„Europa zerfa?llt und keiner tut etwas“

Zur Einfu?hrung fasste ich kurz meine Auffassung der Debatte im Cafe? hilo– stark von jener Marc Sautet’s beeinflusst – zusammen.

Wittgenstein folgend, betrachte ich das ?demokratisch gewa?hlte Thema so wie eine mir und uns unbekannte Stadt von der ich – da es sich ja nicht um einen vorbereiteten Vortrag handelt, sondern um ein improvisiertes Thema – keinen Plan besitze. So „irre“ ich mit den u?brigen Cafe?philisten am Anfang in dieser Stadt/Thema ziellos eine gewisse Zeit lang bis so etwas wie eine Organisation, eine Struktur der Stadt/ Themas sichtbar, erkennbar wird : ein Zentrum der Stadt/das zentrale Problem des Themas, die Wege/ Voraussetzungen die zu ihm fu?hren, was mit dem Zentrum/zentralen Problem verbunden ist, u.s.w. Soweit die Metaphore Wittgensteins…

Ich gehe auch nicht von den gegebenen Definitionen, Begriffen aus, auch in diesem Punkt von Wittgenstein belehrt :“Don’t ask for the meaning, ask for the use“ (Frage nicht nach der Bedeutung sondern nach seinem Gebrauch). Jeder hat na?mlich seine eigene Definition, sobald es sich nicht um einfache, materielle Dinge (Gib mir das Salz !, Wie spa?t ist es ?, usw) handelt, sondern um komplizierteres, symbolisches. Jeder Philosoph – und im Cafe? Philo ist jeder „Philosoph“, „Amateur- philosoph“, d. h. er liebt (amat) die Philosophie (vgl. Christian Godin) – hat seine eigenen Begriffe, oder genauer gesagt : conceptualise (bildet seine eigenen Begriffe). Ernesto Grassi, ein „abtru?nniger“ Schu?ler Heideggers : „Jedes echte philosophische Gespra?ch ist ein semantisches Abenteuer“.

Ein philosophisches Thema, um fu?r den Cafephilisten interessant, spannend zu sein, muss in der Lage sein, das Leben des Cafephilisten irgendwie zu beeinflussen; eine Debatte u?ber das Geschlecht der Engel ist nur fu?r die Spezialisten interessant. Ich erinnere deshalb regelma?ssig daran, fu?r sich ein solches Interesse – und nicht nur den „Spass“ am theoretischen Argumentieren – herauszufinden…

Ausnahmsweise suchten wir jedoch, zu Beginn, was eigentlich „Europa“ bedeutet. Wir schwankten zwischen dem geographischen (geho?rt zum Beispiel Russland zu Europa ?) und dem geistigen (Europa ist Erbe der franzo?sischen Revolution und der Aufkla?rung) Begriff.

Ein Cafe?philist betonte die Schatten die jedes Licht (Aufkla?rung auf Franzo?sisch : les Lumie?res, die Lichter) wirft und knu?pfte damit an Ho?lderlin an; jener wu?nschte sich eine „ho?here Aufkla?rung“, und mehrere franzo?sische, zeitgeno?ssische Philosophen betonen ihrerseits den Schatten die die Aufkla?rung warf . Der Glaube der Aufkla?rer an eine allma?chtige, alles „Irrationale“ u?berwindende Vernunft (Kant geho?rt natu?rlich nicht dazu) wurde schon von Adorno und Horkheimer bezweifelt und sogar scharf kritisiert : „Die Aufkla?rung ist die Autobahn zu Auschwitz“.

