„Hat das Menschliche in unserer Gesellschaft noch eine Chance?“

Das heutige Cafe? trug – ungewollt – Zu?ge von Realsatire: denn die Art und Weise, wie auf die Behandlung des Themas „Das Menschliche – hat es noch eine Chance in der heutigen Gesellschaft?“ insistiert wurde, zeigte, um die fru?here Aussage eines ha?ufigen Cafe?-Gastes zu zitieren, den Versuch der Abschaffung der Philosophie mit den Mitteln des Cafe? philosophique. Ich vermute, daß Philosophie etwas mit Denken zu tun hat, und erst dann mit Reden. Es empfiehlt sich daher, erst zu denken, und dann zu reden, und ich sehe es als die wesentliche Aufgabe des Moderators eines – notabene – philosophischen – Cafe?s an, durch gezielte Interventionen auf diesen Grundsatz zu bestehen. Nun ist philosophisches Denken nicht unbedingt akademisches, und auch nicht systematisches Denken; es ist auch nicht unbedingt wahres Denken, denn Irren ist, nehmen wir einmal Bezug auf das Thema, menschlich. Aber das philosophische Minimum, na?mlich das Kla?ren von Begriffen vor dem offenen Horizont je unterschiedlicher Meinungen und Einstellungen, sollte den Vorrang haben vor einem unreflektierten Reden, einem Reden, bei dem man den Eindruck hat, es gehe um das Reden selbst, einem Reden, das sich selbst ohne Ru?cksicht auf die Erkenntnis dessen, wovon eigentlich die Rede ist, zur Schau stellen will. Ja, Philosophie ist in erster Linie fragendes, erkennendes, dem Unbekannten sich o?ffnendes, analysierendes und kritisches Denken: dazu geho?rt auch die Selbstkritik innerhalb einer – mit Habermas gesprochen – herrschaftsfreien Kommunikation, die man – wo denn sonst? – von einer philosophischen Gespra?chsrunde erwarten darf. Herrschaftsfreie Kommunikation? Das bedeutet doch wohl auch, daß man sich mit der Zurschaustellung seines Rededrangs zuru?cknimmt, um der sokratischen Situation, die Philosophie doch wohl gerade in ihrer praktischen Gestalt eines Cafe?s intendiert, Raum zu geben. Heute jedoch war es kaum mo?glich, diesen philosophischen Denkraum, unter Anleitung des Moderators, zu o?ffnen. Im Gegenteil: es entwickelten sich, wohl von narzißtischen Antrieben befeuert, u?berflu?ssige rhetorische Machtspiele, in deren Sog – mea culpa! – auch der Moderator sich hineinziehen ließ.

Soviel zur Metaebene des heutigen Cafe?s. Was nun die Behandlung des Themas angeht, so war von Anfang bis Ende der Diskussion nicht zu kla?ren, wovon die Rede ist, wenn das „Menschliche“ im Munde gefu?hrt wird, und worin dessen Chancen in einer – wie unterstellt wurde – u?berwiegend funktionalistischen Gesellschaft bestehen. Auf welcher Ebene wird diskutiert? Welche Intention verfolgt man? Und vor allem: was ist mit der Themenstellung gemeint? Aufkla?rung, und zwar begriffslogisch, bevor man ins Ethische, normativ Ethische vielleicht, und schließlich Perso?nliche, in das, was einem „am Herzen liegt“, geht? Die beharrliche Weigerung, sich mit der no?tigen sachlichen Distanz diesen Fragen zu widmen, blieb verbunden mit phrasenhaft vorgetragenen Wunschprojektionen, Vorurteilen und unbewiesenen Unterstellungen auf der Ebene unreflektierter psychologischer Annahmen, die allesamt in eine geistige Enge fu?hrten, aus der es kein Entrinnen gab. So wurde, unter dem Eindruck von Zwangsreden und Psycho-Kitsch, in diesem Cafe? aus dem Denken eine Last, keine Lust. Schade; denn es ha?tte auch anders gehen ko?nnen, wenn es gelungen wa?re,

aus dem Bermuda-Dreieck herauszukommen, das von dem notorisch in Stereotypen sich ergehenden Themengeber, sekundiert von zwei gleichgesinnten Mitakteuren, gebildet wurde, aus einem kommunikativen Bermuda-Dreieck, in dem alles das verschwand, was philosophisch zu diskutieren sich gelohnt ha?tte und auch von anderen Cafe?-Teilnehmern angesprochen wurde, aber eben nicht weiter verfolgt werden konnte – allen Bemu?hungen der Moderation zum Trotz.

