„Muss man religiös sein, um moralisch zu sein?“

Moderator: Dr. Bernard Tucker

Wenn Moralisten und Ethiker aufeinandertreffen, gibt es Streit. Moralisten reden vom Guten, das sich einstellen soll, wenn man nach bestimmten Grundsätzen handelt; Ethiker reden auch vom Guten, aber dieses Gute kann weitaus mehr sein als ein Handeln nach bestimm-ten Grundsätzen, es kann sogar solche Grundsätze wie beispielsweise den kategorischen Imperativ verwerfen; es meint vor allem die vorgelagerte Frage danach, woher eigentlich im Denken die moralischen Grundsätze kommen, welcher Intention, welchem Gefühl und wel-chem Glauben sie ihre Existenz verdanken. Der Streit hier geht in die Anfänge der wissen-schaftlichen Philosophie zurück, in die Unterscheidung zwischen „doxa“ und „épistèmé“, „Meinung“, „Glauben“ und „Wissen“, „Erkenntnis“.

Soviel als Vorrede zum Bericht über das heutige Café Philosophique, dessen Thema lautete:

„Muss man religiös sein, um moralisch zu sein?“

Das Thema zielt, philosophisch genommen, in das Zentrum einer Kampfarena, in der man leicht untergehen kann, wenn es nicht gelingt, eine Metaebene kritischer Begriffsbetrachtung zu erreichen. Das war dann in der Tat in diesem Café das Problem. Es fing schon damit an, dass das Thema eigentlich eine rhetorische Frage darstellt; denn vom Standpunkt kritischer Vernunft aus wird wohl kein Mensch argumentieren wollen, man müsse einer Religion ange-hören, um moralisch zu sein. Dann wären ja alle Areligiösen, Agnostiker und Atheisten zum Beispiel, unmoralisch. Nun atmete dieses Café in einigen Ecken den Geist konservativer Sehnsucht nach dem Religiösen, nach einer neuen Orthodoxie; und da hat natürlich die Kunst philosophischer Investigation in die Gründe von Moral, Ethik und Religion einen schweren Stand. Denn diese Kunst meint Begriffsklärungen, die Markierung von Differenzen, und gewiss auch das Definieren dessen, worüber man überhaupt redet.

Um eine drohende Konfusion der Gesprächsebenen zu vermeiden, wurde zu Beginn des Disputs eine Art Brückenschlag von Moral und Ethik vorgeschlagen: dadurch sollte man vom Religiösen, dem unterschwellig das Moralische zugeordnet wurde, zum Philosophischen kommen. Dabei aber drohte die Gefahr, Moral und Ethik auf der gleichen Erkenntnisebene anzusiedeln – ein altes Vorurteil, das, wie Peter Ustinov sagen würde, „wie ein Kaugummi am Gaumen klebt“. Denn während die Ethik, als Disziplin der praktischen Philosophie, generell nach den Möglichkeitsbedingungen für die Erlangung von Gütern wie Gerechtigkeit, Freiheit, Glück, Nutzen usw. fragt und dabei das Thema der Sitten und Gewohnheiten allgemein in Augenschein nimmt, haben wir es bei der Moral, als Untermenge der Ethik, mit der Sittenleh-re im engeren Sinne der Bindung an Handlungsgrundsätze, Werthaltungen und Lebensemp-fehlungen zu tun. In der Ethik geht es um reflektierendes Denken, auch über Moral, gewiss; aber Moral ihrerseits meint die Verpflichtung auf eine bestimmte, oftmals als innerer Befehl wahrgenommene Idee, ein „Ideal“, an das man glaubt; damit ist die Moral oftmals sehr nahe an einem Sektor der Ethik, der normativen oder Pflichtethik. Das Moment der Bindung oder Rückbindung, das kennzeichnend ist für die Moral, rückt diese nahe an die Religion: aber die in der Themengebung des heutigen Cafés insinuierte Betrachtung der Religion als conditio sine qua non fürs Moralische macht nur Sinn, wenn man einen wie auch immer gearteten Gottesbegriff dem moralischen Empfinden dogmatisch zugrunde legt. Auf diese Weise wird der Gesamtbezirk der normativen Ethik, zu dem z.B. der kategorische Imperativ zählt, ge-genüber allen anderen möglichen Perspektiven der Ethik privilegiert und so dem skeptischen Zugriff der Philosophie entzogen. Die Verbissenheit, mit der in der heutigen Café-Diskussion über den kategorischen Imperativ gestritten wurde, zeigte prägnant die Schwierigkeiten, in die man im Dreieck Religion-Moral-Ethik kommt, vor allem, wenn man Religion und Philoso-phie vermischt.

Der Humanismus, wie wir ihn seit Erasmus v. Rotterdam als menschenfreundlichen Spott über die Torheiten unseres Gottesglaubens und Glaubens in die ganz großen Ideen kennen, kam in diesem Café ein wenig zu kurz. Zwar wurde durchaus die Moral einer vielseitigen Betrachtung unterzogen: Moral als System (Luhmann), als notwendige Kraft zur Stabilisie-rung des Gemeinwesens, zur Herstellung der Zivilisation aus dem Naturzustand des „bellum omnium contra omnes“, aber auch als Maskerade des Egoismus und „Fettauge auf der Sup-pe“, in der allerlei Unappetitliches umherschwimmt, als auf dem „Es“ sitzendes „Über-Ich“ (Freud) und Ausdunstung des „Willens zur Macht“ (Nietzsche, Genealogie der Moral). Aber wo war die Rede von Unrecht und Repression im Namen der Moral? Wasser predigen und selbst Wein trinken – der Spruch zur Kennzeichnung von Scheinheiligkeit und Pseudomoral wurde in der Diskussion genannt, auch, zum Ende hin, das Phänomen der Heuchelei. Gleichwohl ist leider das Café heute nicht zu Erörterungen vorgedrungen, in denen es inte-ressant geworden wäre.

Der Anstoß seitens der Moderation, doch einmal das Verhältnis von Politik und Moral zu be-denken, um aus dem etwas tautologisch anmutenden Umkreisen des Verhältnisses von Re-ligion und Moral herauszukommen, führte nicht weit. Perversions- oder Verfallsformen der Moral wären zu nennen, in denen eine Weltanschauung die Begründung für den Massen-mord abgibt und am Ende, wie bei den Einlassungen Eichmanns in seinem Prozess, die mo-ralische Kategorie der Pflicht als verabsolutierte Legitimation die Moral in bürokratischen Nihilismus umschlagen lässt. Von diesem Extremfall in die Sphäre der modernen Zivilisation zurückkehrend, könnte man fragen: führt der Kapitalismus mit seiner Tendenz, die gesamte Erde in ein Spielfeld der Gewinnmaximierung zu verwandeln, nicht überall zu Korruptions-formen, die sich als Moral ausgeben? Zwar wurde in der Diskussion das Projekt „Weltethos“ (Hans Küng) angesprochen. Aber wird ein solches Weltethos tatsächlich gegen diese medial verstärkten und vervielfältigten Maskeraden ankommen?

Die Café-Diskussion endete mit der Feststellung, man habe es heute mit einem Pluralismus moralischer Einstellungen zu tun. Es wäre lohnenswert, diesen Pluralismus unter den Bedin-gungen der totalitär gewordenen Mediengesellschaft genauer zu untersuchen.

Düsseldorf, 13. Oktober 2016

-Dr. Bernard Tucker-