„Was macht Angst mit uns und der Gesellschaft?“

Moderator: Dr. Bernard Tucker

Es war nicht das erste Mal, daß das Café Philosophique sich mit dem Thema „Angst“ beschäftigte: ein Zeichen für ein erhöhtes Reflexionsbedürfnis in Zeiten der Unsicherheit. Welche Art von Reflexion war hier und heute gemeint? Grob gesehen, zerfiel die Diskussion in zwei Hälften. Einerseits wurde eine Phänomenologie der Angst versucht, und im Zusammenhang damit auch, den Begriff zu klären, ihn durchsichtig zu machen; andererseits – und dies entsprach mehr der Intention des Themengebers – fragten wir danach, wo die Angst herkommt, was die Angst „mit uns macht“, was die Angst in sozialer, ökonomischer und politischer Hinsicht bedeutet, und schließlich, wie mit der Angst umzugehen ist, wie man sie bewältigen und überwinden kann.

Bei der Frage nach der Phänomenologie, also, den Erscheinungsformen der Angst trat gleich die von Kierkegaard eingeführte Unterscheidung zwischen Angst und Furcht auf den Plan, eine recht grundlegende und weitreichende Unterscheidung, die sich auch in anderen Sprachen verdeutlicht – etwa in fear/anxiety im Englischen und peur/angoisse im Französischen. Bei der Furcht haben wir es mit einem konkreten Objektbezug zu tun, die negative Erwartung, die dem Befürchten innewohnt, ist durchaus berechenbar und rational begründet. Auch, so wurde deutlich, hat die Furcht – als Ehrfurcht – einen Bezug zu Respekt und religiöser Sinngebung, etwa im „Fürchtet euch nicht“, worin sich eine gewisse Doppeldeutigkeit des Fürchtens, eine in der Glaubensorientierung liegende Mischung des schreckhaften Gefühls von Gefahr und Vertrauen, zeigt. Das Irrationale, das hier hineinspielt, zeigt dann auch die Grenze auf, an der die Furcht übergeht in die Angst. Denn die Furcht ist immer begründet, man fürchtet sich vor „etwas“, vor konkreten Bedrohungs- und Gefahrenlagen, denen man durch seinerseits begründetes Handeln begegnen kann.

Nicht so verhält es sich bei der Angst. Die Etymologie des Wortes verweist auf eine Enge, die gleichzeitig alles umfassend und in der Wahrnehmung grundlos, oft genug abgründig ist. Der definierbare Objektbezug schwindet, er löst sich auf in fließende Befindlichkeiten, die, wie so oft bei den Angstattacken von Depressionspatienten oder bei Angstneurotikern, zwar an den Dingen haftet, aber nicht so, daß man diese Dinge rational benennen könnte – wie bei phobischen Gegenständen. So tritt, wie in der Diskussion angesprochen, ein beengendes Unheimliches in der Angst auf den Plan. Dieses hängt – und hier wurde Heidegger angesprochen – mit der Grenzerfahrung des Todes zusammen. Anders als das Tier, dessen Angst instinktgebunden ist und dem Selbsterhaltungstrieb entspringt, weiß der Mensch um seine Endlichkeit, die den existenziellen Horizont seines Daseins bildet und daher seine Angsterfahrungen weit über die Instinktgebundenheit hinaustreibt ins Übermäßige und Überkompensatorische. Die menschliche Unfähigkeit, sich in einem einmal gegebenen Territorium zu beruhigen, ist stets gekoppelt an die Angst vor dem Verlust dieses Territoriums, vor der Fremdheit, die, so das Phantasma, die Auslöschung des „Eigenen“ bedeutet. Fremdenangst, rassistisch gesteigert und verbunden mit Panik und Aggressivität, entspringt, wie in dieser Phase der Diskussion verdeutlicht, dem Todestrieb und läßt durch diesen das Übermaß an Angst in den Krieg – den kollektiven Ausdruck von aggressiver Angstverarbeitung – umschlagen.

An dieser Stelle des Cafés wurde klar, daß kollektive Angst eine andere Qualität besitzt als individuelle Angst. Denn die gefühlte drohende Vernichtung, die aus der Angst spricht und die ihrerseits umspringt in den Willen zur Vernichtung eines Gegners, von dem man sich bedroht fühlt, meint, als soziales und politisches Angstphänomen, die Ausschaltung der Kollektivvernunft zugunsten kollektiver Wahnideen – ein Phänomen, das die individuelle Angst nicht unbedingt in ähnlicher Weise beinhaltet, weil hier immerhin noch die Angst beherrschbar ist durch reflektierende Erkenntnis. Das natürlich nur, wenn das Maß an Angst, der psychische Angstvorrat sozusagen, begrenzt ist und nicht alles andere überflutet: dann wäre auch hier, wo thesenartig gesagt wurde: „Gegen Angst hilft Erkenntnis“, der Umschlag ins Pathologische nicht zu vermeiden. An dieser Stelle begann eine Diskussion, die, vor dem Hintergrund der Angstkompensation durch soziale Sicherungssysteme, die Frage der ökonomischen Ausbeutung der psychischen Ressource „Angst“ erörterte. Wenn, wie gerade gesagt, der Todestrieb die eine Seite der Angstmedaille ist, so wäre das steigende Sicherheitsbedürfnis moderner Gesellschaften die andere.

Hier kommen wir in die zweite Hälfte der Café-Erörterungen, weg von der Phänomenologie also, den mehr analytischen Fragen, und hin zu den praktischen Fragen des Umgangs mit der Angst. (Klar, in der realen Café-Diskussion waren alle Fragen, analytische wie praktische, miteinander verwoben, ich rede hier in diesem Bericht nur aus Gründen der Verständlichkeit von zwei Hälften).

