„Warum gibt es Verschwörungstheorien?“

Moderation: Isabell Donner

Den fünfzehnten Jahrestag des Einsturzes des World Trade Centers in New York, einem nun schon historischen Ereignis von großer Reichweite, nahmen die Teilnehmer des Cafés Philosophique zum Anlass, sich der obigen Frage zu widmen. Sicherlich haben die sogenannten Verschwörungstheorien ihren erheblichen Beitrag dazu geleistet, dass Vorkommnisse wie besagter Tag im September des Jahres 2001 oder auch die Ermordung John F. Kennedys, der Tod Lady Dianas oder die erste Reise zum Mond (um nur einige der berühmtesten Beispiele zu nennen) nicht nur ihre prinzipielle geschichtliche Einschlägigkeit, sondern eine zusätzliche Brisanz mit sich tragen. Indem „Verschwörungstheorien“ nämlich eine Alternativerklärung zur offiziellen Darstellung liefern, eröffnen sie zwangsläufig die Fragen: Wird immer wieder im Laufe der Historie die Weltöffentlichkeit hinter das Licht geführt? Kommen die Darstellungen, welche wir für wahr halten, Betrügen globalen Ausmaßes gleich?

Eine erste Auseinandersetzung auf intuitiver Ebene machte sogleich die negative Konnotation des Begriffs „Verschwörungstheorie“, die wohl weitverbreitet ist, offenkundig. Vielerlei derartiger Alternativerklärungen versetzen ihre Anhänger in eine Art Zustand gesellschaftlich-partizipativer Abgeschirmtheit, so das erste in der heutigen philosophischen Runde formulierte Bedenken: Da sich die von der Theorie beeinflussten Personen nämlich in dem Glauben befinden, einer Wahrheit auf der Spur zu sein, welche vielen Menschen unzugänglich ist, da von den Mainstreammedien vorenthalten, könnten sie schnell zu dem Schluss kommen, die Partizipation am gesellschaftlichen Leben sei prinzipiell sinnlos, da sie auf einer Täuschung basiert. Verführen demnach Verschwörungstheorien, so die Eingangsfrage, zum Rückzug aus der Demokratie? – Doch was ist, wenn sie doch einen wahren Kern beinhalten? Dann scheint es unsere bürgerliche Pflicht zu sein, sich ernsthaft mit ihnen zu befassen.

Die Kontroversität der Thematik und die Verschwommenheit beim Versuch des Beurteilens stieß die Diskutanten auf die Notwendigkeit, zunächst einmal eine Klärung der Begriffe „Verschwörung“ und „Verschwörungstheorie“ vorzunehmen, um dann zu klären, wie sie auszuwerten sind. Als Arbeitsbegriff wurde fixiert, dass ein bewusstes Vorenthalten bis hin zu gezieltem Verfälschen von Informationen gegenüber der Öffentlichkeit ein wesentliches Merkmal einer Verschwörung darstellt. Das Vorgehen besitzt dabei eine zielgerichtete Systematik, welche sich die Unwissenheit der Menschen zunutze macht, um gegebenenfalls ein verdecktes Vorhaben zu verfolgen, das ebenfalls nicht an die Öffentlichkeit dringen soll. Eine Verschwörungstheorie bedeutet dementsprechend, einen derartigen Hintergrund in Bezug auf ein bestimmtes Ereignis von gesellschaftlich-politischer Bedeutung anzunehmen. Aspekte wie Geheimlogen oder -bunde der besonderen Art, die mitunter magischen Praktiken nachgehen, sind Bestandteil diverser, wohl aber eher eigentümlicher Theorien und müssen kein notwendiges Konstitutiv einer Verschwörungstheorie sein. Etwa der Verdacht, die erste Reise zum Mond sei durch die US-Amerikaner inszeniert worden, um sich ein Image des technologischen Vorsprungs gegenüber der Sowjetunion zu verschaffen, genügt erstgenannter Definition, arbeitet jedoch ohne das Agieren von Schattengesellschaften oder sonstigen spekulativ erscheinenden sozialen Entitäten, deren Existenz sich nur schwerlich der Überprüfung unterziehen lässt.

