„Welche Bedeutung hat der Witz für das Leben, für die Philosophie?“

Moderation: Isabell Donner

Die auf den ersten Anschein ungewohnt anmutende Zusammenbringung von Witz und Philosophie gewann am heutigen Nachmittag die Begeisterung der Teilnehmer des Café Philos. Ausgehend von der Frage, was einen Witz ausmacht stürzten sich einige Diskutanten direkt mit analytischer Präzision auf das Phänomen: Nach einer ersten sprachtheoretischen Orientierung, bei welcher die Funktion des Witzes auf einer Metaebene zum Sprechgehalt eingeordnet wurde, auf der Dinge zum Vorschein kommen, die sonst nicht explizit geäußert werden, wurde Sigmund Freuds Werk „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ zu Rate gezogen. Nach Freud hat ein Witz psychoanalytisch gesehen einen wahrheitsbezogenen Effekt, indem er nämlich Verdrängtes aus dem Unterbewusstsein aufdeckt. Die häufig reflexhafte Reaktion des Lachens über einen Witz bringt unsere Beziehungen zu dem Kontext, über den gelacht wird, auf einem unmittelbaren Wege zum Vorschein, auf dem wir nicht erst mit der beurteilenden Vernunft innehalten. So kann zum Beispiel das spontane Amüsieren über einen Witz, der ein gesellschaftliches Tabuthema aufs Korn nimmt, Facetten unserer eigentlichen Haltung zum Ausdruck bringen, die wir sonst aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen mit Zurückhaltung behandeln.

Mancher Diskussionsteilnehmer kritisierte diese Herangehensweise als zu analytisch und verkopft: Ein Witz, so der Einwand, habe zunächst einmal lediglich die Funktion der Erheiterung, teils des Loslassens vom ernsten Nachdenken und der strengen Einhaltung von Normen, womit er Entspannung und Freiheit in das Sozialleben bringt.
Das Stichwort „Freiheit“ ließ sich manches philosophische Gemüt jedoch nicht zweimal sagen. Durch die Zusammenführung der genannten befreienden Funktion des Witzes mit Freud erkannte man direkt eine erste Bedeutung des Witzes für die Philosophie: Indem nämlich der Witz durch die überraschende Wendung, welche die Menschen lachend macht, gegenüber unserem gewohnten Sinnhorizont das Ungewohnte kontrastiert, bringt er Charakteristika unseres Weltbildes hervor, die uns sonst nicht allzeit offenkundig sind. Durch seine entüblichende Funktion schafft uns der Witz eine andere Perspektive auf die Norm, vor dem Hintergrund derer wird sonst die Welt verstehen und macht uns ein Stück weit erkennender. Diese Festlegung stellte sich als konform mit Hegels Freiheitsdefinition als „Einsicht in die Notwendigkeit“ heraus. Philosophisch betrachtet lässt sich sowohl das eigentümliche Entdecken impliziter Ansichten und Haltungen sowie die Einsicht darin, dass der Witz befreit, wovon er befreit und was uns sonst gefangen hält, als eine ebensolche Einsicht in Notwendigkeiten auffassen.

Basierend auf dem obigen profilierten sich zwei Gedankenstränge, welche sowohl analytische Tendenzen wie auch lebensweltliche Dimensionen des Witzes umfassten: Er kann in theoretischer Manier als Erkenntnisinstrument dienen. In praktischer Hinsicht verändert er das Alltagsleben und bewirkt einen befreienden Perspektivwechsel.

