„Was sind unsere Werte wert?“

Moderator: Dr. Bernard Tucker

Ein Diskurs über „unsere Werte“ – ein weites, multidimensionales, und, kaum vermeidlich, uferloses Feld, das wir im heutigen Café zu durchqueren hatten: sind Werte, wie es gleich am Anfang hieß, Strukturmerkmale des menschlichen Zusammenlebens, durch die Orientierung ins Leben kommt? Und, bedeutet die Vernachlässigung solcher Strukturmerkmale, daß der Egoismus Überhand gewinnt und die Solidarität leidet? Ethische Sorge spricht aus solchen Fragen. In der Tat, „Wert“ ist ein ethischer Grundbegriff, der signalisiert, „was uns gut tut“, aber auch ein Begriff, der sich dem analytischen Zugriff wegen seiner beharrlichen Mehrdeutigkeit immer wieder entzieht, zumal er aus der Sphäre der Ökonomie in die Philosophie eingewandert ist und eine Tendenz zum Irrationalen aufweist.

Um das Gespräch in Richtung auf Definitionsversuche zu lenken, wurde seitens der Moderation ein Passus aus Heideggers Metaphysik-Vorlesung vom Sommersemester 1935 zitiert. Hier setzt sich Heidegger kritisch von den NS-Philosophen ab, um seine eigene – daseinsanalytische – Sicht der NS-Revolution zu betonen. Er spricht von den „Fischzügen“ des neuzeitlichen Menschen in den „trüben Gewässern“ der „Werte und Ganzheiten“ und wendet sich implizit gegen Projekte von Philosophen nach 1933, die „Werte“ der Nazi-Revolution zu definieren. Von diesem Zitat ausgehend, konnte man kritisch feststellen, dass Werte, als affektiv aufgeladene Codierungen von Emotionen und Gesinnungen, zu politischen Kampfbegriffen werden, vor allem von rechts. Worte wie Ehre, Nation, Volk, Opferbereitschaft, das „Eigene“, „christliches Abendland“, und, neuerdings, „Identität“, signalisieren kollektive Erregungen, die sich gegen Überfremdung, Nihilismus, westliche Dekadenz oder Liberalismus der Lebensformen wenden, welche ihrerseits in „linken“ Werten wie Individualität, Freiheit, Gerechtigkeit und Toleranz ihren Ausdruck finden. Wie kann man, diesseits dieser politischen Kampfarena („Werte von rechts gegen Werte von links“) den Wertbegriff näher ausloten?

Das Café widmete sich mit beträchtlichem Differenzierungsaufwand dieser Aufgabe – es fielen Begriffe wie „Wertewandel“ und „Wertepluralismus“. Individuelle Werte, kollektive Werte, ökonomische, kulturelle, historische, ethnische, regionale, persönliche, humanistische, religiöse, ja, auch philosophische Werte: gibt es hier eine Art Kern, eine logische Gemeinsamkeit, die, als Begriffs-Substanz, die Verwendung des Wert-Begriffs rechtfertigt? Wovon reden wir, wenn wir von Werten reden? Und: ist dieses Reden, als Klärung, mehr als ein „trübes Gewässer“?

Philosophisch sehen wir, einsetzend etwa Mitte des 19. Jhd. und zurückgreifend auf die bereits in der Antike bekannte „Axiologie“ (von griech. „axia“=Wert, Preis, Würde), die Entstehung einer eigenständigen Wertphilosophie und Wertethik.