Daß die Medien von der Angst prächtig leben und die Ausbeutung der Angst ganze Regimenter von Journalisten – vom Medizinjournalisten bis hin zum Terrorismusexperten – ernährt, sollte eigentlich auch mal betont werden, wurde aber im Café nicht angesprochen. Die Statistik zeigt, daß durch Verkehrsunfälle erheblich mehr Menschen ums Leben kommen als durch Terroranschläge. Aber die allgemeine Hysterisierung lebt vom Spektakulären und Außerordentlichen, in dem das allgemeine Lebensrisiko gesteigert erscheint zu apokalyptischer Bedrohung, die dann auch noch einen eigenen Unterhaltungswert entwickelt. Die Besprechung dieses Kontexts würde ein eigenes Café-Thema über Medienkritik erfordern. Das heutige Café ging erst einmal einen Schritt zurück und diskutierte darüber, wie die Versicherungen von der Angst leben – hinzufügen würde ich an dieser Stelle auch die Gesundheitsindustrie. Ins Politische und Politik-Psychologische gewendet, kann man neuerdings sehen, wie der Populismus mit der Xenophobie arbeitet, um aus der Angst politisches Kapital zu schlagen (Brexit; FPÖ usw.). Hier zeigt sich prägnant ein ganzer Komplex von irrationalen Verengungen, die auch in der Café-Diskussion recht ausführlich zur Sprache kamen.

Die Angst, so hieß es, verträgt sich nicht mit der Lust, sie treibt die Lust zugunsten diffuser Unglückserwartungen aus dem Leben heraus. Man kann vor Angst wie gelähmt sein, erstarren. Und da die Angst eine unangenehme, unmittelbare Nähe darstellt, fühlt man in ihr, wie das „Eigene“, eine wie auch geartete „Eigentlichkeit“, verschwindet: die Verwandlung von alltäglichen Fremdheitserfahrungen, Erfahrungen des „Anderen“, ins Heimische mißlingt, das Unheimliche erzeugt ein geradezu bodenloses Unbehagen. Es wurde gefragt: wieso erträgt man das Fremde, Andere so schlecht, wieso ist es so schwierig, die Differenz auszuhalten? (Im Café nicht geäußert: Die Hölle, das sind immer die Anderen, sagt Sartre – muß das immer so sein?) Übereinstimmung herrschte in der Diskussion, daß Angst in jedem Fall schlecht ist fürs Denken, und daß sie, weil sie ja eine Art von ungewollter psychischer Gewalt darstellt, nicht minder schlecht ist für die Freiheit. Eine politische Ordnung, die auf Angst basiert, eine Diktatur etwa, verträgt sich nicht mit dem freien Bürger, der daran gewöhnt ist, sich ohne Zensur öffentlich zu artikulieren. Die ideologische Instrumentalisierung der Angst vor dem Hintergrund von Freund-Feind-Konstellationen dürfte nur diejenige oder denjenigen in Angst versetzen, die oder der schwach genug ist, sich der Herrschaft solcher Konstellationen zu unterwerfen.

Jedoch – woher kommt diese Schwäche? Die Frage zielt auf das Problem der Angstbewältigung in Gesellschaften, die nicht mehr, unter dem sicheren Dach der Metaphysik, an „die beste aller möglichen Welten“ (Leibniz) glauben. Ohne Angst zu leben, war eines der Versprechen der Aufklärung am Ende des metaphysischen Zeitalters. Seitdem – „Dialektik der Aufklärung“ – entwickelt die industriell verfaßte Massendemokratie Risiken, die sich mit der zunehmenden sozio-ökonomischen Komplexität im Weltmaßstab auf eine zunehmend unkontrollierbare Weise vervielfältigen. Es fiel der Begriff „Risikogesellschaft“ (U. Beck), der einiges Kopfschütteln bei denjenigen Café-Teilnehmern hervorrief, die eben nicht der Meinung waren, daß wir in einer Gesellschaft des vollständigen Vertrauensverlusts leben. Dies waren Stimmen, die die Religion als Halt ins Feld führten und auch deutlich machten, die Religion sei das probateste Mittel gegen die Angst. In säkularisierten Gesellschaften beinhaltet das Wissen um den Tod eine radikale Endlichkeitserfahrung, die Angst macht; dagegen stellt sich die religiöse Glaubenserfahrung des Christentums, in der der Tod keine Angst, sondern Hoffnung macht, weil er den Übergang in etwas ganz Anderes als das chaotische Diesseits markiert. Was kann an dieser Stelle die per se skeptische philosophische Investigation sagen? Ist die Religion die einzige Methode der Überwindung von Angst? Oder sollten wir uns doch, bevor wir uns, gleichsam eskapistisch, der Religion zuwenden, mehr um die Arbeit an Vorurteilen, geistigen Verirrungen und Korruptionsformen, Manipulationen und vermeintlich undurchschaubaren Machtverhältnissen kümmern? Als am Schluß des Cafés Montaigne zitiert wurde: „Philosophieren heißt Sterben lernen“, konnte man sehen, wie religiöse und philosophische Praxis verbunden sein können.

Die Tour d`horizon durch das facettenreiche Thema der Angst endete so, wie sie begonnen hatte, fragenreich, aber keineswegs ratlos. A propos Rat: der Schlußsatz des Cafés, bereits nach dem Abpfiff gesprochen, lautete: „La peur est une mauvaise conseilleuse“ – Angst ist eine schlechte Ratgeberin.

Düsseldorf, 21. August 2016

-Dr. Bernard Tucker-