„Sprache – bedeutet viel Reden auch viel Philosophie?“

Moderator: Dr. Bernard Tucker

Seitens des Moderators wurden die folgenden Themen zur Abstimmung gestellt:
1. „Echokammern, Meinungsblasen, Fake News – wohin steuert die Mediengesellschaft?“
2. „Was ist Populismus – gibt es eine populistische Alternative zum Rechtspopulismus?
3. „Sprache – bedeutet viel Reden auch viel Philosophie?“

Die Mehrheit des heutigen Cafés entschied sich für das dritte Thema, welches dann auch in seiner Vielseitigkeit und Mehrdimensionalität beleuchtet wurde. Zur Entwicklung einer Sprachphilosophie im akademischen Sinne kam es, wie zu erwarten, eher nicht; an Stelle dessen trat, dem Brauch im Café Philosophique entsprechend, eine Tour d’Horizon unterschiedlicher Assoziationen und Konnotationen, zusammengehalten immer von der Frage: was bedeutet Sprache jenseits von bloßem Reden?

Zum Auftakt der heutigen Erörterungen ging es gleich in die Sphäre der kritischen Betrachtung von Sprachregelungen. Der Euphemismus, als die beschönigende und verhüllende Bezeichnung für das Unangenehme oder Tabuisierte, wurde am Beispiel von „Fallen“ im militärischen Diskurs angesprochen, im bürokratischen Diskurs der NS-Mordmaschine kennen wir das Wort „Sonderbehandlung“, Plünderung und Diebstahl hießen nach 1933 „Arisierung“. Implizit wurde gleich am Anfang der Café-Diskussion deutlich, dass Sprache weitaus mehr ist als das Hauptmedium des „Zoon logon echon“, des „Tieres, welches den Logos, d.h., das freie und vernunftbegabte Wort besitzt“. Sprache ist darüber hinaus das Medium der Machtkonstitution im öffentlichen Raum, also „Diskurs“. Zum Diskursbegriff, der in der heutigen Diskussion etwas zu kurz kam: seit Foucault („Die Ordnung des Diskurses“) reden wir von diskursiven Formationen, in denen sich Dispositive der Macht strukturieren, die im Wesentlichen von Denk-, d.h.: Sprachverboten leben und in denen die Sprache zum Vehikel des Ausschließens, des Verdrängens der Gewalt aus dem Bewusstsein wird. Worte können Unrecht wegzaubern, auch umwandeln, wodurch aus Unrecht Recht wird und umgekehrt. Die Parole „Wir sind das Volk“ beispielsweise münzt neuerdings die bürgerliche Revolution von 1989 um in eine ausländerfeindliche Revolution von Rechts, in der plötzlich die Kollektivsingulare „Wir“ und „Volk“ zu totalitären Machtchiffren werden, mit denen es gegen die als Feinde deklarierten Ohnmächtigen geht. Diktatorischen Charakter gewinnt das „Wir“, schon vor Orwell und Huxley, in negativen Utopien, auch Dystopien genannt – so in Samjatins im Stalinismus verbotenen Roman „My“, deutsch „Wir“, in dem das Kollektiv die Projektion eines allmächtigen Führers ist, eines „geliebten Führers“, wie derzeit in Nordkorea. Doch propagandistisches Schönreden kommt auch in anderen Diskursen vor, so in modernen Firmenkulturen, in denen das vertraulich-anbiedernde „Du“ als Sprachstrategie benutzt wird, um wirkliche Machtstrukturen und Hierarchien zu verschleiern und Gleichheit vorzugaukeln. Als Beispiel geradezu zynischer Sprachregelung wurde im Café der „Kollateralschaden“ genannt: die Rede von Kollateralschäden verhüllt den Tod von Zivilisten bei Kriegseinsätzen in einem Ausdruck, der an ein eher marginales Geschehen erinnert und überdies, Funktion der euphemistischen oder ideologischen Rede hier, für Entlastung von der Wahrheit sorgt, diese gar völlig verschwinden lässt.