Hier fällt sofort auf, dass eine Abgrenzung vorgenommen wird zwischen dem normativen Formalismus der alten Wertphilosophie, wie etwa bei Kant, und einer konkreten, an ästhetisch-phänomenologischen Kategorienfragen interessierten, materialen Wertethik, wo die gesamte Wirklichkeit der Werte in den Blick kommt. Max Scheler („Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik“, 1913) entwirft im Rahmen einer „Ordo Amoris“ („Rangordnung der Liebe“) genannten Systematik die Werte als wesenhafte Strukturen, die als materiale, d.h. in Gefühlsinhalten („Liebe“, oder auch „Begehren“) gegebene Wirklichkeiten, und zwar sowohl positiv als auch negativ, höher oder tiefer rangierend, die jeweilige Lebensgestalt der Person ausmachen. Die Stellung des Menschen im Kosmos, so Scheler, bestimmt sich durch Werte, und durch Werte wird der Mensch zur Person. Dabei ist zu unterscheiden zwischen
(1) Werten „von etwas“, d.h., der Wert wird als Prädikat etwas anderem beigelegt (z.B., „Wert der Bildung“, „Wert meiner Heimat“),
(2) dem Wert als ein „An sich“, d.h., der Wert ist eine bestimmte existenzielles Seinsweise und verweist auf einen bestimmten Lebenssinn (z.B., „Selbstwert“, Menschenwürde, sozialer Wert, Glück), und schließlich ist
(3) der Wert mit einem bestimmten „Haben“ identisch, was bis hin zu einfachen materiellen Dingen gehen kann, die man begehrt.

Die Differenz zwischen Wert „sein“ und Wert „haben“, die man reduzieren könnte auf den Unterschied zwischen geistiger oder materialistischer Grundbewertung des Lebens, verweist auf ein die Café-Diskussion streckenweise beherrschendes Thema, welches, anders als die Betrachtung der Werte als wesenhafte und durchaus ewige Strukturen bei Scheler, den ständigen Wandel der Werte betonte, und auch deutlich machte, dass Werte verhandelbar sind und je nach historischer und räumlicher Lage einen unterschiedlichen individuellen, aber auch sozio-kulturellen Horizont bestimmen. Werte erschienen in dieser Diskussion auch sehr stark im Lichte eines Pragmatismus oder Utilitarismus, bei dem es um praktische Vor- und Nachteile geht und der Nutzen letztlich darüber befindet, was wir für wertvoll halten und was nicht.

Die ambivalente, zwischen „Sein“ und „Haben“ schwankende Bedeutung des Wertbegriffs zeigte sich häufig in diesem Café, und zwar besonders in einer gewissen Unklarheit darüber, auf welcher Ebene man diskutierte. Redeten wir ontologisch, ethisch, psychologisch, analytisch, politisch? Alles dies mischte sich, was aber keineswegs dazu führte, von ideologisch „trüben Gewässern“ fortgerissen zu werden.

In der weiteren Diskussion wendete sich das Nachdenken über die Werte verstärkt Überlegungen zu, in denen eine kritische Theorie der Gesellschaft auf den Plan trat. Sind Werte, von einer solchen – ideologiekritischen – Position her gesehen, nichts anderes als
– wie gesagt wurde – „Ausdunstungen“ von Interessen und Herrschaftsverhältnissen, Maskeraden sozusagen, in denen sich das oben genannte „Begehren“ mehr oder minder unbewusst kundtut? In einer warenförmigen Welt ist der Wert auch eine beliebig verfügbares und austauschbares „Ding“, so klang es im Gespräch an, und als die Großmacht der verdinglichten Mediengesellschaft, Google, angesprochen wurde, kam es zu spontanem Gelächter. Gibt es sie überhaupt, die Werte, an die wir glauben und die wir zu besitzen uns einbilden, die Freiheit etwa, Gerechtigkeit, die Authentizität des „Selbst“ – oder sind das alles in der Tat nur Produkte, die Produkte unserer vom Kapitalismus ausgebeuteten Phantasie? In dieser Selbsttäuschungsmaschinerie dürfen die Werte nun nicht auch noch, was die Lächerlichkeit noch steigern würde, zu Dogmen werden, zu Kultobjekten gar, die uns zum Narren halten.

