„Was hat uns die Philosophie heute noch gesellschaftlich zu sagen?“

In einer Zeit, in welcher sich Meldungen und Berichte u?ber brisante politische und wirtschaftliche Ereignisse und Neuentwicklungen fo?rmlich u?berschlagen und man das Pha?nomen Gesellschaft zwar als eine dem Individuum mit Distanz gegenu?berstehende Entita?t wahrnimmt, selbiges aber durch die sta?ndige Pra?senz insbesondere digitaler Informationsmediatoren im lebensweltlichen Fokus steht, brannte den Freunden des philosophischen Denkens im Cafe? Philosophique heute die Frage nach der gegenwa?rtigen gesellschaftlichen Bedeutung der Philosophie unter den Na?geln.

Generelle Denkrichtungen, an denen sich die heutige Diskussion orientierte, bezogen sich zum einen auf die Grundfrage, was man unter Philosophie vor dem Hintergrund der obigen praktisch-gesellschaftlichen Fragestellung zu verstehen hat und zum anderen, welche Rolle darin unser perso?nliches Denken spielt, wodurch es eingeschra?nkt wird und wie es sich weiterzuentwickeln vermag.

Eine erste Gedankenstrukturierung gab die Orientierung an der klassischen Einteilung in theoretische und praktische Philosophie: In der Voru?berlegung la?sst sich fixieren, dass Philosophie erstens der Ta?tigkeit der Erkenntnisgewinnung nachgeht, indem sie beispielsweise das Verha?ltnis von Individuum und Sozialem reflektiert; ein Themenfeld, das direkt den Blick fu?r zahlreiche weitere theoretische Disziplinen ero?ffnet, etwa die erkenntnistheoretisch untersuchte Entwicklung unserer sozialhistorischen Wahrnehmungsmuster oder auch die wissenschaftstheoretische Abwa?gung der Zusammenha?nge politischer und wirtschaftlicher Themenfelder sowie deren Pra?missen. Weiterhin gilt es die praktische Seite der Philosophie hervorzuheben, welche beispielsweise mittels politischer Philosophie, Existenza?sthetik oder ethischer Betrachtung den Menschen als sozial Lebenden auf die Metaebene zu bringen weiß und damit gar Lebensorientierung, zumindest ein Abstecken eines Wertehorizonts leisten kann.

Richtet man den Blick nun konkreter auf die daraus resultierenden sozial-kulturellen Konsequenzen, so erscheint die Philosophie als Quelle einer Vielzahl lebenspraktischer Fertigkeiten wie sprachlicher Sensibilisierung, Intensivierung der Kommunikation oder der Fa?higkeit, ein allgemeines Versta?ndnis von Gerechtigkeit zu erlangen. Insgesamt wurde damit beim ersten Blick auf obige Fragestellung konstatiert, dass ein gesellschaftlicher Zugewinn von Philosophie darin besteht, die Lebensprobleme des Menschen konkret zu machen und somit strukturbildend zu wirken.

Die Diskutanten setzten jedoch zuna?chst kritisch an, indem sie fragten, worin ein wesentliches Hemmnis unserer selbst liegt, erscheinen die obigen Leistungen der Philosophie zwar fortschrittlich, aber noch nicht zu ihrer vollen gesellschaftlichen Entfaltung gekommen zu sein – wohl auch eines der Kernmotive fu?r das Stellen der heutigen Frage. Ein generelles Grundproblem scheint darin zu liegen, so eine zentrale These, dass der Mensch nicht stringent nach dem Kantischen „Sapere aude!“ lebt, sondern Obrigkeiten sowie auch unausgesprochenen Normen gehorcht. Das Pla?doyer, die Rolle der Philosophie noch sta?rker in den gesellschaftlichen Fokus zu ru?cken und zugleich die Feststellung, dass es bereits viele Ankerpunkte dafu?r gibt – die Philosophie an Universita?ten und in der Literatur, die o?ffentliche Debatte im gesellschaftlichen Interesse ebenso wie die Pra?senz der Philosophie als Schulfach – ließ die Diskussion zur noch prinzipielleren Frage fu?hren, warum sich Menschen eigentlich mit Philosophie befassen. Ausgehend von der Kla?rung dieses Motivs, so der Hintergrund, sollten Mo?glichkeiten erkenntlich werden, die Philosophie in ihrer gesellschaftlichen Rolle weiter zu sta?rken.

Umfassend betrachtet geht es beim Philosophieren nicht allein darum, eine Diskussionskultur zu etablieren und sich der Welt gegenu?ber denkend zu verhalten, rein um der Sache selbst willen. Ein tieferes dahintersteckendes Bedu?rfnis des Menschen stellt sein „metaphysischer Hunger“ da, der Wille, sich der Bedeutung des Seienden zu na?hern und mitunter die Lu?cke zu schließen, welche etwa die Distanznahme vom Religio?sen hinterlassen hat. Hinsichtlich dieser philosophischen Disposition im Menschen la?sst sich die gesellschaftliche Bedeutung der Philosophie in einer Art Gegengift gegen Verblendung, Manipulation und Bequemlichkeit im Denken sehen und weiter als eine Stimme der a?sthetischen Erziehung, des Wunsches nach Wahrhaftigkeit und der Humanita?t, welche ausdru?cklich und grundlegend fragt, was wir als Menschen wirklich mo?chten und wie wir leben wollen. Als sozial relevante Erscheinung entpuppt sich Philosophie somit als Geburtshelferin fu?r die Bewusstwerdung und Bewusstseinsvera?nderung des Menschen, durch welche er sich denkend in ein dynamisch-gestalterisches Verha?ltnis zur Gesellschaft setzt und zum aktiven und tiefgehenden Gestalter wird.

Anknu?pfend an die daraus abgeleitete Forderung der Diskutanten, eine Art philosophisches Studium Generale zu etablieren, sahen sie das letztliche gesellschaftliche Ideal der Philosophie darin, den philosophischen Erkenntnisgewinn zu kanalisieren und als Fundament aufrichtiger Demokratie fu?r eine soziale Willensbildung zu manifestieren.

26.06.2016 Isabell Donner