„Bescheidenheit – warum soll ich weniger wollen, wenn ich mehr haben kann?“

Moderator: Dr. Wolfgang Buschlinger

Gefragt war, ob es ein triftiges Argument dafür gibt, bescheiden zu sein. Die Antwort lautet: vielleicht. Dazu später.

Bemerkenswert war zunächst das Fahrwasser, in dem sich die meisten Wortmeldungen bewegten: Bescheidenheit wurde wie selbstverständlich als Gegenteil von Gier oder Konsum oder betrachtet. Dabei galt Gier wahlweise als pathologisch oder kapitalistisch, Konsum wahlweise als kapitalistisch oder verblendet. In der Umkehrung hieß das: Bescheidenheit ist gesund, sozial, sinn- und autonomiestiftend.

Aus diesem Fahrwasser herauszukommen, war so gut wie unmöglich. Dabei zielte die Frage des Nachmittags ja gerade darauf ab, Argumente für oder gegen Bescheidenheit zu finden, statt nur die handelsüblichen Einstellungen zu beschreiben. Jedoch, das Fahrwasser war hartnäckig. Strukturell lässt es sich so beschreiben: Jede Art von Unbescheidenheit ist Fremdbestimmtheit (durch Krankheit, durch ideologische Indoktrination oder durch Blindheit gegenüber den Gaben eines „authentischen“, „weisen“, „geistig autonomen“, „glücklichen“, kurz: bescheidenen Lebens).

Dass Konsum auch einfach nur Spaß machen kann und dass damit alles gesagt sein könnte, kam in der Diskussion so gut wie nicht vor. Konsum war schlecht, genau wie Gier. Ende der Durchsage. – Wie schwierig es ist, gegen Ressentiments auf dem Feld der Unbescheidenheit zu kämpfen, war folglich die größte Einsicht des Nachmittags.

Argumente zugunsten der Bescheidenheit (und nicht Abwertungen der Unbescheidenheit) kamen in diesem Fahrwasser gar nicht auf bzw. zu kurz. Immerhin wurde aber auch eine einzige, möglicherweise stichhaltige Begründung wenigstens berührt, nämlich die ethische. Sie lautet: Ich sollte wenigstens dann weniger wollen, wo ich doch mehr haben kann, wenn ich damit andere Menschen schädige oder benachteilige. Eigene Gier auf Kosten anderer auszuleben, erschien als moralisch fragwürdig. Allerdings, so wurde auch klar, setzt diese Begründung voraus, dass man für das Einnehmen der ethischen Position empfänglich ist. Wer aber diese Empfänglichkeit nicht schon von sich aus besitzt, den würde dieses ethische Argument zugunsten der Bescheidenheit vermutlich nicht überzeugen. Einem solchen Menschen müsste man vielmehr zeigen, dass es gute nicht-moralische Gründe gibt, moralisch zu handeln. Ob es solche Gründe gibt (z.B. eigennützige), ist freilich ein anderes Thema und konnte kein Gegenstand des Nachmittags mehr sein.

25.09.2016
Wolfgang Buschlinger