„Sind Politik und Philosophie trennbar?“

Moderator Alexander Kerber

Eingangs wurde angemerkt, dass es besser sei im Vorhinein zu kla?ren, was mit den Begriffen „Politik“ und „Philosophie“ gemeint sei, damit sich die Frage sinnvoll beantworten lasse. Zwar wurde danach keine feste Definition der Begrifflichkeiten geliefert, im Laufe der Diskussion stellte sich jedoch heraus, dass sich auch mit unscharfen Begriffen arbeiten ließ, was „Philosophie“ sein ko?nnte oder sein sollte, und was man unter „Politik“ verstehen ko?nnte oder sollte.

Eingangs wurde die These aufgestellt, dass man fu?r politische Ausrichtungen, dabei wurde insbesondere auf totalita?re Ausformungen wie den Faschismus oder Kommunismus rekurriert, kein philosophisches Fundament beno?tige. Der Moderator wies darauf hin, dass insbesondere kommunistische Regimes – allgemeiner: der Kommunismus als Idee – ihren Ursprung in den U?berlegungen von Karl Marx und Friedrich Engels gehabt hatten, die wiederum stark von der hegelianischen Philosophie beeinflusst waren.

Die Frage, ob man Politik ohne Philosophie betreiben ko?nne, wurde verneint, da man mindestens eine Teildisziplin der Philosophie, namentlich die Ethik beno?tige, um Fehlentwicklungen in der Politik korrigieren zu ko?nnen. Es wurde jedoch Skepsis hinsichtlich dieser These gea?ußert, da nicht klar war, ob einerseits die Politik nicht selber in der Lage wa?re, ihre eigenen Fehlentwicklungen zu korrigieren, also die Philosophie nicht notwendigerweise beno?tigte, und ob damit nicht andererseits der Philosophie mehr Kompetenz zugesprochen wurde, als sie in der Lage wa?re zu handhaben.

Aus dem Publikum wurde darauf hingewiesen, dass die deutsche Verfassung inha?rent philosophisch sei, und dass daraus der Schluss gezogen werden mu?sse, dass Politik ohne Philosophie nicht mo?glich sei. Ausgehend von dieser Bemerkung versuchte sich der Moderator an einer Neu- und Umformulierung der Fragestellung, und den Fokus darauf zu legen, dass anerkannt wurde, dass es durchaus philosophische Urspru?nge fu?r inzwischen institutionalisierte politische Strukturen ga?be, aber weiterhin die Frage bestu?nde, ob man auch heutzutage fu?r politisches Handeln ein philosophisches Fundament beno?tigte. Es wurde diesbezu?glich eine Kla?rung des

Begriffes „politisches Handeln“ gefordert, welches bisher schon verwendet, aber noch nicht genu?gend definiert worden war. Es mu?sse klargestellt werden, ob mit „politischem Handeln“ das Handeln von Einzelpersonen oder das Handeln der jeweiligen Funktionstra?ger gemeint sei.

Daru?ber hinaus wurde der Versuch gemacht, den weiterhin unklar umrissenen Begriff der Philosophie na?her einzugrenzen und die Aufgabe der Philosophie als die Verknu?pfung des Allgemeinen mit dem Besonderen zu verstehen.

Eine weitere Umformulierung der Ausgangsfragestellung wurde versucht, in der man besprechen wollte, ob auf praktischer Ebene eine A?nderung der Verha?ltnisse in der Politik extern durch die Philosophie geregelt werden mu?sse, oder ob diese nur intern durch die Politik geregelt werden ko?nne. Erneut wurde auf die deutsche Verfassung Bezug genommen, speziell deren Artikel1-20, die nicht nur als genuin philosophisches Produkt, als „geronnene Philosophie“, sondern auch als ein Ausfluss ehemaliger philosophischer Bemu?hungen verstanden wurde. Eine Trennung von Politik und Philosophie sei vor diesem Hintergrund also nicht nur schwierig, sondern auch ganz unmo?glich. Es wurde jedoch davor gewarnt, dass sich Philosophie und Politik zwar nicht trennen ließen, dass aber eine U?berphilosophisierung der Politik dennoch gefa?hrlich sein ko?nnte. In einer Randbemerkung wurde in diesem Zusammenhang von Platons Philosophenko?nigen und der Popper’schen Lesart des platonischen Staates (Popper hielt Platons Ausfu?hrungen in der Politeia fu?r proto-faschistisch) geredet und eine allgemeine Skepsis bezu?glich des Status philosophisch- fundierter Meinung in politischen Belangen gea?ußert.