Die Frage, ob viel Reden auch viel Philosophie bedeutet, führte zum Hinweis auf Heidegger, für den „Gerede“ die an der Oberfläche der Dinge haftende Alltagssprache ist, die wir allerdings brauchen, um als „Man“ (Man sagt dieses und jenes, man bewegt sich im Konventionellen, Gewohnheitsmäßigen, Normalen, Allgemeinen) überhaupt existieren zu können. Freilich lebt auch das Gerede, im Unterschied zur Sprache der Philosophie, die zum „Sein“ vordringen will („Die Sprache als Gehäuse des Seins“, so die Heideggersche Formel), wenn nicht von der soeben angesprochenen Verdrängung und Tabuisierung, so doch von der Vergessenheit dessen, worauf es „eigentlich“ ankommt („Seinsvergessenheit“). „Gerede“ meint nach Heidegger die Abflachung der Sprache zum bloßen Informieren, Mitteilen, Unterhalten, Kommunizieren. Sie ist im „Gerede“, wozu auch die Fachsprachen mit ihren spezialisierten, vielfach als stereotyp und phrasenhaft wahrgenommenen Diskursen zu zählen sind, nur Technik. Aber: wie steht es mit dem Reden im Sinne der Redekunst, der Rhetorik? Diese in der heutigen Café-Diskussion deutlich aufgeworfene Frage verweist auf die traditionelle antike Verbindung von Rhetorik und Philosophie, die erst in neuerer Zeit zu einem Gegensatz wurde, als die verwissenschaftlichte Philosophie das Reden als Ort der Wahrheitsverschleierung, Verführung und Manipulation verdächtigte. Jeder Text, auch der gesprochene, hat seine eigene Rhetorik; und ohne Rhetorik verkommt jeder Text, insbesondere auch der Philosophische, zu dürrem Begriffsgeklapper. Durch die Rhetorik bekommt die Sprache eine ästhetische Dimension, so beispielsweise in der Metapher, die man als übertragenes Bild wählt, um einen größeren Zusammenhang, vor dem die rationale Begriffssprache letztlich versagt, zum Ausdruck zu bringen. Beispiele: „Proteststurm“, „Asylantenflut“. Auch hier, wie man am letzteren Ausdruck sieht, die Tücke rhetorischer Kunstgriffe, die oftmals kalkuliert, ins Irrationale hinüberspielen, um versteckte ideologische Botschaften zu transportieren. Rhetorik ist daher stets auch, was betont wurde, Machtausübung, wie überhaupt die rhetorische Struktur der Sprache, insbesondere im politischen und sozio-ökonomischen Diskurs, die kulturellen Grenzen gesellschaftlicher Formationen beschreibt. So, wie man spricht, bestimmt man auch die Welt, in der man lebt. Das Wort „Weltanschauung“ beispielsweise bringt die jeweilige „Sprachwolke“ mit ihren Codes und Signalworten auf einen durchaus problematischen Begriff; generell kann man wohl sagen, daß Geisteshaltungen, Mentalitäten, ihren spürbaren Charakter durch die rhetorische Klangfarbe der Sprache erhalten.

Im weiteren Verlauf der Diskussion ging das heutige Café der Frage wieder einen Schritt zurück hinter die oben ausgeführten diskurskritischen Erörterungen und wandte sich der Frage zu, welche Funktionen überhaupt die Sprache besitzt und welche Instrumente sie uns an die Hand gibt. Als grundlegend wurde hier zunächst das Verstehen angesprochen, für das es ein eigenes methodisches Fach gibt, die Hermeneutik. Während die Rhetorik im Wesentlichen von der gesprochenen Sprache handelt, die sich verflüchtigt und immer wieder neu hervorgebracht werden muß, ist die Domäne der Hermeneutik im wesentlichen der geschriebene Text, in dem die Sprache eine festgelegte, tradierbare Form gewinnt, um einen bestimmten Inhalt zu fixieren. Allerdings ist dieser Inhalt, diese „Bedeutung“, erst einmal in der Sprache eingeschlossen und muß gelesen, ausgelegt, übersetzt, interpretiert werden, damit das „Verstehen“, d.h., die Aufnahme in den Bewusstseinshorizont, stattfinden kann. Dieser Prozeß bedarf eines besonderen sprachlichen Instrumentariums, der geisteswissenschaftlichen Logik, die insoweit von anderen Logiken unterschieden ist, dass sie eine besondere Kunst der Einfühlung in die jeweils historisch besondere Komplexität von individuellen Phänomenen beinhaltet, anders als das Beweisverfahren der mathematischen Naturwissenschaft, in der es um die durch Faktenbeobachtung begründete Erklärung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten geht. (DieFrage, ob es hinsichtlich diskursiver Paradigmen sinnvoll ist, weiter an der tradierten Unterscheidung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften festzuhalten, werde ich in diesem Moderationsbericht nicht weiter verfolgen)