Vom nur kurz aufscheinenden ironischen Umgang mit den Werten ging es nun in der Schlussphase dieses Cafés weiter mit Assoziationen im Umkreis des Wertbegriffs. Es fiel das Wort „Tugend“, in moderner Übersetzung würden wir hier wohl von ethischer Kompetenz reden; mit einer tugendhaften Person assoziieren wir im allgemeinen moralische Strenge, was auch bedeuten kann, dass man einem einmal als richtig erkannten Wert ohne Wenn und Aber die Treue hält. Eine solche Charaktereigenschaft dürfte in Zeiten des Werte-Relativismus schwer durchzuhalten sein, vor allem auch, weil wir uns in der Moderne und erst recht der Postmoderne abgewöhnt haben, in den Werten metaphysische Wesenheiten zu erblicken.

Alternativ dazu wurde der Gedanke des „Common Sense“ ins Spiel gebracht. Hier wären die Werte Prinzipien, die zu einer Sinngebung führen, welche ihrerseits auf sich wandelnden Prozessen allgemeiner Übereinkunft, also letztlich auf Verträgen, beruhen, in denen sich der Gemeinsinn manifestiert. Der Wert der Würde etwa wäre in dieser Sicht eine Form praktischer Vernunft, auf die sich die Allgemeinheit in einem konkreten Lebensraum, den man „Zivilisation“ nennt, verständigt hat. Ferner: moderne Zivilisation wäre dadurch gekennzeichnet, dass es immer einen friedlichen Streit darüber geben muss, wie der Begriff der Würde mit konkretem Sinn zu füllen ist. Die „Streitkultur“ wurde folglich im Café angemahnt, und zwar ganz besonders vor dem Horizont eines Nihilismus, in dem die Vernichtung aller Werte, und mit dieser der Verlust jeglicher Sinngebung und Zwecksetzung, am Ende gewalttätige Gleichgültigkeit droht.

Der mehrfach im Café genannte Nihilismus war ein Stichwort, das zu Nietzsche führte. In dessen Formel von der „Umwertung aller Werte“ dokumentiert sich, in der Tradition des antiken Kynismus (Diogenes) stehend, ein radikaler Nonkonformismus, der vor allem die christlich-humanistischen Werte der im 19. Jahrhundert sich formierenden industriellen Massendemokratie als von Grund auf falsch angreift, weil diese, die Werte, in einer ständigen Verfallsgeschichte im Namen immer blasser werdender Wahrheiten sich selbst entwerten. Umwertung wäre die Umkehrung dieses „Wahren Lebens im Falschen“ (Adorno) durch die Selbstermächtigung eines neuen „Übermenschen“, um dem drohenden Nichts zu begegnen. (Die Nazis haben diesen Gedanken rassistisch gedeutet und daraus den arischen Mythos gemacht – die Verherrlichung einer heroischen Welt ohne Werte, in der der Krieg alles, der Frieden nichts ist).

Es wäre am Ende dieses Berichts zu bemerken, dass im heutigen Café so gut wie überhaupt nicht über die Abgrenzung des Wertbegriffs gegenüber demjenigen des Wissens diskutiert wurde. Die Frage, ob es Wissenschaft ohne Werturteile geben kann, war in der Wissenschaftsgeschichte gelegentlich ein großes Thema. Max Webers Plädoyer für die Wertfreiheit fiel, um 1900, in eine Zeit, in der man begann, scharf zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zu unterscheiden. Die Werte, als Sphäre der Gefühle und Gesinnungen, gehörten zur Domäne der Geistes- oder Kulturwissenschaft, während die Naturwissenschaft die Domäne der exakten Beobachtung und Formulierung von Naturgesetzen war. Nicht erst seit dem Wissen um den „hermeneutischen Zirkel“ hat sich diese scharfe Unterscheidung aufgelöst.

Ferner: eine Erörterung der Begrenzung zwischen dem Begriff des Wertes und demjenigen des Rechts wäre interessant gewesen. Gibt es ein objektives, wertfreies Recht? Oder: sind die Grundrechte, als nicht verhandel- oder veräußerbare Größen, zugleich als Werte anzusprechen? Ich denke, dass dies in einem kommenden Café ein Thema sein könnte.

Düsseldorf, 6. September 2016

-Dr. Bernard Tucker-