„Brauchen wir ein bedingungsloses Grundeinkommen?“ Moderator: Dr. Bernard Tucker

Bedeutet das mittlerweile vieldiskutierte „Bedingungslose Grundeinkommen“ eine effiziente Weiterentwicklung des Sozialstaats angesichts des fortschreitenden technologischen Wandels, der traditionelle industrielle Arbeitsformen zunehmend zum Verschwinden bringt? Mit dieser Frage beschäftigte sich das heutige Café. Dabei ging es in der Diskussion um die grundlegenden sozialphilosophischen, ethischen und anthropologischen Aspekte der Fragestellung: gefordert war also, über die derzeitigen, vielfach krisenanfälligen Strukturen der Arbeitskultur – Arbeitsverdichtung, Minijobs, Flexijobs, befristete Arbeitsstellen, Scheinselbständigkeit, Arbeitslosigkeit, Sozialtransfers von AlgI/II bis zur Rentenversicherung, Gerechtigkeitsdefizite – hinauszudenken, vielleicht im Sinne einer konkreten Systemüberwindung.

 

Selbst wenn es einigermaßen grotesk anmutet, auch Millionäre, Arbeitsverweigerer und Müßiggänger ohne Vermögens- und Einkommensanrechnung mit einer flächendeckenden steuerfinanzierten Sozialleistung in Höhe der jetzigen Grundsicherung auszustatten, so sind doch die gesellschaftlichen Gesamtkosten einer solchen Grundausstattung jedes Bürgers mit einem Minimalvermögen, wie die Verfechter des „Bedingungslosen Grundeinkommens“ vorrechnen, geringer als die Kosten der größten Etats der Bundes- Landes- und Kommunalhaushalte, also der Etats für Arbeit und Soziales, zusammengenommen – wodurch, etwa durch den Verzicht auf Transferbürokratie, Verwaltungsinstrumente und staatliche „Sozialindustrie“, Summen eingespart werden könnten, die dann auf direktem privatwirtschaftlichem Wege der sozialen Infrastruktur – Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Kultureinrichtungen, Senioreneinrichtungen usw. – zu gute kämen und so den gesellschaftlichen Wohlstand mehren würden. Ferner wäre, auf der Seite des Individuums, jeder Bürger/in mit der Freiheit ausgestattet, ohne Bevormundungen und Sanktionsandrohungen zu entscheiden, auf welche Weise und in welchem Umfang er oder sie ihre oder seine Arbeitskraft, also sein oder ihr Eigentum an Produktivkraft, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellt.

 

Soweit eine idealtypische Beschreibung der Idee, den Sozialstaat nicht von der Arbeit, vom arbeitenden Menschen (Homo oeconomicus) – und dies ist das philosophisch Interessante hier – vom Menschen als Vermögensinhaber her zu denken. Ist der Mensch der Gesellschaft seine Arbeitskraft „schuldig“, oder ist es eher die Gesellschaft, die dem Menschen eine materielle Grundausstattung „schuldig“ ist – noch bevor Arbeitsleistungen abgefordert werden? Im Café fand die Idee, die traditionelle Arbeitsethik zu ersetzen durch eine Ethik des „Schenkens“, wie man sagen könnte, ein durchaus geteiltes Echo, viel Unverständnis, deutliche Ablehnung, aber auch die – freilich skeptische – Bereitschaft, das Denkmodell als realistische Chance im Sinne eines neuartigen Menschenbildes zu bedenken. Das lag sicherlich an der tiefsitzenden Mentalität der sogenannten „Arbeitsgesellschaft“ als Leitbild der industriellen Revolution in ihren unterschiedlichen Entwicklungsphasen von der Erfindung der Fabrikarbeit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis hin zur IT-Revolution unserer Tage, die die Stellung des Menschen als Sozialwesen fortschreitend verändert. Werden wir uns weiter über die Erwerbsarbeit in ihren unterschiedlichen Ausprägungen (Lohnarbeit, Dienstleistungen, Wissensarbeit etc.) definieren, oder ist die Arbeit, die etwa im technikgläubigen Kommunismus eine religiöse Überhöhung erfuhr, mit dem Proletarier als dem „Helden der Arbeit“, ein anthropologisches Auslaufmodell?

 

Die von dem Soziologen Ralf Dahrendorf schon in den 80iger Jahren aufgeworfene Frage, inwieweit der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht und wie man sich eine neuartige „Tätigkeitsgesellschaft“ vorzustellen habe, führte im Café zu einer ausgiebigen Erörterung des Arbeitsbegriffs. In der Agrargesellschaft, von der antiken Sklavenhaltergesellschaft bis hin zum bis ins 19. Jahrhundert andauernden Feudalismus, sehen wir die Arbeit (von lat. arvum=Acker) und ihren Träger, den Arbeiter, keineswegs als eigenständige Wohlstandsquelle, sondern – als schicksalhafte Mühsal – unmittelbar der natürlichen Herrschaftsordnung von Grund und Boden untergeordnet. Arbeit ist Knechtschaft, auf die die Herrschaft – der Stand der „Freien“ – mit dem Bewusstsein herabblickt, dass allein sie, die religiös legitimierte Obrigkeit, die Hüter der Verfügungsgewalt über das Land und seine Bearbeiter, und damit die Garanten des aus dem Boden erwachsenden Wohlstands sind.