Ein weiteres sprachliches Instrument überraschte: es ist das Nicht-Verstehen, das gewollt und ungewollt sein kann, das sogar auf Streit berechnet wird. Hier, einmal abgesehen von offenkundiger Dummheit und Wissensmangel, zeigt sich die Funktion der Sprache als Waffe, durch die gezielt und aus strategischen Gründen die Vermeidung dialogischen Verhaltens eingesetzt wird; inwieweit dieses strategische Nicht-Verstehen ironisch oder faktisch begründet ist, oder beides, hängt von dem jeweiligen Kontext der miteinander Sprechenden ab und zeigt, zu welchen unterschiedlichen Maskeraden Sprache fähig ist. Jedenfalls bewegte sich hier die Café-Diskussion in die Richtung der Betrachtung von Sprache als Kommunikationsinstrument (Oder eben auch als Instrument der Nicht-Kommunikation). Es gibt ja, beispielsweise, das Phänomen des „beredten Schweigens“ in Kommunikationssituationen. Das Café durchpflügte das weite Feld der unterschiedlichen Kommunikationstypen weniger, es beschränkte sich auf die verschiedenen Funktionen der Sprache als Nachricht. Hier kam das in der pädagogischen Praxis gebräuchliche Modell von Schulz von Thun zur Sprache. Nach diesem Modell zwischenmenschlicher Kommunikation besitzt jede Nachricht 4 Seiten, bildet also ein Quadrat, dessen Seiten die folgenden Funktionen beschreibt: 1) Sachinhalt, 2) Appell, 3) Beziehung, und 4) Selbstoffenbarung.

Dass Sprache weitaus mehr ist als Instrument und zweckgebundene Kommunikation, sondern darüber hinaus als eigene Wirklichkeit jedes nur denkbaren sozialen Lebens die Seinsart par excellence ist – diese Würdigung der Sprache als soziokulturelle Grundausstattung war zum Ende des heutigen Cafés verstärkt präsent. Die Ethik wurde angesprochen, und hier besonders die Verantwortung, die der Sprache zukommt; kritisch wurde aber auch gerade hier – erneut, wie gleich zu Beginn des Cafés – die manipulative Dimension der Sprache diskutiert, die im Zuge des weiteren Machtzuwachses der Mediengesellschaft mit ihrer Tendenz zu populistischer Vereinfachung und Vulgarisierung eine Gefahr für die Zivilisation darstellt, diese gar zu zerstören droht. Seitdem mit Lügen und „postfaktischer“ Massenästhetik politische Entscheidungen großen Stils erreicht werden, pervertiert die demokratische Verantwortungsethik zu neofaschistischer Willkür. Es fiel das Wort vom „transfaktischen Meinungsmanagement“, in dem, dialektisch, die Rolle der Sprache als Komplexitätsreduktion umschlägt in Komplexitätsvergewaltigung. Sind die Algorithmen, in denen sich die Mathematik als Sprache präsentiert, der Ausdruck solcher Massenvergewaltigung, wie gemutmaßt wurde? In die düsteren Aussichten mischten sich am Ende dieses heutigen Cafés auch ermunternde Töne. So wurde der Sprache das Potential des individuellen Widerstands zugebilligt, wie zu allen Zeiten in der Literatur, etwa der Lyrik, und natürlich der Philosophie. Vielleicht bedeutet dann viel Reden tatsächlich viel Philosophie, vor allem, wenn mit dem philosophischen Reden, wie am Schluß angemerkt wurde, viel Lust verbunden ist.

Düsseldorf, 5. Februar 2017

-Dr. Bernard Tucker-