Führt man sich nun aber obige Definition sozusagen als kleinsten gemeinsamen Nenner aller Verschwörungstheorien vor Augen, so muss man die eingangs gebildete negative Perspektive weiter ausdifferenzieren. Auch etwa beim Putsch gegen Salvador Allende oder beim Sturz Mohammad Mossadeghs haben in der Vergangenheit Menschen angenommen, dass der Öffentlichkeit ein anderes Bild vom eigentlichen Geschehnis präsentiert und diese gezielt getäuscht wurde zwecks der Durchsetzung politischer Interessen – und haben auch nach späteren Aussage der Initiator-Nation Recht behalten. Bezeichnet man jedoch die Analyse derartiger Situationen wie im Falle Allendes oder Mossadeghs, von denen sich noch zahlreiche weitere Beispiele finden lassen, als Verschwörungstheorie, so hat dies aufgrund der gängigen Begriffsverwendung einen bitteren Beigeschmack. Wenngleich sich die Verschwörungstheorie im obigen Sinne weniger negativ definieren lässt, so mag man das kritische Aufdecken tatsächlicher Verschwörungen bzw. Täuschungen der Öffentlichkeit ungern so nennen. Der Name „Verschwörungstheorie“ scheint den Vertreter derselben in gewisser Weise sozial zu brandmarken, daher es den Teilnehmern des Cafés um einer deutlichen Differenzierung zwischen einer zumindest in Teilen unwahren abstrusen Verschwörungstheorie und einem kritischen Aufdecken von de facto Verschwörungen sehr gelegen war.

Ein wichtiger Appell an unsere Vernunft ergab sich aus eben dieser symbolischen Gewalt, welche Sprache mit sich bringt. Gerade die Existenz der absurden Verschwörungstheorien und deren geringe Anerkennung als ernst zu nehmende Deutungsmodelle verleihen dem Ausdruck eine Prägung: Wenn eine Theorie als „Verschwörungstheorie“ bezeichnet wird, so wird damit sehr häufig ihre prinzipielle Seriosität in Frage gestellt. Bisweilen zurecht, aber manchmal vielleicht auch aus anderweitig strategischen Gründen. So sei je nach Kontext und Situation unser Reflexionsvermögen und unser Bewusstsein darüber, inwiefern mit Sprache Weltverständnisse geschaffen werden, auf der Hut: Es könnte der Begriff „Verschwörungstheorie“ gebraucht werden, um davon abzulenken, dass es sich eigentlich um das tatsächlich Aufdecken eines realen Sachverhalts handelt.

Welchen generellen sozialen Stellenwert das kritische Aufdecken politischer relevanter, tatsächlicher Täuschungen der Öffentlichkeit hat, stand für die anwesenden Freunde der Philosophie außer Frage: Sie bedeuten eine Notwendigkeit für die demokratisch-partizipatorische Aufgeklärtheit, auch und gerade in einer Zeit, in welcher den sogenannten Mainstream-Medien eine zentralistische Deutungshoheit zukommt, es zugleich aber gute Gründe dafür gibt, eine Gleichgerichtetheit diverser Informationsorgane zu vermuten. Die kritische Grundhaltung ist das Wesen der Philosophie und gerade die Suche nach möglichst vielseitigen Informationsquellen, welche die offiziell kursierenden Wahrheiten kontrovers beleuchten, dringend geboten.

