„Tanzen wir auf dem Vulkan?“ Moderator: Dr. Bernard Tucker

Das Thema des heutigen Cafés lautete: „Ist unser heutiges Leben ein Tanz auf dem Vulkan?“ Gleich zu Beginn wurde der Denkhorizont, der sich mit dem Bild kollektiver apokalyptischer Erwartungshaltung auftat, gefüllt mit Assoziationen: Globalisierung, Trump-Wahl, Brexit, soziale Spaltung, Entfremdung, Klimawandel, Umweltzerstörung. Alles Fakten, die besorgniserregend sind und, wie es scheint, für den rationalen Verstand eine schwer zu ertragende Verunsicherung und Überforderung darstellen. Aber ist das alles ein Vulkan, auf dem wir fröhlich tanzen? Was bedeutet es eigentlich, wenn wir diese Redewendung benutzen? Relativ schnell bewegte sich die Diskussion bezüglich der Vulkan-Metaphorik in eine skeptische und kritische Richtung, es wurde generell klar: insinuiert die Frage eine gesellschaftliche Stimmung, die vielleicht übertrieben und hysterisch dargestellt wird? Werden Begriffe wie Krise und Katastrophe inflationär gebraucht, womöglich, um bestimmte Interessen durchzusetzen? Leben wir tatsächlich am Rand des Untergangs, nicht in der besten, sondern schlimmsten aller Welten?

 

Ein Blick in die Geschichte zeigte, dass der mentale Topos vom nahe bevorstehenden Weltuntergang keineswegs selten ist, er ist sogar eine gerade in Denker-, Dichter- und Künstlerkreisen immer wieder beschworenes Gefühl. Im Barock, zur Zeit des 30jährigen Krieges, hatten wir das „Carpe Diem“ („Genieße den Tag“) – morgen ist sowieso alles vorbei. Das „Fin-de-siècle“-Gefühl („Ende des Jahrhunderts“ oder Endzeit-Gefühl) kennen wir am Vorabend des Ersten Weltkrieges, als die großstädtische Zivilisation unerträglich wurde wie die Sommerschwüle und man ein reinigendes Gewitter herbeisehnte. Ähnliches im vorrevolutionären Russland, interessanterweise in privilegierten Adelskreisen, oder in den „goldenen“ Zwanzigern in Berlin, denen Börsencrash und Nazi-Terror folgten. Vorrevolutionäre Stimmungen, das gehäufte Auftreten von Apokalyptikern, Weltverbesserern und Heilsbringern aller Art, die „populistisch“ die Massen auf ihre Seite zu bringen suchen und sich als „Führer“ empfehlen – leben wir erneut in einer solchen Zeit? Kündet der „Tanz auf dem Vulkan“ von kommender Revolution? Keineswegs, so hieß es in der Café-Diskussion, denn Revolutionen der klassischen Art wird es im fortgeschrittenen Kapitalismus nicht mehr geben; der Tanz in der Erwartung des Vulkanausbruchs ist – hier wurde Adorno angesprochen und wohl an die „Negative Dialektik“ gedacht – in den signifikanterweise mit dem Epitheton „Post“ versehenen Zeitdiagnosen (Postmoderne, Postfaktisches Zeitalter) eine auf Dauer gestellte Negativität, eine Art besinnungsloser Daueraufregung und Dauerentfremdung, aus der der befreiende Durchbruch nicht stattfindet, weil, wie es in der Diskussion hieß, der Horizont sich verdunkelt hat und erst einmal, so, als sei das Ende der Geschichte eingetreten, kein Fortschritt im klassischen Sinne der Aufklärung sichtbar ist.

 

An Stelle dessen trete Regression, wie ein Café-Teilnehmer bemerkte. Regression ist der sozialpsychologische Unterbau des Irrationalismus, der an der Oberfläche spielt. Regression bedeutet den Rückgang auf frühere Entwicklungsstufen, den man auf der Ebene der Politik beobachten kann in der Form von autoritären Systemen, der Degeneration der Demokratie zur Ochlokratie (Pöbelherrschaft – im Internet „Trumpismus“) oder der Wiederkehr des Nationalstaats in überwunden geglaubten Freund-Feind-Konstellationen. Auch Terroristen, wie man hinzufügen möchte, sind Vulkan-Tänzer, denn sie leben von apokalyptischen Hass-Projektionen.

