„Wie ist eine Kunst des Sterbens möglich?“

Moderator: Alexander Kerber

„Alle steuern wir dem gleichen Ziele zu; für jeden wird sein Los in der Urne geschüttelt, bis es früher oder später herausspringt und wir mit dem Kahn in die ewige Verbannung fahren müssen“ zitiert Michel de Montaigne Horaz in seinem fast schon bekanntesten Essay Philo-sophieren heißt Sterben lernen. Weniger um Horaz, denn um das titelgebende Bonmot Mon-taignes drehte sich die heutige Sitzung des Café Philosophique. Dabei war von vorneherein jedoch unklar was mit der Fragestellung gemeint war. Was soll das überhaupt sein – eine Kunst des Sterbens? Kann es sich dabei überhaupt um eine Kunst handeln? Braucht es die-se überhaupt und wenn ja, wie sieht diese dann in concreto aus? Es wurde vom Themenge-ber daher eine Herleitung von der von Luther ausgehenden Ars moriendi versucht. Diese sei, vor dem Hintergrund einer christlichen Heilslehre, eine Vorbereitung auf den guten Tod und den Eingang ins göttliche Himmelreich. Für Luther, der dieses Thema in seiner Sermon Von der Bereitung zum Sterben behandelte, bedeutete dies, dass sich die Menschen schon vor ihrem nahenden Tod, d.h. solange man sich bester Gesundheit erfreute, um ihr Seelenheil zu kümmern hätten. Dies sei jedoch eine ars moriendi, eine Kunst des Sterbens auf Grund-lage des christlichen Glaubens und damit, so war sich das Publikum des Café Philosophique einig, eine heutzutage nicht mehr plausibel zu vertretende Perspektive. Es wurde daher spe-zifischer nach einer säkularen Kunst des Sterbens gefragt. Genauer: Schon bei Montaigne sei eine christliche Heilslehre für eine Vorbereitung auf den eigenen Tod zugunsten eines Individualismus in den Hintergrund gerückt. Wie kann heute, mehr als vierhundert Jahre nach Montaignes Tod, in einer naturwissenschaftlich-dominierten, säkularen Gesellschaft eine Kunst des Sterbens aussehen?

Damit war die diskussionsleitende Frage genauer erläutert worden, aber Unmut machte sich immer noch breit. Kunst des Sterbens klinge viel zu beschönigend. Gerade so, als wäre bzw. könne es ästhetisch sein zu sterben, wo es doch faktisch so sei, dass man heutzutage, und das auch in der westlichen Welt, ganz erbärmlich an Schläuchen und Maschinen ange-schlossen oder mit Schmerzmitteln vollgepumpt regelrecht zu krepieren. Von einer Ster-benskunst zu reden, sei doch Augenwischerei und würde an der tatsächlichen Situation vor-beigehen. Andere Diskutanten störten sich an den Begrifflichkeiten und fragten bzw. ver-suchten eine Definition der Begriffe. Dabei wurden neben Nietzsche, dessen Fröhliche Wis-senschaft man wenig zielgebend herbeizitierte auch andere mächtige Tote beschworen. Mit Niklas Luhmann versuchte man den Begriff der Kunst zu definieren, dessen Erklärung nicht nur dem Moderator entfallen ist, sondern auch im Rahmen der Diskussion auf wenig Anklang stieß. Das Luhmann den Anspruch hatte eine soziologische Universaltheorie zu entwerfen und die Kunst als ausdifferenziertes System dabei nur eines unter vielen ist, damit von vor-neherein ein aus dem spezifischen Kontext herausgelöster Halbsatz notwendigerweise Un-verständnis auslösen musste, wurde jedoch sanft ignoriert.

Mit dem Schlagwort der Ambiguitätstoleranz, eine Fähigkeit die sowohl die Kunst als auch die Philosophie auszeichnete, wurde eine Öffnung des Themas gesucht. Es gehe bei der Ambiguitätstoleranz darum andere Perspektiven auszuhalten und sich selbstreferentiell auf die eigene Perspektive beziehen zu können (der zweite Aspekt dieses Konzeptes wurde in einer einführenden Definition zwar erwähnt, fand aber den Rest des Nachmittags keine wei-tere Erwähnung). Mit einer amibuitätstoleranten Haltung sei man also in der Lage nicht mehr von der einen Kunst des Sterbens zu reden, sondern vielmehr von den Künsten des Ster-bens. Ein anderer forderte, dass man nicht nur den Begriff der Kunst sondern auch den der Natur kläre, da dieser ja ebenfalls problematisch sei.