Exemplarisch wurde der sogenannte schmutzige Witz besprochen, in welchem sich die oben genannten Wesensmerkmale eines Witzes widerspiegeln: Ein Witz, welcher Sexualität nicht nur anspricht, sondern einen sonst unüblich offenen und plakativen Zugang zum Thema eröffnet, wird zumeist in sozialen Situationen erzählt, die sich von einer verklemmten Sexualmoral loslösen möchten. Während das Sprechen über private Sexualität beispielsweise im beruflichen beinahe ein Tabuthema bedeutet, spricht der „schmutzige“ Witz das sonst Verschwiegene in aller Deutlichkeit aus. Da das Amüsement über derartige Witze sehr weit verbreitet ist, wird im Zuge des Witzes nicht nur die gesellschaftliche Norm der Zurückhaltung in diesem Thema deutlich, sondern auch – mit Freud – dass man es hier eigentlich mit einem Thema zu tun hat, zu dem eine hohe Affinität besteht. Und eben das Erkennen dieser Kombination – das eigentlich große Interesse der Menschen an Sexualität in Kombination mit gesellschaftlichen Tabus, was überhaupt erst das Werturteil „schmutzig“ hervorgebracht hat – macht die erkenntnisfördernde Funktion des Witzes aus.

Wie sich vermuten lässt bestand bei vielen der heute anwesenden Personen eine Vorliebe zum politischen Witz. Aus gegebenen Anlass wurde die US-amerikanische Präsidentschaftswahl diskutiert, deren Ergebnis für viele einen Witz sondergleichen darstellte. Aber eben hier tritt ein weiteres Beispiel für die strukturell philosophische Dimension des Witzes hervor: Warum, so fragen sich viele, wird ein Kandidat zum Präsidenten gewählt, der bei sehr vielen Menschen tiefschürfende Kritik in jeglichen Facetten hervorruft? Eben die Antwort auf die Frage und unser Wundern über diese politische Absurdität, diesen, wenn man so will, Witz der Historie, gibt Anlass, uns etwa weitergehend damit zu befassen, welchen Geistes die Wählerschaft ist, mit welchen Problemen sie konfrontiert sind und diese in der Wahl eines Populisten zum Ausdruck bringen.

Beim Vergleich mehrerer politischer Witze wurde deutlich, dass dieser auch dazu dient, in gesellschaftlich kritischen Situationen eine andere Sicht auf die Wirklichkeit zu verschaffen. Der Witz kann dazu beitragen von der Bedrohlichkeit einer Situation Abstand zu nehmen und einem eklatanten Phänomen in besonderer Weise Ausdruck zu verleihen. Die Situation des Internisten, welcher den Gruß „Heil Hitler!“ seines Kollegen aus der Psychiatrie mit „Heil du ihn! Du bist doch der Irrenarzt!“ erwidert, bat dafür ein gutes Beispiel: Die sprachliche Doppeldeutigkeit des Begriffs „Heil“ wird genutzt, um eine politisch irrsinnige Situation in knappe, wirkungsvolle Worte zu fassen.

Der Witz, so wurde festgestellt, lässt sich auch insofern als eine besondere Art der Ausdrucksform verstehen als er häufig über denjenigen etwas aussagt, der ihn hervorbringt bzw. über den, der sich ihm zuwendet. Hier wurde der Blick nicht nur auf den Witz als aktive Ausdrucksform eines kritischen Geistes geworfen, sondern auch auf das passive Konsumieren von Witzen. So war der massenhaft ausgestrahlte Klamauk im Fernsehen für unsere Diskutanten zwar alles andere als originell, jedoch, so hielt man fest, sagt er viel über den Geist der Gesellschaft aus, die ihn sich gerne ansieht. Ein Blick in die Philosophiegeschichte erinnert daran, dass Adorno und Horkheimer eine Deutung des Amüsements als Fortsetzung des Arbeitslebens im Kapitalismus entwickelten, das die Erschöpfung nach dem Arbeitstag mit Material auffängt, welches als Komplement zu einem Leben verstanden werden kann, das den Menschen von jeglicher Auseinandersetzung mit politischem Widerstand abhält. Diese Deutung lässt sich vor dem Hintergrund der Frage nach dem Zusammenhang von seichtem Amüsement in Massenmedien und politischer Lethargie interessant weiterdenken.

27.11.2016
Isabell Donner