 

Im Café wurde ferner eingegangen auf des weltweite Unbehagen nach der Zeitenwende 1989/90, als mit dem atomaren Gleichgewicht des Schreckens – auch dies gewiss ein Tanz auf dem Vulkan, aber immerhin ideologisch berechenbar – der Kalte Krieg endete, und mit diesem das paradoxe Sicherheitsgefühl festgefügter Ordnungen, in denen es gefühlsmäßig immer weiter aufwärts ging, vor allem mit den bürgerlichen Freiheiten, dem Wohlstand, der Chancengleichheit und dem Sozialstaat. Diese Welt ist, wie Shakespeare in der Diskussion zitiert wurde, „aus den Fugen“, an ihrer Stelle sehen wir den entfesselten Kapitalismus, der alles, vor allem die Kernbestände humaner Ordnungen, Lebensraum, Arbeit, Wohnung, Bildung, in ein warenförmiges Business verwandelt, in dem die soziale Wertschöpfung, einstmals gegründet in vernünftigen Formen der Solidarität, mehr und mehr dem totalitär gewordenen Prinzip egoistischer Gewinnmaximierung geopfert wird. Treibt die daraus resultierende soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die sich zunehmend verschärft, einer kritischen Masse zu, die sich wie in einem Vulkanausbruch explosiv entlädt? Fliegt uns das alles irgendwann in einer Art Hyper-Revolution um die Ohren, wogegen sich die französische und russische Revolution wie historische Spaziergänge ausnehmen?

 

Von der allgemeinen Kapitalismuskritik wandte sich das Café in der Folge der Frage zu, was die Tanz-auf-dem-Vulkan-Metaphorik im engeren Sinne philosophisch bedeutet. Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ kam ebenso zur Sprache wie die Faustische „Maßlosigkeit“. Günther Anders, der Theoretiker der „Antiquiertheit des Menschen“ im Angesicht der atomaren Bedrohung, wurde zitiert, um zu zeigen, wie technische Hybris die menschliche Kultur in die Barbarei zurückwirft. Dies, so wurde gesagt, sei in besonderer Weise das Thema negativer Utopien oder Dystopien, deren Pessimismus den Optimismus der klassischen Utopien abgelöst habe und zeige, dass der Fortschritts-Übermut in – wie schon oben erwähnt – Regression umschlage.

 

Kontrovers im Café ging es zu, als sinngemäß festgestellt wurde, dass die ganze Evolution einem fortwährenden Tanz auf dem Vulkan gleiche, Chaos und Katastrophen eigentlich der Regelzustand seien, während Ordnung, Kosmos, göttliche Schöpfungspläne, die Herrschaft der Vernunft oder metaphysische Systeme, alteuropäische Projektionen menschlicher Wünsche und Sehnsüchte sind.

 

Interessant war in diesem Zusammenhang auch eine Denkfigur, die an die hegelianische Geschichtsdialektik erinnerte, obwohl die betreffende Diskussionsteilnehmerin hier gar nicht an Hegel gedacht hatte: so wurde gesagt, dass – à la Heraklit – der ständige Kampf zwischen Chaos und Kosmos die treibende Kraft der Wirklichkeit sei, dass in jedem „Tanz auf dem Vulkan“ und dem daraus folgenden Chaos des Weltenbrandes schon der Keim neuer Ordnung angelegt sei, und umgekehrt in jeder Ordnung der Keim des Chaotischen wohne. Folglich sei jeder Weltuntergang immer zugleich auch ein „Weltaufgang“. Von anderer Seite wurde hier, im Blick auf die Wirtschaft, Schumpeters Diktum von der „Schöpferischen Zerstörung“ zitiert. Ist also, philosophisch gesehen, der „Tanz auf dem Vulkan“ die eigentliche Wahrheit? Der mephistophelische Zyklus von Werden und Vergehen klang auch an, als die Rede auf die Probleme der Komplexität und Überkomplexität kam. Man mochte hier an den Begriff der Entropie denken, der gerne übertragen wird auf das Phänomen der zunehmenden Dysfunktionalität von Systemen, die sich mit steigender Komplexität – Überhitzung – nicht mehr selbst im Gleichgewicht halten können und in Unordnung übergehen (Entropie, „Wärmetod“).

