„Was versperrt das Erkennen der Wahrheit?“

Moderator: Dr. Bernard Tucker

Das Thema heute: „Was versperrt das Erkennen der Wahrheit?“ erwies sich – zumindest in der ersten Stunde des Cafés – selbst als sperrig, als „Sperrgebiet“, weil in der Fragestellung gleich mehrere philosophisch hochkalibrige Begriffe zusammenkamen. Erst einmal: das „Was“, welches auf eine Bedingung verweist, auf eine Sache, ein Ding, das als Sperre fungiert. Was konnte das sein? So recht ist dieses Café nicht dahinter gekommen. Oder vielleicht doch? Denn: das Erkennen ist etwas Anderes als das, worauf man umstandslos routiniert eine Antwort kennt. Es verweist auf die klassische Übung philosophischen Denkens, auf die Erkenntnistheorie, die Epistemologie, und ist traditionell dem Meinen, Glauben, Werten, Vermuten, der „doxa“, entgegengesetzt. Und nun das Dritte hier, die Wahrheit, die die Gültigkeit der Aussage im Auge hat, logisch, ethisch, ästhetisch, letzteres als „Wahrnehmung“, eine Gefühlsgröße, die die Unmittelbarkeit der Sinne betrifft, aus denen die Evidenz, die Sinnfälligkeit, hervorgeht und in der, ja, auch, der Irrtum lauert. Diese drei Elemente, das „Was“, Das „Erkennen“, die „Wahrheit“, das alles zusammengewürfelt jenseits des wie auch immer gearteten Dogmatismus eines landläufigen Meinens: wie bekommen wir das jetzt zusammen mit der verbalen Verknüpfung des „Versperrens“? Unmöglich, wenn unklar bleibt, was dieses „Was“ bedeutet und wie man sich das Versperren vorzustellen hat – also: wie eine Phänomenologie des Versperrens aussehen könnte. Nun ist das Unmögliche ein willkommener Anreiz fürs Philosophieren, das Sperrige ohnehin, sei es als Verwirrung, sei es als Provokation, genuin philosophisches Übungsgebiet. Dieses Übungsgebiet war heute, wie vom Themengeber gleich zu Anfang präzisiert, besagtes „Sperrgebiet“, und zwar als Bild, als Metapher.

Also werden wir nach Namibia versetzt, in den Sand Afrikas, wo es solche Sperrgebiete gibt, aufgelassene Diamantenminen, die gleichwohl verbotenes Gelände bleiben – es könnte ja noch der ein oder andere verborgene Edelstein dort sein. Und dieser verborgene Edelstein, dessen sich Unbefugte bemächtigen könnten – wäre das die Wahrheit, deren Auffinden die Erkenntnis sich zur Aufgabe gesetzt hätte, unter der Bedingung, eben die Sperre zu durchbrechen?

Logischerweise könnte solches Durchbrechen das Thema eines Abenteuerfilms werden, bezogen auf die Denk- und Sprachabenteuer des Café Philosophique bedeutete dies heute, daß zunächst einmal zu klären war, auf welcher Ebene man diskutierte.

Es wurde rasch klar, dass wir uns auf der Ebene mentaler Zeitdiagnostik bewegen würden. Hier wurden gleich die Schwierigkeiten mit der Wahrheit in einer weitgehend individualisierten und pluralistischen Gesellschaft angesprochen. Absperrungen gegenüber Wahrheiten in ihrer je gruppen- und interessenbezogenen Ausprägungsform sind, so hieß es, nicht nur die zahllosen Unberechenbarkeiten moderner Lebensformen, die wie der afrikanische Sand Überraschungen verbergen, sondern auch die Geltungsansprüche solcher Partikularwahrheiten selbst, die nicht mehr umstandslos auf universelle Werte wie diejenigen der Aufklärung, des Christentums und des Humanismus verweisen können und trotzdem, interessegeleitet im Namen der Zivilisation, darauf beharren, es gebe dazu keine vernünftigen Alternativen. So entsteht, als ein wesentliches Sperrgebiet, eine überall in der Moderne wahrgenommene Erstarrung etablierter Formen – das „establishment“ – , und dessen Ausdruck, also das, was allgemein als „political correctness“ daherkommt: „political correctness“ wird von Seiten der als nicht als zum establishment gehörend sich empfindenden, vermeintlich ausgeschlossenen, „ausgesperrten“ Kräfte, vulgo: „Links“ oder „Rechts“, als eine Diktatur der Sprachregelungen und Meinungen wahrgenommen.

Diese offensichtlich sehr starken Gefühle von Ungerechtigkeit, Nicht-Anerkennung und Ausgeschlossensein sind der Treibsand, der die ausdifferenzierten Institutionen der politischen Klasse und medial organisierten Öffentlichkeit zu unterminieren drohen – „Populismus“ wäre hier das aktuelle Schlagwort. Ohne systematisch auf diesen Begriff einzugehen – was angesichts von dessen schillernden Bedeutungshorizonten auch fast unmöglich gewesen wäre – , beschäftigte sich das Café doch ansatzweise mit dessen Aspekten als eine diffuse neuartige Protestbewegung. Ist dies, in Umkehrung des Antifaschismus der 68iger Bewegung, eine neue Form des Faschismus, ein neuer organisierter Irrationalismus, ist es richtig, den neugewählten US-Präsidenten mit Mussolini, die Kaperung der Republikanischen Partei und den Durchmarsch nach Washington mit dem Marsch auf Rom zu vergleichen, wie in der deutschen Presse geschehen?