Was ha?tte philosophisch zu diskutieren sich gelohnt? Um diesen Bericht doch noch ins Positive zu wenden, sei darauf hingewiesen, daß es diesbezu?gliche Ansa?tze gab im heutigen Cafe?, es gab auch, Dank dafu?r, diese „gute und pra?zise Intelligenz“, von der Ernst Ju?nger spricht, zum Beispiel bei der Entwicklung der Dialektik des Menschlichen im historischen Raum von Selbsterma?chtigung und Selbstvernichtung, von Menschlichem und Unmenschlichem. Es wurde – angesichts fortschreitender Natur- und Umweltverwu?stung und apokalyptischer Stimmungslagen – der unselige Protagoras-Satz: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ kritisch betrachtet, nicht ohne den Hinweis darauf, daß die Diagnose vom Menschen als dem Ungeheuerlichsten aller Tiere immer auch verbunden ist mit der Pflicht, dem Guten nachzustreben. Um eine philosophische Anthropologie anzustoßen, mit der Grundfrage: „Was ist der Mensch“, kam Arnold Gehlen zur Sprache, und hier das Spa?twerk „Moral und Hypermoral“, in dem, und zwar aus einer konservativen Position heraus, fu?r eine pluralistischen Ethik geworben wird – gegen den Hypermoralismus einer falsch

verstandenen Menschheits-Ideologie, die geeignet ist, alles – und das sind fu?r Gehlen die Institutionen im weitesten, auch geistigen, Sinne – zu zersto?ren, weil sie die Differenzen zwischen Menschen nicht respektiert. Daß im Hypermoralismus einer global werdenden „political-correctness“-Gesellschaft das Menschliche, was auch immer dies sei, unter die Ra?der zu kommen droht, ha?ngt mit der Hybris eines Fortschritts- und Optimierungswahns zusammen, der in der Tat – und hier komme ich auf die gesellschaftliche Funktionalismus-Anklage des Themengebers zu sprechen – alles Individuelle dem unaufho?rlich an seiner Herrschaftsausweitung arbeitenden Typus des Funktiona?rs, des Bu?rokraten, unterwirft und dabei u?bersieht, daß nicht jeder auf dieser Welt durch, beispielsweise, Konsumpropaganda und Gesundheitsindustrie beglu?ckt werden mo?chte.

Der schmale Grat zwischen Macht und Ohnmacht, Himmel- und Ho?llenfahrt, erweist sich deutlich in der Rede vom Menschlichen, wenn dieses aus seiner Selbstbezu?glichkeit herausgedreht und mit dem Anderen konfrontiert wird, so dem Tierischen und zugleich Go?ttlichen, das im Schopenhauerisch-Nietzeanischen Willen wohnt und aus allem, was wir stolz Kultur nennen, ein großes, bald tragisches, bald komisches Welttheater macht. Theater war auch dieses Cafe?, Faust und Mephisto hatten expressis verbis in Beitra?gen ihren Auftritt, durchaus auch das Absurde und La?cherliche, ohne das das Erhabene nicht zu haben ist.

Der Mensch, und mit ihm das Menschliche, ist nicht der Herr der Erde, allenfalls dessen Hu?ter, worauf Heidegger aufmerksam gemacht hat („Hu?ter des Seins“), was bedeutet, daß die Vernunftbegabung, die den Menschen in der Tat von der tierischen Intelligenz unterscheidet, eine besondere Verpflichtung bedeutet. Dies nicht nur gegenu?ber der Natur und der Umwelt, sondern auch gegenu?ber sich selbst und Seinesgleichen, weshalb in der Diskussion auch – vor allem seitens des Themengebers – auf bestimmte Basisregeln des Menschlichen aufmerksam gemacht wurde: so auf die „Goldene Regel“ und Martin Bubers

dialogisches Prinzip. Dagegen erhob sich allerdings auch mit La Rochefoucauld der Hinweis, daß gegen die egoistische Eigenliebe des Menschen kein Kraut gewachsen ist, am allerwenigsten Vernunft und Empathie. Solchem Pessimismus mochte das Cafe? freilich nicht folgen, denn immerhin wachse aus der ewigen Dialektik von Menschlichem und Unmenschlichen eine Kompetenz heraus, die den Menschen wenn nicht gleich zum Maß aller Dinge qualifiziert, so doch zu einem mehr von Demut, und nicht Hybris, bestimmten Mitakteur der Scho?pfung. Diese Kompetenz ist das „Erkenne dich selbst“ der alten Weisheitslehre, ein Grundsatz, der auch, in der Gruppendynamik etwa, geeignet ist, dem ausufernden Narzißmus zu begegnen.

Den Abschluß dieses Cafe?s, das – so viele Teilnehmer beim Herausgehen – gar nicht so mißlungen war, wie es den Anschein hatte, bildete die U?berlegung, ob es u?berhaupt sinnvoll sei, das Menschliche im Hinblick auf seine Chancen definieren zu wollen. Zwischen „Wissen“ und „Werten“ wird es hier niemals eine halbwegs akzeptable Balance geben. Daher sei es besser, anstelle von Definitionsbemu?hungen und logischen Ausdifferenzierungen topologisch zu verfahren, Ero?rterungen zu treiben, Material zu sammeln, vielleicht auch pha?nomenologisch vorzugehen, in der Art der Analyse von Intentionen. Dann wu?rde man vielleicht tatsa?chlich Erfolg haben mit dem Versuch, bei einem solchen Thema „den Pudding an die Wand zu nageln“, wie es ganz am Anfang das Gespra?chs hieß.