 

Ganz anders nun die mit der industriellen Revolution entstehende, kapitalistische Industriegesellschaft. Die Arbeit emanzipiert sich, wie von Adam Smith beschrieben, zur Hauptquelle eines Wohlstandsbegriffs, der den Faktor Arbeit der Natur als durch die Entwicklung von Technik und Wissenschaft potentiell grenzenlose Produktivkraft entgegensetzt, die ihre Dynamik durch die tendenziell universelle Verwandlung aller Lebensbereiche in eine marktförmige Warenwelt gewinnt. Das Problem hier ist die Warenform, der auch die menschliche Arbeit als Rädchen in der Maschinerie der Gewinnmaximierung unterworfen ist. Angebot und Nachfrage bestimmen den Wert der Arbeit als Teil der Warenzirkulation, die zyklischen Krisen unterliegt. Hier ist die menschliche Arbeit ein möglichst zu vermeidender Kostenfaktor, der an das Steigen und Fallen der Profitraten gekoppelt ist. Dem finanziellen Mehrwert, d.h., dem in den Produktionsmitteln arbeitenden Kapital, steht die menschliche Lohnarbeit als eine tendenziell zu reduzierende Größe entgegen, wenn durch Maschineneinsatz, Automatisierung, Computerisierung und dem Einsatz künstlicher Intelligenz die Kosten gedrückt, die Produktion gesteigert und die Gewinne dadurch erhöht werden. Der Mehrwertabschöpfung seitens der Kapitaleigner läuft – und dies ist die Logik des Kapitalismus – von Anfang an die Tendenz zur Entwertung und sogar Vernichtung der menschlichen Arbeit parallel, sobald die technische Innovation dies erfordert. Nach Karl Marx bedeutet dies die Enteignung des Menschen von seiner Natur, seiner – nach Karl Marx wesentlichen – Bestimmung, nämlich der sozialen Selbstrealisation in der Arbeit. Durch Rationalisierung und Verdichtung lebensfeindlich entstellt, erscheint die Arbeit als Entfremdung, „entfremdete Arbeit“ (Marx), in der, vom Proletariat des 19. bis hin zum Prekariat (Facharbeiter, Akademiker, Dienstleister, mittleres Management) des beginnenden 21. Jahrhunderts, der arbeitende Mensch zum Opfer in einer Reservearmee von Tagelöhnern zu werden droht, und damit in ähnlicher Weise unfrei, abhängig von kapitalistischen Großwetterlagen, wie der arbeitende Mensch im Mittelalter.

 

Der börsenkapitalistischen Überproduktion an abstraktem und aggressiv Renditeobjekte suchendem Anlagevermögen ist der fortschreitende Prozess der weltweiten Entfremdung, Umweltzerstörung, des übermäßigen Konsums und sozialer Desintegration anzulasten. Man kann diesem inhumanen und asozialen Kapitalismus durch realwirtschaftliche Produktrevolutionen begegnen. Dabei gilt es aber zu bedenken, dass z.B. die Revolution der Autoindustrie durch das Elektroauto in den kommenden Jahrzehnten 2 Millionen traditionelle Arbeitsplätze ersatzlos vernichten wird. Die Frage des Aussterbens der traditionellen Arbeitsgesellschaft, auf die das bedingungslose Grundeinkommen eine mögliche Antwort ist, wurde im Café eher verhalten diskutiert. Das Publikum haftete eher an alten Konzepten wie an Max Webers Analyse von der – bürokratischen – Arbeit als dem „stählernen Gehäuse“ und der protestantischen Arbeitsethik, in der die Arbeit als Gottesdienst erscheint. Stimmt das alles noch? Wird, wenn wir das Konzept der individualisierten, konkurrenzbasierten „Leistungsgesellschaft“ zugrunde legen, Leistung überhaupt noch belohnt? Die Frage, ob man auf der anderen Seite durch bedingungslose sozialstaatliche Solidarleistung die Entfremdung im zunehmend von extrem ungleicher Vermögensverteilung gekennzeichneten, „parasitären“ Kapitalismus überwinden könne, wurde im Café als Machtproblem diskutiert, und damit als Frage der politischen Willensbildung in den demokratischen Institutionen, die viel zu oft vor der „Lobbykratie“ der Kapitalinteressen in die Knie gehen. Ein Vorschlag bestand darin, das bedingungslose Grundeinkommen als Instrument für die Herstellung von mehr sozialer Gerechtigkeit zu betrachten. Ein Einwand dagegen war, auf der psychologischen Ebene, die Ablehnung eines „Rechts auf Faulheit“ (Lafargue), denn, so hieß es, der Mensch brauche, um überhaupt lebensfähig zu sein, Druck, Pflicht und Führungsstruktur. Dem gegenüber stand ein im besten ursprünglichen Sinne aristokratisches Menschenbild, das in der Freiheit von dem Druck der entfremdeten, warenförmigen Arbeit die Eröffnung eines menschlichen Gestaltungsraums erblickte, in dem die „Vita contemplativa“ der Antike, Muße, freie Kreativität, und der „herrschaftsfreie Diskurs“ (Habermas) basisdemokratischer Tätigkeitsfelder der Gesellschaft insgesamt, politisch, ökonomisch, ökologisch, zugute käme. So würde der Freiraum, den das bedingungslose Grundeinkommen eröffnet, zum Nährboden neuartiger Wertschöpfung jenseits des geistlosen Finanzkapitalismus.

 

Zum Ende des Cafés wurde es medizinisch. So gab man zu bedenken, dass das bedingungslose Grundeinkommen als Heilmittel gegen die Globalkrankheit der Selbstausbeutung des Menschen und der Ausbeutung der Natur nur eine Symptombehandlung sein könne: denn an den institutionalisierten Systemimperativen, Gier, Sucht, Hybris und Krieg, ändere eine solche Reform des Sozialstaats nichts.

 

 

Düsseldorf, 23. März 2017

 

Dr. Bernard Tucker