„Warum sind sie auf uns so wu?tend?“

Moderator Dr. Bernhard Tucker

„Wut“ ist wohl ein expressionistischer Begriff. Der Ausdruck sagt vorab alles: Außer sich geraten, sich empo?ren, Angriffslust verspu?ren, Ausbrechen aus unertra?glich und tru?gerisch empfundener Ruhe, elementare Unruhe.

Was bedeutet dies, genauer: warum sind „die“, gemeint sind die radikalen Zivilisationskritiker unterschiedlicher Provenienz, wu?tend auf „uns“, d.h., die Inhaber komfortabler Positionen innerhalb der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ mit ihren materiellen, aber auch immateriellen und kulturellen Gratifikationen? Dieses Thema des heutigen Cafe?s behandelte die Frage, warum so viele Menschen in so unterschiedlichen Weltregionen nicht mehr bereit sind, ein „wahres Leben im Falschen“ zu fu?hren und dagegen mit unterschiedlicher Intensita?t aufbegehren.

Zuna?chst aber musste im philosophischen Wut-Diskurs der Begriff „Wut“ gekla?rt werden, bevor es, der Themenstellung entsprechend, ins Politische ging. Was also ist „Wut“? Philosophische Wu?rde gewinnt der Begriff durch den benachbarten, aber doch aus einer ganz anderen ontologischen Region kommenden Begriff des Zorns (Griech. Thymos, Lat. ira), der eine nicht statthafte, extreme Form der Begierde meint, der, wenn u?berhaupt, nur den Go?ttern („Zorn Gottes“) zukommt und als etwas Heiliges („Heiliger Zorn“) und zu a?ußersten Zeitpunkten („Dies irae“) in Extremsituationen wie dem Krieg erlaubt ist. Diesem, seit der Antike immer wieder thematisierten Wutbegriff steht der bu?rgerliche Wutbegriff schon deshalb entgegen, weil hier die Urspru?nge der Wut nicht bei den Go?ttern und deren Ordnung verortet werden, sondern im Menschen und seinen Ordnungen selbst. Hier wurde zuna?chst psychologisch argumentiert. Wut ist eine Katharsis, eine Reinigung und Triebabfuhr, die im Energiehaushalt der Psyche notwendig wird, wenn keine alternativen Formen der Verarbeitung (Rationalisierung, Sublimierung) bestimmter negativer Erfahrungen wie Gewalt, Beleidigung, Demu?tigung und Frustration zur Verfu?gung stehen.

Von hier aus ging die Diskussion u?ber auf die soziale Ebene: wu?tend wird man, wenn man sich ungerecht behandelt fu?hlt und es keine Mo?glichkeit, etwa durch Verhandlung, gibt, diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen. Soziale Umsta?nde, die Respekt und Anerkennung vermissen lassen, machen wu?tend, vor allem, wenn das Gefu?hl der Ohnmacht zu einem dauerhaften Zustand wird. („Ohnma?chtige Wut“ als ga?ngiger Topos) Die Arroganz der Macht, und zwar in jeder Ordnung, in der z.B. durch Bu?rokratie selbstgefa?llige Verkrustungen und organisierte Gedanken- oder Verantwortungslosigkeit um sich greifen, erzeugt Wut. Der Typus des „Wutbu?rgers“ entsteht hier, dessen „Indignez-vous“ (Hessel) nicht gleich auf eine

Systemvera?nderung zielt, oder gar auf eine revolutiona?re Systemu?berwindung wie z.B. in der Studentenbewegung um ’68, sondern darauf, an einem konkreten sozialen Brennpunkt eine konkrete Ungerechtigkeit durch direktes Basishandeln zu beseitigen.

An dieser Stelle wurde in der Diskussion deutlich, wie man Wut im Sinne einer positiven Vera?nderungskraft wenden kann. Das setzt allerdings voraus, dass schon in der Definition von „Wut“ gleichsam das „Blindwu?tige“ und Irrationale, das dem Wutbegriff vorab anhaftet, ersetzt wird durch das Rationale und Zielorientierte, wodurch sich „Wut“ verwandelt in Widerstand. Dadurch wird auch das Moment des Aggressiven, das der Wut naturgema?ß innewohnt, umgewandelt in eine neuartige Gestaltungskraft. Auch das Unkontrollierte und Außer-sich-Sein, „Existenzielle“ im pra?zisen Wortsinn („ex-iste“=“heraus-da“) kann so erma?ßigt werden zu einem „Zuru?ck“ in eine Spha?re, in der wieder gedacht wird – denn, wer wu?tend ist, denkt nicht. In einem Beitrag wurde diesbezu?glich das Diktum von Adorno zitiert: „das Denken ist die sublimierte Wut“.

Von der zivilisierten, auf Widerstand herabgestimmten Wut des „Wutbu?rgers“ bewegte sich nun die Diskussion mehr in die Richtung der Intention des Themengebers. Hier ging es jetzt versta?rkt um die Betrachtung des Wutpotentials im radikalen Kampf gegen die Zivilisation als die Lebensform des Westens seitens des islamistischen Terrorismus. Warum sind „die“ so wu?tend? Es geht doch offensichtlich um mehr als aus dem Islam, immerhin eine der weltweit seit Jahrhunderten etablierten, großen monotheistischen Weltreligionen, eine Ideologie zu machen, deren wesentlicher Inhalt, wie es scheint, die Zersto?rung des Westens ist.

Das Unbehagen an der kapitalistischen Globalkultur geht – das zeigte das Cafe?-Gespra?ch deutlich – viel weiter, es bezieht auch die radikalkritische Selbstreflexion der westlichen Zivilisation mit ein, deren Frustrationspotentiale in Bru?ssel, Paris und Ostdeutschland, man denke hier an die Wutbu?rger „von Rechts“, die sozialstaatliche Gemu?tlichkeit Europas unter Hinweis auf das „Fremde“ und Angstmachende unterminieren und am Ende a?hnlich fundamentalistisch agieren wie der Terrorismus im Namen von Allah. Die Wut, mit der wir es allma?hlich zu tun bekommen, ist zwar global vernetzt und internetgestu?tzt; sie kennt aber keine klar definierbaren Freund-Feind-Grenzen, sie ist asymmetrisch in dem Sinne, dass niemand sagen kann, wann aus dem „Pegida“-Aktivisten der Selbstmordattenta?ter im Auftrag des IS wird. Es gibt keine Eindeutigkeiten mehr.

Daher war es ein wichtiges Ergebnis der Diskussion, die Dinge dialektisch zu betrachten, also von ihrem Gegenteil und Widerspruch her. Das zeigte sich, als deutlich gemacht wurde, der Terrorismus sei schließlich, durch eine lange Geschichte der Kolonisierung des Ostens vom Westen her, durch die strukturelle Gewalt der Zivilisation selbst erzeugt. Man mu?sse, so hieß es, die Dinge immer von allen Seiten ansehen und sich dabei, wie es in der Philosophie ohnehin u?blich ist, mit Werturteilen zuru?ckhalten.