„Gibt es Grenzen der Achtung vor der Meinung anderer? Moderator: Alexander Kerber

Im heutigen Café Philosophique wurde die Frage diskutiert, inwieweit es Grenzen der Achtung vor der Meinung anderer Leute gibt, bzw. wann diese Verantwortung anfängt oder auch aufhört. Da die Diskussion entlang einiger Kernthemen sehr kontrovers geführt wurde, beschränkt sich dieses Protokoll auf eben diese und vernachlässigt dafür die weiteren aufgeworfenen Fragen nach der Klärung des Begriffes der Privatheit, dem Spannungsfeld zwischen Universalismus und Relativismus und den komplexen philosophischen Debatten, die damit zusammenhängen.

 

Der Themengeber eröffnete die Runde und warf direkt ein zentrales Thema des weiteren Gesprächsverlaufs auf: ist eine Meinung solange in Ordnung, wie sie privat geäußert wird und wird sie durch öffentliche Äußerung politisch und damit etwas, für das man sich zu verantworten hat? Darüber hinaus: kann man den Meinenden überhaupt von seiner Meinung trennen? Und wenn ja, wie sähe das aus? Sei eine Meinung solange in Ordnung, wie sie sich nicht auf der Handlungsebene auswirke?

 

Dass es natürlich möglich und sogar geboten sei, den Meinenden von seiner Meinung zu trennen, sei die erste Voraussetzung für die weitere Diskussion, in der man zwar die jeweiligen Menschen zu achten habe, die Meinungen dieser Menschen aber nicht, so der nächste Teilnehmer, und stimmte dem Moderator zu, dass man seine Aussage sloganmässig mit „Meinungen achten – nein! Menschen achten – ja!“ zusammenfassen konnte.

 

Dass dies schwierig, wenn nicht sogar unmöglich sei, wurde daraufhin gegen die Trennung von Meinungen und Meinendem eingewandt. Vielmehr sollte geklärt werden, was eine Meinung denn sei. In erster Annäherung zeigte sich die Diskussionsrunde damit einverstanden, von Meinungen zu fordern, dass sie sich begründen ließen, d.h. dass man anderen rechtfertigend erklären konnte, warum man diese oder jene Meinung hat. In diesem Zusammenhang wurde ebenfalls angemerkt, dass die Meinung natürlich nur eine verkümmerte Form der Wahrheit sei und es in letzter Instanz immer um die Wahrheit gehen müsse.

 

Sehr uneinig und verwirrt war man jedoch bezüglich der Frage nach der Wahrheit. Während einige für eine relative Wahrheitsauffassung plädierten, boten andere Definitionen der Wahrheit an, wobei sie ungeachtet der zahlreichen Wortbeiträge versuchten, sämtliche Wahrheitstheorien in einem Topf zu kochen. Dass erstere das Problem hatten, wenigstens die Aussage, dass alle Wahrheit relativ sei, für wahr zu halten (was in einen performativen Selbstwiderspruch führte) und andere sowohl Korrespondenztheorien (ungeachtet der Unterschiede), Konsenstheorien (ungeachtet der Unterschiede) und Kohärenztheorien (ungeachtet der Unterschiede) zusammenführen wollten, unabhängig davon, dass diese Theorien sich gegenseitig ausschließen mögen, ließ den erkenntnistheoretischen Fluss der Diskussion schnell versiegen.

 

Andere wiederum waren davon überzeugt, dass Wissen Macht sei, in dem Sinne, dass wer die Macht habe, auch bestimme, was wahr sei. Davon ausgehend gehe es daher weniger darum, wie man zur Wahrheit gelange, sondern wie man insbesondere mit radikalen Meinungen umzugehen habe. Als häufig genanntes Kriterium (auch wenn es explizit so nicht bezeichnet wurde) war das Vertrauen in eine demokratische Verfassung und damit einhergehend eine durch das Grundgesetz geschützte Diskussionskultur der Ausgangspunkt, in dem die Frage zu stellen war. Deutlich zeigte sich dabei das Kernproblem des heutigen Café Philosophique: die Demokratie, in der wir leben, hat zwei Aufgaben zu bewältigen, die in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Einerseits soll im Sinne des Wortes das Volk herrschen und daher niemand ausgeschlossen werden, d.h. jede Meinung sollte geachtet werden, andererseits müsste die Demokratie ebenfalls in der Lage sein, Systeme, die dem eigenen demokratischen System schaden könnten, abzuwehren, also einen adäquaten Umgang z.B. mit antidemokratischen Meinungen entwickeln. Wie ist mit diesem Widerspruch der Forderung nach Meinungsfreiheit und damit auch Meinungen umzugehen, welche die Meinungsfreiheit und die demokratische Verfassung ablehnen,?

 

Im weiteren Verlauf der Diskussion waren sich die Teilnehmer uneins, ob der Widerspruch aufzulösen oder irgendwie zu lösen sei, oder ob gerade in diesem Widerspruch im Wesenskern der Demokratie das produktive Potenzial für eine ständige Re-aktualisierung der Frage nach Meinungsfreiheit und dem Umgang mit antidemokratischen Meinungen zu finden sei.

 

Welchen Platz hatte zudem die Philosophie in alledem? Müsste sich erst um die Demokratie und deren Stärkung und Erhaltung gekümmert werden, bevor man wieder philosophieren konnte? Müsste der Demokratie, wie Richard Rorty dies in seinem Aufsatz Der Vorrang der Demokratie vor der Philosophie forderte, der Vorrang vor der Philosophie gegeben werden, um zu garantieren, dass innerhalb einer demokratisch verfassten Grundordnung jede Philosophie möglich sei? Oder war und ist es die Aufgabe der Philosophie – platonischen Philosophen-Königen gleich – sich um eine Rechtfertigung der Demokratie zu kümmern, da eine Demokratie ohne notwendige philosophische Rechtfertigung nichts taugt?

 

Gegen Ende der Veranstaltung, schien es vielen Teilnehmern klar zu sein, dass man im Rahmen des heutigen Café Philosophique statt letztgültiger Lösungen vielmehr Erkenntnisgewinne und darauf aufbauend weitere Fragen mit nach Hause nehmen konnte, die dafür sorgten, dass die Frage um Demokratie, den Umgang mit Widersprüchen und miteinander in Diskussionen, ständig neu gestellt zu werden muss, um zu garantieren, dass man weiterhin in der Lage ist, dies zu tun.

 

Für Fragen, Kritik und Anmerkungen: alexanderkerber@yahoo.de

 

 

Düsseldorf, 10.04.2017