 

Ein weiteres Kapitel der heutigen Café-Diskussion war die Relativität des Tanz-auf-dem-Vulkan-Zeitgefühls. Dass dieses von Kulturraum zu Kulturraum verschieden oder gar überhaupt nicht präsent ist, hängt von Faktoren soziokultureller und nicht zuletzt ökonomischer Art ab, die naturgemäß im Westen ganz anders sind als, beispielsweise, im asiatischen Raum. In diesem Kontext spielen auch Mentalitäten eine Rolle. Weil traditionell ironisch gestimmt, gab es in der britischen Kultur immer ein bisschen Lust am Untergang, trotz des britischen Pragmatismus (oder gerade deswegen) (Brexit). In Frankreich ist das Eruptive immer gepaart mit öffentlichem Raisonnement. Pessimismus und Melancholie sind bei Deutschen und Russen, wohl wegen der romantischen Grundtönung ihres Lebensgefühls und auch ihres Hangs zu politischer Romantik, stärker ausgeprägt als etwa im Buddhismus, wo gelassene Leidensfähigkeit ein Tanz-auf-dem-Vulkan-Gefühl eher unwahrscheinlich macht. Wenn auch diese Art von Kollektivpsychologie wissenschaftlich fragwürdig ist, so gibt es wohl so etwas wie die „German Angst“ als zivilisationspessimistische Grundstimmung. Warum sind, statistisch gesehen, die Deutschen das Volk mit den meisten Depressionserkrankungen? Übermäßige Glückserwartung und Optimierungsdruck scheinen möglicherweise hier eine Ursache zu sein.

 

Als ein Teilnehmer des Cafés den Tanz auf dem Vulkan mit dem Tanz ums goldene Kalb assoziierte, bewegte sich die Diskussion zum Ende verstärkt um die Frage, wo mögliche Auswege aus den Fehlentwicklungen des kapitalistischen Systems zu suchen sind, und hier besonders aus der post- oder neokapitalistischen Entkoppelung von Realwirtschaft und Finanzkapital. Der vom Konkurrenzkampf um möglichst profitable Investitionen diktierte Zwang zum Wachstum wurde als ein schicksalhaft anmutendes Übel beschrieben, das man wie eine Krankheit kurieren müsse. Alternativen zum Wachstumsfetischismus kamen zur Sprache, wie archaische („primitive“) Formen der Marktwirtschaft, die allmählich auf der Ebene moderner technischer Möglichkeiten Aktualität gewinnen, etwa in der Form effizienter Regionalisierung gegenüber den katastrophalen Auswirkungen der globalisierten Agrarindustrie. Schon gibt es kleinere Länder auf der Welt, die sich aus Gründen kultureller Selbsterhaltung dem Massentourismus verschließen (Pazifische Inselstaaten, Bhutan). Genannt wurden Beispiele aus der mittelständischen Wirtschaft in Deutschland, die bewusst auf Wachstum verzichten und trotzdem Geld verdienen (Trigema). Eine neue Verzichtkultur im Hinblick auf die Automobilität wurde ebenso angesprochen wie die Tendenz zu einem neuen“ Minimalismus“ in der jungen Generation. „Weniger“, so sagt man verstärkt, ist „Mehr“.

 

Aber dennoch hielt sich in der Diskussion die Skepsis, ob durch mittelständische Ethik ökonomischer Vernunft und verändertes Konsumentenverhalten die Exzesse auf der Ebene der Finanzindustrie und Großkonzerne eingedämmt werden können. „Wir amüsieren uns zu Tode“ (Neil Postman): ist das unvermeidlich? Wo liegt die Triebkraft des Irrsinns, lautete am Schluss die Frage, die auf den Gedanken zielte, dass womöglich das Absurde anthropologisch angelegt ist. Es ist das alte philosophische Lied von der richtigen Mitte, von dem Verlust eben dieser Mitte und dem schmalen Grat zwischen Sinn und Unsinn, der am Beispiel der Gier angesprochen wurde. Wenn die berechtigte Leidenschaft in Sucht und Kontrollverlust übergeht, wird die Gier selbstzerstörerisch. Ist dieser böse neue Gott schicksalhaft?

 

 

Düsseldorf, 21.5.2017

 

-Dr. Bernard Tucker-