Der Tabubruch, gleichsam als Einmarsch in mentale Sperrgebiete, zeigt sich als ein wirksames Instrument zur Erlangung demokratischer Mehrheiten, wodurch die Demokratie in Gefahr gerät, sich selbst mit demokratischen Mitteln abzuschaffen. Diese Gefahr wurde im Café viel zu wenig angesprochen – man denke nur an Hitler, der auf legalem Wege an die Macht gekommen ist und von großen Mehrheiten bis zum Ende als legitimer Führer angesehen wurde.

Alles das, was die „political correctness“ zum Sperrgebiet erklärt, der Wert des „Eigenen“ gegenüber der Gefahr der Überfremdung, das Völkische, Nationale, Rassische, die intakte Heimat, das „gesunde Volksempfinden“, „Make America great again“ usw., wird im Populismus mit seinem kalkulierten Tabubruch zum alternativen Wahrheitsdiskurs, versehen mit entsprechender Erkenntnistheorie. So wird, um auf das heutige Thema zurückzukommen, die Frage danach, was das Erkennen der Wahrheit versperrt, zu einer Frage des Gefühlsausdrucks jenseits sachlicher Faktenbetrachtung. Die Erkenntnis der Wahrheit hört auf, Vernunftdiskurs zu sein, sie greift, ungeachtet faktischer Wirklichkeiten, zurück auf politisierte Masseninstinkte, welche sie dann allerdings als das eigentlich Wirkliche verkauft. Unter diesem Gesichtspunkt wurde skeptisch gefragt, ob das Publikum in der Massendemokratie mit ihren irrationalen Plebisziten (man denke an den Brexit) überhaupt an einem faktenorientierten Wahrheitsdiskurs interessiert ist. So tauchte dann das derzeit vieldiskutierte Diktum vom „Postfaktischen Zeitalter“ am Horizont auf. Ich als Moderator musste, ohne dies zu sagen, hier an Walter Benjamin denken, an dessen Wort, das ich paraphrasiere: der Faschismus verhilft den Massen zu ihrem Ausdruck, nicht aber zu ihrem Recht. Das ist durchaus kapitalismuskritisch gemeint. Im Café wurden folglich auch Stimmen laut, die betonten, es gebe Kräfte, die gerade an der Unterdrückung rational begründbarer Fakten zugunsten emotional aufgeladener Beliebigkeitspropaganda interessiert sind, um, man könnte sagen, den menschlichen Herdentrieb weiter in Galopp zu halten. Wenn Voltaire sagte, die Wahrheit sei die Lüge, an die die große Mehrheit glaubt, so ist im Kapitalismus – in der postmodernen Variante des „Trumpismus“ – das Entern von Sperrgebieten möglicherweise das probateste Mittel, die Kapitalzirkulation – den Kreislauf von Gewinn- und Verlustmaximierung, „schöpferische Zerstörung“ (Schumpeter) – noch überdrehter zu machen, als er ohnehin schon ist.

Es wurde gegen Ende des Cafés darauf hingewiesen, daß die spezifische Faktenleere, die der populistischen Parole zueigen ist, sich nicht nur bei den „Rechten“ findet, sondern auch „Links“ oder in der „Mitte“: Obamas „Yes we can“ sei dafür ebenso beispielhaft wie Merkels „Wir schaffen das“. „Was“ können wir, „was“ schaffen wir? Die Antwort darauf scheint mittlerweile durchaus gleichgültig zu sein, so daß das Moment von ästhetischer Selbstbezüglichkeit – man kann auch von Narzissmus reden – bei Trump die Frage nach Verantwortung und Zwecksetzung in ein Nirwana von Selbstverliebtheit führt: „Think big“, und: „I do it in order to do it“ – Großartiges Tun um des Tuns willen.

Im postfaktischen Raum ist die magische Verbindung zwischen demagogischem Individuum und der nach Heimat hungernden Masse das Einfallstor zu populären Bewegungen, in denen die Gedanken- und Sprachpolizei der political correctness schweigt. Geert Wilders in den Niederlanden verspricht seinen verzückten Anhängern, alle Angehörigen des Islam hinauszuwerfen: eine faktische Unmöglichkeit, die aber, postfaktisch, Wähler mobilisiert, die bislang schweigend ihr Gefühl von Deklassierung und Überfremdung für sich behielten, allenfalls im Internet die Sündenböcke für ihr emotionales Elend namhaft machten. Warum ist in diesen Kreisen der vernünftige öffentliche Diskurs zusammengebrochen? Es wurde im Café eine Stimme laut, die von mentaler Obdachlosigkeit in modernen Gesellschaften sprach, und zwar quer durch alle Einkommens- und Bildungsschichten. Es ist nicht nur der „White Trash“ in den USA und der deutsche Hartz-IV-Mensch, der die Sperrgebiete besetzt und hier, wie es am Schluss hieß, die Geheimnisse einer neuartigen Politik jenseits des Establishment lüften möchte; es sind vor allem alle diejenigen, die mit der Komplexität und dem Pluralismus einer in ihrer Offenheit unberechenbar gewordenen Welt nicht klarkommen und die ganz großen und einfachen Antworten suchen.

Düsseldorf, 22. November 2016
-Dr. Bernard Tucker-