Doch warum haben eben solche Verschwörungstheorien einen nicht geringen Reiz, welche nicht lediglich faktenorientiert eine Täuschung aufdecken, sondern den Leser mit schwer überprüfbaren, aber systematisch zusammengestellten Informationen versorgen und ihn in ein nahezu neues Weltbild eintauchen lassen, in welchem sich hinter jeder Meldung die Intrige eines mächtigen Marionettenspielers verbergen könnte? Neben der grundsätzlichen vorrangig gefühlszentrierten Anziehungskraft, welche ein skandalöses Erklärungsmodell mit sich führt, ergab die Diskussion eine Feststellung über den menschlichen Geist von epistemologischem Charakter: Die Welt erscheint dem Menschen erträglicher, wenn sie ihm lückenlos in einem systematischen Zusammenhang expliziert wird. Daher wird das auch Bild, das uns die Einstimmigkeit der Medienlandschaft präsentiert, ungern hinterfragt. Doch anstatt sich beim Aufkommen von Zweifeln an eben diesem Informationsgeflecht vorerst mit einer politisch-weltanschaulichen Diskrepanz abzufinden und weiter zu forschen, können menschliche Geister bequemer Weise dazu tendieren, sich lieber in das nächste Erklärungssystem zu begeben – was noch dazu einigen populistischen Intuitionen Genüge tut, wie der klassischen Vorstellung, das Wesen des politischen Tagesgeschäftes erschöpfte sich in willkürlichen Verbrechen.

Die Subsumtion alles Erlebten und Erfahrenen unter ein System, was im Falle diverser Verschwörungstheorien als offenkundig absurd erscheinen mag, ist jedoch nicht schlichtweg das Resultat intellektueller Beschränktheit, sondern ein generelles Wesensmerkmal unseres Geistes und daher klassischer Gegenstand der Philosophie. Nicht umsonst hat die theoretische Philosophie Kants derartigen ideengeschichtlichen Einfluss, in dessen Zentrum unter anderem die Konstitution unseres Weltverstehenshorizontes auf Basis von Verstand und Anschauung steht. Das Streben nach dem Denken in einem kohärenten System und deren epistemologische Konsequenz lassen sich auf tiefgründigem Wege in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule finden, die u. a. Kant weiterdenkt und in einer Art historisch-kritischen Kulturanalyse entschlüsselt, auf welchem Wege sich der Mensch von alten Denksystemen distanziert, sich durch rationales Portionieren der Welt jedoch wieder in neue Systeme verstrickt, die kraft seines Verstandes dem kritischen Denken im Wege stehen.

Zum Abschluss der Diskussion wurde reflektiert, wie mit der eventuellen Gefahr umgegangen werden soll, dass sich Menschen zunehmend vom allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs zu distanzieren beginnen, da sie ausgehend von Verschwörungstheorien den Glauben in die Vertrauenswürdigkeit der öffentlichen Debatten verlieren. Aus dieser Frage erwuchs eine interessante Antwort auf die Eingangsfrage nach der Bedeutung von Verschwörungstheorien: Ein Stück weit lassen sie sich nämlich als Spiegel des politischen und medialen Agierens einer Gesellschaft verstehen. Tendieren Bürger einer Gesellschaft dazu, Anhänger fantastischer Alternativerklärung zu werden anstatt sich von der generellen politischen Debatte inspirieren zu lassen, so hängt dies natürlich mit vielerlei Gründen und auch dem prinzipiellen Weltverstehenshorizont jener zusammen. Doch lässt sich fragen, ob dies nicht auch auf eine Lücke und auf einen unbefriedigten Durst der Bürger verweist, bestimmte Zweifel und Fragen aufkommen lassen zu können und beantwortet zu bekommen. Beim Thema Verschwörungstheorien sollte sich eine Gesellschaft auch die Frage stellen, ob sie ihre Gesprächsplattform nicht noch stärker für emotionale und eventuell bisweilen verrückte Fragen öffnen sollte, um diese rational beantworten zu können, ehe sich die Fragensteller in den Halbwahrheiten irrationaler Internetseiten verlieren.

11.09.2016
Isabell Donner