Verschiedene Gru?nde wurden fu?r den Zerfall, oder zumindest fu?r die Bedrohung eines Zerfalls Europas genannt : die u?bereilige Erweiterung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, die Wirtschaftskrise ausgelo?st von den amerikanischen Subprimes, und vor allem der massive Flu?chtlingsstrom mit den A?ngsten einer Verfremdung und dem Verlust der nationalen Identita?ten. Diesbezu?glich fand ein interessanter Gedankenaustausch u?ber die Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland statt; wir unterschieden zwischen Patriotismus (die Liebe zu seinem Land), Nationalismus (man glaubt, dass sein eigenes Land besser als die anderen ist), Chauvinismus (man verachtet die anderen La?nder).

Frankreich ist, aus offensichtlich geschichtlichen Gru?nden, viel weniger bereit auf seine „nationale“ Identita?t zu Gunsten einer europa?ischen Souvera?nita?t zu verzichten. Man muss jedoch zwischen zwei Begriffen von Identita?t scharf unterscheiden : eine statische (Paul Ricoeur : identite? idem) und eine dynamische (derselbe : identite? ipse) : ein Leben genu?gt nicht um wirklich „ich“ sagen zu ko?nnen, so sehr sind wir von Erziehung, o?ffentlicher Meinung, Mode, usw. bedingt. Diese Unterscheidung zwischen statischer und dynamischer Identita?t kann auch auf soziale Gebilde (verkalkte oder lebendige) extrapoliert werden.

Die zentrale Problematik drehte sich jedoch, im Sinne des „Vaters des Themas“, um die bestehende („positive“, im Gegensatz zur spekulativen) Natur der europa?ischen Union.

Es bestand Einstimmigkeit, dass sich die E.U. in einer Krise befindet.

Was ist jedoch eine Krise ? In meinen Augen ist da die Definition von A. Gramsci die Beste : “ Krise bedeutet, dass das Alte nicht sterben und das Neue nicht zur Welt kommen kann“.

Hegel bringt die Metapher der Schlange, die ihre alte Haut gegen eine neue wechselt und W. Benjamin, im selben Sinne, u?ber tragische, fatale Krisenlo?sungen : Der Faschismus – die Schlange erstickt in ihrer alten Haut – ist das Resultat einer gescheiterten Revolution („Hautwechsel“, d. h.

neue, bessere Institutionen fu?r neue Lebensformen). Das wa?re eine historische Erkla?rung des Sieges der Nazis in einem vorrevolutiona?ren Deutschland nach dem ersten Weltkrieg.

Die Cafephilisten spalteten sich, grob gesprochen, bezu?glich der Antwort auf eine philosophisch bedeutsame Frage, in zwei Lager : „Was ha?lt eigentlich, im Grunde, eine (hier) „nationale“, (ein Wort, im Gegensatz zu Frankreich, mit Vorsicht zu verwenden) Gemeinschaft zusammen ?“

Seit den europa?ischen Religionskriegen des 17. Jahrhunderts wird das egoistische Interesse des „doux commerce“ (der „sanfte Handel“, Montesquieu) fu?r weitaus friedlicher gehalten als z. B. Die Religionen (vgl Hirschmann Les passions et les inte?rets). Weder der Stalinismus noch der Nazismus und Faschismus entsprechen den traditionellen Religionen….Kann man jedoch von „profanen Religionen“ sprechen ? Ich glaube schon, Hanna Arendt ist entschieden dagegen.

Ein „Lager“ meinte also, dass es die praktischen Interessen sind : der Euro, keine Grenzen mehr, einheitliches Recht, usw., die die Europa?er zusammenhielten und weiter zusammenhalten sollten. Fu?r die anderen, war das nicht genug, beklagten den o?konomistischen Ursprung der E.U. (die Montanunion) und kritisierten den Mangel an „spirituellen“ Zielen und Werten der E.U. Der weltweit herrschende O?konomismus (vgl. Marx : der Monotheismus des Geldes und der Fetischismus der Ware) hat u?brigens den ebenso weltweiten Wirtschaftskrieg ausgelo?st; selbst die Staaten der E.U. stehen zueienander in scharfer Konkurrenz. Jeder Staat versucht, mittels sozialem und fiskalem dumping Investoren fu?r sich zu gewinnen.