Die Notwendigkeit einer Kunst des Sterbens, berechtigter Kritik zum Trotz, wurde jedoch in unserem Wissen um unseren eigenen Tod begründet. Da wir um unsere eigene Endlichkeit, d.h. unseren eigenen Tod wüssten, bräuchten wir eine Kunst, um dieses Faktum zu kom-pensieren. Die Angst vor dem Tod bzw. die Unmöglichkeit wissen zu können, was nach dem Tod passiere, nötige uns geradewegs dazu einen Umgang mit dem (eigenen) Tod zu finden. Einige Diskutanten nahmen die ursprüngliche Frage nach einer Kunst des Sterbens daher explizit als eine Ars vivendi, d.h. eine Kunst des Lebens auf und schlussfolgerten, dass aus der Erkenntnis, dass unser Leben endlich sei ein bewussteres Leben angestrebt werden könne.

Mit Epikurs „So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen, denn wo jene sind, ist er nicht, und diese sind ja überhaupt nicht mehr da.“ wurde auf die negative Konnotation der Begriffe Sterben und Tod hingewie-sen. Die Angst vor dem (eigenen) Tod sei eine religiös-induzierte Angst, mit der die Religion seit jeher versucht habe ihre eigene Eschatologie und ihr eigenes Weltbild zu festigen. Ohne Rekurs auf Nietzsche – der hier, wie an vielen anderen Stellen wie die Faust auf das allse-hende Auge gepasst hätte – wurde nun eine postreligiöse Sinnlosigkeit allen Tuns diskutiert und damit die Frage aufgeworfen, ob es ein sinnerfülltes Leben und damit auch ein sinner-fülltes Sterben ohne Religion überhaupt geben könne. Da der Tenor der Diskussionsrunde jedoch ein naturwissenschaftlicher war, wurde wenig Zeit darauf verschwendet, die Frage nach der Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz weiter zu hinterfragen. Die Naturwissenschaft und auch insbesondere die Quantenmechanik – der Moderator sah die Arche der positiven Wissenschaften schon im Meer der Esoterik untergehen – lieferten immerhin wissenschaftli-che, das heißt: nicht-religiöse, das hieß in dieser Runde: bessere, Erklärungen, um mit dem Phänomen des physischen Todes umzugehen. Neben der Materie gäbe es ja schließlich auch einen Geist, ein Bewusstsein. Über dieses müsse geredet werden und nicht über den Tod und eine mögliche Kunst des Sterbens. Statt eines Schöpfungsmythos setzte man den Big Bang an den Anfang, verwies in einem Nebensatz auf den aristotelischen unbewegten Beweger und konkludierte, dass wir alle aus dem Urknall entstanden seien und – dem Ener-gieerhaltungssatz und weiteren heuristischen Methoden der Welterschließung sei Dank! – alle nach unserem physischen Tod wieder in eine irgendwie geartete energetische Allmacht eingehen würden. Dass die Naturwissenschaft meistens wie Religion riecht, merkte man über den Milchkaffee und den Kuchengeruch des Veranstaltungsorts nicht. Zwar wurde in einem Nachsatz darauf hingewiesen, dass die Naturwissenschaft keine Gewissheiten ver-breite, so wie die Theologie dies tue, so wie man über erstere sprach, musste jedoch daran gezweifelt werden, dass man diesen Rat überhaupt beherzigte.

Nach einer Intervention, in der auf die unterschiedlichen Leib-Seele-Probleme der antiken und der neuzeitlichen Philosophie hingewiesen wurde, war das Thema auf das Bewusstsein gelenkt und daran anschließende Fragen, welche Möglichkeiten nach dem Tod des physi-schen Körpers blieben. Die Teilnehmer diskutierten dabei quasi-frankenstein’sche Methoden der Kopftransplantation, als auch neuere technologische Entwicklungen, wie die der Kryonik oder der whole-brain-emulation (dabei handelt es sich um den Versuch, das physische Ge-hirn, das als eine sehr feingliedrige und hochkomplexe Verzweigung elektronischer Signale verstanden wird, komplett nachzubauen). Erst gegen Ende der Diskussionsrunde zeigte sich jedoch, was allen technologischen Entwicklungen und angeblicher religiöser Emanzipation zum Trotz das Hauptproblem und damit auch die Kernfrage des Nachmittags war: wir sind an einem Punkt, an dem alle bisherigen metaphysischen Erklärungen versagt oder sich als nicht haltbar herausgestellt haben. Es brauche, auch im Angesicht eines guten Umgangs das eigene Sterben zu lernen, daher eine neue Metaphysik, die sich dieser Sache nicht nur annimmt, sondern die Streitfrage des Abends angemessen zu erklären weiß. Über diese neue Metaphysik nachzudenken und an ihr zu arbeiten, ist das, was jeder der Teilnehmer des heutigen Café Philosophique als positives Resultat, der zuerst negativ wahrgenomme-nen Ausgangsfrage, mit nach Hause nehmen konnte.

Düsseldorf, 07. November 2016 Alexander Kerber