des Dritten Reiches eine ähnlich wichtige Rolle spielen würde wie der Schopenhauer-Nietzscheanische „Wille“, sei, wie betont wurde, die „Geburtsstunde des Irrationalen“, und zwar eines positiv besetzten Irrationalen im Namen von Spontaneität und Freiheit.

 

Freilich: dem Irrationalismus umstandslos einen neuen, gleichsam revolutionären Freiheitswert gegen die Entfremdungstendenzen der durchrationalisierten (kapitalistischen) Weltordnung zuzubilligen, blieb im Café unterschwellig problematisch. Im Hintergrund stand hier der neuartige Irrationalismus unseres derzeit „postfaktisch“ genannten Zeitalters, dessen Unberechenbarkeiten, verbunden mit Namen wie Trump und Putin, versetzt sind mit dem Odium des Autoritären. Und nicht nur das: Hinter Trump steht Bannon, hinter Putin Dugin, beides rückwärtsgewandte Rechtsradikale, aber Großmächte der sozialen Netzwerke, in denen sich die neue Metaphysik der Unberechenbarkeit austobt. Da aber sowohl Trump als auch Putin durch demokratische Verfahren ins Amt gekommen sind, zeigte sich, worauf seitens der Moderation hingewiesen wurde, die Gefahr der Selbstzerstörung der Demokratie. Die Methode von Populisten, durch Projektion den eigenen narzisstischen Wahn zu identifizieren mit dem Publikum und so über die Inszenierung eines irrationalen „Wir“-Gefühls sich als die eigentlichen Demokraten zu gerieren, ist eine brisante politische Spielart von „Unberechenbarkeit“, maskiert im scheinbar Berechenbaren. In diesem Kontext wäre auch das Problem der direkten oder plebiszitären Demokratie mit ihren Fallstricken (Brexit!) zu diskutieren.

 

Im weiteren Verlauf der Diskussion kam es auch zu Überlegungen, wie man „Unberechenbarkeit“ so definieren könnte, dass Akzeptanz möglich ist jenseits der Klage über zweifelhafte Politiker und Systeme, die aus dem Ruder laufen. Unberechenbarkeit, so hieß es, sei eine Art von Unendlichkeit, und selbst Gott eine Größe, der man nicht in die Karten sehen könne. Man muss eben an ihn glauben, auch wenn es schwerfällt und das Absurde überall sichtbar ist („Credo, quia absurdum“). Camus‘ Sisyphos wurde genannt, wo das scheinbar Widersinnige sich in eine Art von existenzieller Sinnfülle verwandelt. Religiöser Umgang mit der Unberechenbarkeit sei, so ein Beitrag, in den Versenkungsübungen der Mystik zu finden, und wissenschaftlicher Umgang mit dem Phänomen der Unergründlichkeit in der Philosophie von Hans Blumenberg, der zeigt, dass die Metapher im Prozess des wissenschaftlichen Suchens, der Neugier, als Kunstgriff des Geistes eintritt, wenn der rationale Begriff versagt.

 

Weitere Wortmeldungen sprachen vom Vertrauen als Mechanismus der Komplexitäts-Reduktion (Niklas Luhmann). Berechnungen mit dem Unwahrscheinlichen, Plötzlichen, Unerwarteten finden in der Spieltheorie statt, die in der Diskussion, kurz nur, auf den Plan trat und die in der ohnehin irrationalitätsanfälligen Wirtschaft bedeutsam ist.

 

Die Vorstellung, Unberechenbarkeit überwinden zu können, zeugt von menschlicher Hybris. Denn die Grenzen des Menschen, so ein Beitrag, werden hier deutlich sichtbar, sichtbar wird auch der Abgrund, der sich auftut, wenn der Mensch sich selbst zum Maß aller Dinge macht und natürliche Grenzen überschreitet. In der Diskussion wurde der Glaube an die Berechenbarkeit als Irrtum bezeichnet, und wenn wir umgekehrt in der Unberechenbarkeit eine irritierende neue Wahrheit sehen, eine neue Metaphysik, dann bedeutet dies wenn nicht gleich eine fatalistische Ergebenheit in das Walten eines tragischen Menschheitsschicksals, Zivilisationspessimismus also, so doch eine Absage an die Fortschrittsgläubigkeit der technisch-wissenschaftlichen Lebenswelt.

 

Um nicht an dieser Stelle in die ohnehin diskreditierten Untiefen politischer Romantik abzugleiten, wandte sich das Café gegen Ende eher heiteren, alltagspraktischen Betrachtungen zu. Ironie, seitens des Themengebers ohnehin als Klangfarbe der Themenstellung mitgedacht, ist letztlich, als Würze des Lebens, unberechenbar, wenn auch der ironische Effekt, Doppeldeutigkeiten, Verstellungen, das Spiel mit dem Nichtwissen, in gewisser Weise des berechnenden Intellekts bedarf. Auch das Lächerliche ist unberechenbar, es ereignet sich ungewollt. Weitere Überlegungen betrafen die Kunst, in der das Verrückte, Provozierende, „Unerhörte“, Irritierende, Verwirrende ebenso zuhause sind wie in der praktischen Anfangsübung des Philosophierens, dem berühmten „Staunen“ über das Wunder des Seienden. Hier feiert die Unberechenbarkeit ihre humane Dimension, wird das Homerische Gelächter der Götter menschlich.

 

Düsseldorf, 21. August 2017

-Dr. Bernard Tucker-