In einem weiteren Kommentar wurde das Schreiben, und insbesondere das philosophische Schreiben, als genuin politischer Akt verstanden, was zu einer Diskussion u?ber die Beteiligung deutscher Intellektueller in der O?ffentlichkeit fu?hrte, insbesondere zu tagespolitischen Themen. Es wurde die Frage gestellt, warum so wenige deutsche sogenannte Intellektuelle sich bezu?glich tagespolitischer Themen bedeckt halten, und ob eine Stellungnahme zu tagespolitischen Themen nur mit Ru?ckgriff auf eine philosophische Meinung Sinn mache.

Unter Bezugnahme auf Nietzsche und der, wie der Moderator einwenden musste, missbra?uchlichen Verwendung seiner Ideen im Rahmen des Dritten Reichs, und aktuellen Beispielen wie dem IS, wurde auf die Gefahren hingewiesen, die sich aus einer philosophischen und religio?sen Fundierung politischer Stro?mungen ergaben. Dennoch wurde daran festgehalten, dass philosophisches Wissen wichtig in der politischen Entscheidungsfindung sei, und dass daher eine Allianz zwischen Philosophie und Politik nur produktiv sein ko?nne. Ein anderer Kommentar wies darauf hin, dass Politik ohne Philosophie im weitesten Sinne, d.h. einschließlich aller Unterdisziplinen wie der Erkenntnistheorie, Ontologie, Logik etc., u?berhaupt nicht mo?glich sei, und man daher keine philosophiefreie Politik betreiben ko?nne.

Es wurde klar, dass sich die anfa?ngliche Fragestellung hinsichtlich der Kla?rung dessen, was unter Philosophie und was unter Politik verstanden werden ko?nnte, nun etwas genauer fassen ließ: „Philosophie“ wurde gro?ßtenteils im klassischen Sinne als Liebe zu Weisheit, aber auch als vernu?nftiges, u?berlegtes Denken und Handeln verstanden, wa?hrend man sich unter dem Stichwort „Politik“ hauptsa?chlich auf die Demokratie als einer speziellen politischen Staatsform versta?ndigte. Der Moderator merkte an, dass auch der Begriff der „Demokratie“ ein schwieriger und schwer zu fassender sei, bei dem man Gefahr laufe, eine bestimmte Form der Demokratie vor einer anderen Form der Demokratie zu privilegieren – mo?glicherweise zu Unrecht.

Die Diskussionsteilnehmer fragten sich nun, unter sta?rkerer Gewichtung des Aspekts dessen, was Demokratie sein kann, ob Europa demokratisch verfasst sei. Dabei wurde die Befu?rchtung angemeldet, dass die derzeitigen Vera?nderungen und Prozesse, von denen man sich am Rande fragte, wieso sie erst jetzt offenbar und thematisiert wurden, in La?ndern wie Polen und Ungarn im schlimmsten Fall zu einem Ru?ckfall in totalita?re Strukturen und damit zu einer Scha?digung demokratischer Strukturen fu?hren ko?nnten.

Zustimmung erhielt ebenfalls die These, dass die Politik nicht notwendigerweise Philosophie beno?tigte, sich aber philosophisch denkende Menschen nicht nur politisch beta?tigen sollten, sondern im Vollzug des Denkens zwingend auf die Politik zubewegten. Dabei wurde der Politiker als jemand definiert, der seine Macht vom Volk erha?lt, indem dieses einen Teil seiner Macht abgibt. Die Aufgabe des Philosophen sei es nun, diese Macht positiv zu lenken. Erneut wurde skeptisch angemerkt, dass die Gefahr einer „Elitenherrschaft“ der Philosophen bestu?nde und dass dies keine Konsequenz sei, die man bereit wa?re zu tragen.

Erneut wurde die Frage gestellt, warum sich scheinbar sogenannte „Intellektuelle“ nicht sta?rker politisch beta?tigten, und vermutet, dass sich insbesondere Akademiker aus o?ffentlichen Debatten heraushielten und sich auf ihre universita?re Ta?tigkeit zuru?ckzo?gen. Der heutige Typus des Politikers wurde allgemein als jemand bezeichnet, der hauptsa?chlich Partikularinteressen verschiedener Konzerne vertrete, und damit also eigentlich ein Lobbyist sei.

Die bisher weithin unterschlagene Antwort auf die Frage, in welchem Sinne man den Begriff des „politischen Handelns“ verstehen sollte, wurde nun auf die Handlung des Individuums bezogen, wobei jedoch weiterhin zu kla?ren blieb, welche Qualita?t politisches Handeln auszumachen habe. Der Moderator versuchte sich an einer polemischen Formulierung dessen, was Demokratie im Kern ausmache, in dem er behauptete, dass derjenige, der die meisten Stimmen habe, nun einmal gewinne, und dass dabei ha?ufig die Frage, wer nun die meisten Stimmen habe, letztendlich keine Rolle mehr spiele. Es wurde problematisch angefu?gt, dass unklar sei, wieso unsere Werte und nicht

die Werte von uns widersprechenden Weltanschauungen diejenigen sein sollten, die sich durchsetzen, und ob sich diese Frage philosophisch oder politisch kla?ren lasse.