Europa ko?nnte jedoch fu?r die ganze Welt ein Beispiel geben fu?r eine andere, sowohl o?kologische als auch gesellschaftliche, soziale, kulturelle Entwicklung, fu?r einen, wenn man die Welt „von oben betrachtet“ notwendigen Paradigmenwechsel. Sind wir nicht auf der Titanic die sich dem Eisberg na?hert ?

Nur ein tiefer und umfassender Paradigmenwechsel kann die Menschheit vor den bevorstehenden Klima-, Erna?hrungs-, Wasser- und sonstigen Umweltkatastrophen schu?tzen. Selbst der sehr liberale ex-Pra?sident Sarkozy hatte zu seiner Amtszeit eine von Nobelpreistra?ger Stieglitz geleitete Kommission einberufen, um neu zu bestimmen was „Reichtum“ eigentlich bedeutet.

Europa ko?nnte den Weg fu?r eine anthropologische und soziale Metamorphose zeigen, d.h. es ko?nnte auf Einstein ho?ren : „Ein Problem wird nicht mit denselben Mitteln gelo?st die zu dem Problem (die

Tyrannie des O?konomismus der die Politik ersetzt, und jene des homo economicus der den „citoyen“ ersetzt hat) gefu?hrt haben“.

Europa ko?nnte die Krise scho?pferisch (Gramsci : das Neue zur Welt bringen, eine Art kollektiver Ma?eutik) u?berwinden; schon Plato verglich den Menschen der dank der (lebendigen, existentiellen) Philosophie u?ber sich hinausgeht mit einer Raupe die sich zum Schmetterling entpuppen kann.

Die offensichtliche Krise Europas, falls sie u?berwunden wird – nichts verurteilt Europa zum Zerfall, die Geschichte ist kontingent, unvorhersehbar – kann Europa nur sta?rken.

Die ZENTRALE Frage lautet : sind wir Europa?er fa?hig, neues, unbekanntes zu erfinden, scho?pferisch zu denken und zu handeln oder nicht ?

Die erste Finalita?t der lebendigen, existentiellen Philosophie besteht sie nicht im Wesentlichen darin, unsere individuelle und kollektive scho?pferische Kraft – anders gesagt, unsere tiefen Lebenskra?fte – aus Vorurteilen, statischen Identita?ten, begrifflichen Verkalkungen zu befreien ?

„Denn diese geistige Zerru?ttung, die uns in den Wahnsinn treiben kann, gibt der Philosophie ihre urspru?ngliche Bestimmung zuru?ck : die gemeinsame Wahrheitssuche. Und zweifellos ausdiesem Grund ist ihre Ausu?bung mit sichtbarer Freude verbunden. Ja, mit Freude ! Zumindest kann ich das seit Beginn meiner Ta?tigkeit beobachten. Sogar dann, wenn am Ende einer Debatte im Cafe? Frustration herrscht, selbst wenn die Spannung zwischen den Seminarteilnehmern unertra?glich wird oder wenn auf einer Reise die einen weitermachen wollen, wa?hrend die anderen genug haben, ist das Vergnu?gen zu spu?ren. Ein ganz besonderes, aber offenkundig intensives Vergnu?gen, so, dass sie wie die (noch einmal) Davongekommenen wirken, sie scheinen aus einer tiefen Ohnmacht zu erwachen.

Es handelt sich hier um ein sehr einfaches Glu?ck : das Glu?ck, dem Tod [dem geistigen, dem Tod der „Seele“, G.G.] entronnen zu sein und es zu wissen.. Daher vermutlich die Dankbarkeit, die man meiner Art, Philosophie zu treiben, bezeugt“; Marc Sautet Ein Cafe? pour Sokrates (Philosophie fu?r jedermann), Verlag Siedler; 1999, Seite 131 u. f.).

Gunter Gorhan 10. Mai 2016