Aus dem Publikum kam nun die Frage, ob man gesellschaftliche, politische, o?konomische Entwicklungen – insbesondere z.B. das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP – als eine Konsequenz der Entphilosophisierung unserer Gesellschaft verstehen ko?nne. Zudem wurde die Frage gestellt, ob man Bewegungen wie PEGIDA als Solidargemeinschaften aus falschen Gru?nden verstehen ko?nnte, und ob es letztlich nur Solidargemeinschaften mit den richtigen Gru?nden geben du?rfte, um den als problematisch empfundenen Entwicklungen entgegenzuwirken. Dabei wurde jedoch bemerkt, dass die Frage, wodurch man richtige von falschen Gru?nden unterscheidet, sowohl politisch (als Konsensentscheid) als auch philosophisch (mit Rekurs auf objektive Kriterien) beantwortet werden kann.

Erneut wurde von Seiten des Publikums darauf hingewiesen, dass die Ethik vor allem als Wirtschaftsethik an Wichtigkeit zunehmen werde, und damit die Philosophie einen nicht geringen Einfluss auf wirtschaftliche Prozesse habe und auch haben mu?sse, da es das einzige Ziel der Wirtschaft sei, den Profit zu maximieren.

Als Grund fu?r die scheinbare Tra?gheit der deutschen Bu?rger, sich fu?r politische Belange einzusetzen, wurde das Schlagwort der Politikverdrossenheit bemu?ht und erkla?rt, dass es uns zu gut gehe und wir daher nicht protestieren wu?rden. Eine weitere Polemik von Seiten des Publikums lag in der scharfen These, dass die O?konomisierung der Politik solch ein Ausmaß angenommen habe, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel vielleicht nur noch die Gescha?ftsfu?hrerin einer deutschen GmbH sei. Der Moderator problematisierte diese Formulierung, da solche Aussagen ebenfalls auf Veranstaltungen wie den Montagsmahnwachen gea?ußert wu?rden, um verschwo?rungstheoretische sowie rechtsesoterische Thesen zu skandieren.

Ein weiterer Versuch der Differenzierung wollte zeigen, dass man die Autokratie von der Demokratie abzugrenzen habe, und dass die Autokratie keine Philosophie brauche, wa?hrend eine Demokratie – ohne na?here Erla?uterung welcher Art von Demokratie – immer Philosophie brauche. Der Moderator versuchte erneut auf die unklare Verwendung des Begriffes Demokratie hinzuweisen, indem er nach einer Kulturabha?ngigkeit demokratischer Staatsformen fragte, und ob man, und wenn ja, wie man bessere von schlechteren Demokratien unterscheiden ko?nne.

Aus Zeitgru?nden wurde eine Zusammenfassung einiger Teile der Diskussion versucht. Dabei gab der Moderator mit Rekurs auf das Ausgangsthema, welches er selber vorgeschlagen hatte, zu, dass sich seine U?berlegungen aus den Gedanken Richard Rortys speisten, der jedoch einen sta?rkeren Fokus auf die gesellschaftsvera?ndernde Qualita?t von Literatur legte; einen Aspekt der in

der Diskussion vernachla?ssigt wurde. Rortys U?berlegungen seien jedoch insofern als problematisch zu beurteilen, als sie sich dezidiert ethnozentrisch geba?rden und damit unklar werde, ob sich seine Thesen, die ihren Ru?ckhalt in einem amerikanischen Versta?ndnis von Demokratie finden, ohne weiteres auf deutsche Verha?ltnisse u?bertragen lassen.

Die weitere Zusammenfassung wurde zugunsten weiterer Wortmeldungen, die zu dieser vorangeschrittenen Zeit auch nicht mehr auf die ausdru?ckliche Genehmigung des Moderators warteten, unterbrochen. Dabei wurde erneut betont, dass die Philosophie eine notwendige Begleiterscheinung der Politik sei, es also mit der Politik zusammen auch immer Philosophie als Fundament geben mu?sse. Eine weitere Wortmeldung wollte dies anhand des Kulturbegriffs des antiken Griechenlands erla?utern, konnte dies aus Zeitgru?nden jedoch nicht mehr erledigen, sodass eine weitere Diskussion auf ein Außerhalb der Veranstaltung vertagt werden musste.

Du?sseldorf, 14.02.2016